«Auf ein Wort»-Kolumne
Drii, drüü, drei – althochdeutsche Zahlen sind keine Hexerei

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, wieso die althochdeutschen Formen der Zahlwörter längst nicht so kompliziert sind wie die lateinischen.

Niklaus Bigler
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«Driiezwänzg» oder «Dreyezwanzig»? Das entscheidet die kantonale Herkunft.

«Driiezwänzg» oder «Dreyezwanzig»? Das entscheidet die kantonale Herkunft.

Bild: fotolia

Die alten Sprachen, das merkt man in der Schule beim Büffeln, zeichnen sich durch Formenreichtum aus. Sogar Zahlwörter hatten im Althochdeutschen noch verschiedene Formen je nach Geschlecht und Fall des Substantivs.

Im Standarddeutschen gibt es nur noch die Form drei; aber althochdeutsch war es drī, drīo und driu (als langes Ü gesprochen). Die schweizdeutschen Verhältnisse sind nicht einheitlich: Im Gebiet um den Gotthard (Wallis, östliches Berner Oberland, Unterwalden, Uri) kennt man nur noch eine Form (drii), denn das Neutrum drüü ist durch die Entrundung mit dem alten drii zusammengefallen.

Weiter nördlich, von Freiburg bis zum Walensee, haben sich die ursprünglichen Vokale erhalten: Drii Manne, drii Fraue, drüü Chind. In den übrigen Gebieten, vom Bielersee bis zum Bodensee, ist althochdeutsch drii zu drei geworden, so wie Brii zu Brei und frii zu frei. Somit heisst es hier drei Manne, drei Fraue, drüü Chind.

Eine weitere, quasi die hochdeutsche Flexion findet sich rund um Basel und im Bündner Rheintal: Drei Manne, drei Fraue, drei Chind. Schon um 1940/50, als die Daten für den Sprachatlas der deutschen Schweiz gesammelt wurden, tauchte diese Einheitsform auch da und dort in der Nordostschweiz auf, besonders in Städten. Die Formen der Standardsprache sind halt einfacher und setzen sich zunehmend in der Mundart durch.

Beim Zahlwort zwei ist es nicht anders. Ich hatte mir aber als Jüngling das alte, dreiformige System (zwee, zwoo, zwöi) wieder einstudiert, schliesslich ist das nicht halb so schwer wie die vielen, längst vergessenen Formen der lateinischen oder der altgriechischen Grammatik.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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