Die Sprachstilistin
Weg mit dem Firlefanz!

In ihrer neusten Kolumne denkt unsere Autorin Odilia Hiller über guten Stil nach. Im sprachlichen wie im visuellen Sinn.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Eine kluge Modebloggerin aus Paris hat vor kurzem versucht, dem Geheimnis des guten Kleiderstils auf den Grund zu gehen.

Haupterkenntnis von Isabelle Thomas: Klasse lässt sich weder verordnen noch kaufen. Aber sie hat viel mit Schlichtheit zu tun. Und mit Weglassen.

Ich habe mich gefragt: Lässt sich das vermeintlich oberflächliche Mode­thema auf so etwas Intellektuelles wie den Sprach- und Schreibstil anwenden? Machen wir den Test. Er hält Überraschendes bereit.

Eleganz ist nicht käuflich

Je teurer erstanden, desto eleganter? Hat noch nie funktioniert. Stil hat mit dem Portemonnaie nichts zu tun. Auch guter Sprachstil lässt sich nicht kaufen, weder mittels Rechtschreib- und Grammatik-Software noch durch Rhetorikkurse, deren Organisatoren einem gleich noch mit auf dem Weg geben, mit welchen Gesten man seine Worte im Businessmeeting untermalen sollte. Anders gesagt: Sparen Sie Ihr Geld für Klügeres.

Gute Gene?

Das lassen wir mal vorsichtig aus. Nachzuweisen, ob guter Stil erblich ist, würde an dieser Stelle entschieden zu weit führen. Interessant ist die Frage aber allemal.

Eine Frage der Haltung?

Absolut. Ebenso wie elegante Menschen der Welt erhobenen Hauptes begegnen, zeichnen sich stilsichere Wortkünstlerinnen und -künstler durch innere Haltung aus. Ohne sie entsteht kein guter Text. Nie. «Avoir de l’allure» ist nicht das Gleiche wie «Allüren haben».

Diskretion? Understatement?

Auf jeden Fall. Weniger ist mehr, und Bling-bling ist der Tod jeden guten Stils. Das wusste Stilikone Audrey Hepburn ebenso wie Eduard Engel, Autor der «Deutschen Stilkunst» aus dem Jahr 1922. Er zitiert Schopenhauer mit den Worten: «Jedes überflüssige Wort wirkt seinem Zwecke gerade entgegen.»

Der Mut, sich selber zu sein, egal, was es bedeutet

Authentizität ist das Gegenteil von Schwindel und Fake. Das gilt auch für die gute Schreibe, die nach wenig mehr strebt als nach Präzision und Echtheit.

Eine Frage der Energie?

Unbedingt. Ohne Energie entsteht keine Kraft, weder in der Ausstrahlung einer eleganten Person noch in einem guten Text. Ernsthaftigkeit ist eng damit verbunden, denn sie braucht Energie und Einsatz – nicht zu verwechseln mit fehlendem Humor.

Innere Schönheit statt perfektes Mass?

So abgedroschen es klingt: Alles Fabrizierte, Kopflastige und Erzwungene erzielt nie die gleiche Wirkung wie das Zurückgelehnte, Gelassene, Entspannte. Weder am Körper noch im Schreibkörper.

Das ist Ihnen zu abstrakt?

Dann versuchen Sie das: Schreiben Sie Ihren nächsten Text ungeschminkt – im Wort- wie im übertragenen Sinn. Wenn er fertig ist, lesen Sie ihn durch, streichen (fast) alle Adjektive und ersetzen die Hälfte der Nomen durch Verben. Und fragen sich, ob das Resultat Ihnen entspricht. Falls nicht, ändern Sie es zurück. Es ist Ihr Stil.

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