Kolumne
«Feldpost»: Wie das Wochenende in der RS zum Kulturschock wird

Rekrutin Chiara Zgraggen schreibt in der «Feldpost» über die Freiheiten, die sie am Wochenende hat - und wie sie diese nicht selten total überfordern.

Chiara Zgraggen
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Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über den Alltag in der Rekrutenschule. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 19. Januar 2019)

Rekrutin und Journalistin Chiara Zgraggen schreibt über den Alltag in der Rekrutenschule. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 19. Januar 2019)



Eines haben meine Kameraden, welche ungern ihre Zeit in der RS «verschwenden», und meine Wenigkeit gemeinsam: Der Höhepunkt der Woche ist und bleibt das Wochenende. In meinem Fall sind das 34 Stunden Freiheit und Selbstbestimmung. Zwei Ausdrücke, welche von Sonntagabend bis Samstagmorgen zu Fremdwörtern mutieren.

Und exakt dies führt am Wochenende zur totalen Überforderung. In der Armee hat man den Vorteil, kaum eigene Entscheidungen treffen zu müssen respektive zu können. Kaum eine Minute wird mit der Frage verschwendet, wann man abends das Licht löscht, geschweige denn, was es zum Abendessen geben soll. Jedes Wochenende sehe ich mich aber wieder damit konfrontiert. Übermüdet kämpfe ich mich durch die Gemüseabteilung, vorbei an den Broten zur Kasse, um dann zum Schluss zu kommen, dass die eigene Entscheidung darüber, was man während dieser 34 Stunden isst, eigentlich gar nicht so einfach ist.

Auch abgesehen von den Essensfragen fühlt sich das Wochenende befremdlich an. Das Armeeleben gleicht dem eines Sektenmitglieds – täglich sieht man nur dieselben Menschen, Kontakt zur Aussenwelt besteht kaum. Kurz gesagt: Man lebt in einer Blase. Ich möchte an dieser Stelle aber auf keinen Fall die Schweizer Armee mit einer Sekte vergleichen; diese beiden Gemeinschaften teilen aber doch gewisse Gemeinsamkeiten. Zudem fühlt sich dieser «Blasen-Zustand» recht angenehm an. Er ermöglicht Sicherheit und Routine.

Jedes Wochenende wird diese Blase aufs Neue zerplatzt. Und dann laufe ich durch die Stadt und erkenne plötzlich nicht mehr jedes Gesicht. Es ist niemand da, der bestimmt, wie mein Tagesablauf auszusehen hat oder was ich zu Mittag esse. Für zwei Tage stehe ich auch wieder wie vor der RS vor dem Kleiderschrank und weiss nicht, was ich anziehen soll. Das ganz normale Leben also.

Apropos Kleider: In der Armee ist es Pflicht, im Freien eine Mütze zu tragen, diese aber in Räumen sofort wieder auszuziehen. So ist es mir schon einige Male passiert, dass ich in Panik verfiel, weil ich auf der Strasse keine Kopfbedeckung trug. Nur um dann zu merken, dass das ja völlig in Ordnung ist.

Meine Gefühle zum Wochenende sind offensichtlich zwiespältig. Auch wenn die Freiheit etwas Schönes an sich hat, fühlt es sich nicht richtig an. Übrigens: Ich habe mit Kameraden und Freunden aus dem privaten Umfeld über dieses Thema gesprochen. Einigen geht es ähnlich wie mir, und sie sind froh, am Sonntag wieder in die bequeme Blase zurück zu können. Bei vielen ist dies verknüpft mit den Kameradschaften, die in den vergangenen Wochen entstanden sind.

Ein weiteres unangenehmes Unterfangen ist zudem, dass man durch das Leben in dieser Armee-Blase weder etwas vom Weltgeschehen noch den Erlebnissen der Freunde mitbekommt. Und trifft man auf genau diese Freunde, ergibt sich kaum eine Gelegenheit, über etwas anderes zu sprechen als über die Armee. Für Frauenrunden ist dies besonders mühsam, denn: Sie bringen weder das Verständnis mit, wenn die Energie für einen Wochenendtrip fehlt, noch verstehen sie Worte oder Abkürzungen wie «ABV», «Daher» oder «PD».

Bis auf eine Ausnahme in meinem privaten Umfeld trifft etwas auf alle Kameraden zu: Die meisten verbringen ihr Wochenende vor allem mit Schlafen. So verbringen einige ihren Samstagabend lieber damit, um 22 Uhr ins Bett zu hüpfen, statt die Nacht bis 5 Uhr durchzutanzen. Dies verschlimmert natürlich die Situation mit der Verkümmerung der privaten sozialen Kontakte. So kommt es, dass ich am Sonntagabend gerne wieder in die RS einrücke. Eine Rückmeldung eines Kameraden bildet übrigens das genaue Gegenteil zu meiner Haltung: «Weekend isch Läbe. Punkt.» Rekrut Zgraggen meldet sich ab!

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