«Glamour, mon amour»-Kolumne
Wieso es legitim ist, auch für noch Lebende einen Nachruf vorzubereiten

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über eine Begegnung mit einer Schulklasse, die Sie zum Nachdenken brachte.

Simone Meier
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Als Prinz Philip starb, hatten die grossen Britischen Zeitungen ihre Nachrufe bereits vorgefertigt in der Schublade.

Als Prinz Philip starb, hatten die grossen Britischen Zeitungen ihre Nachrufe bereits vorgefertigt in der Schublade.

Keystone

Lassen Sie mich heute über ein ernsthaftes Thema schreiben: die Medien und der Tod. Wie ich darauf komme? Wegen Prinz Philip natürlich. Wie Sie wissen, gehörte er zu jenen Menschen, deren Nachrufe längst vorgeschrieben sind. Länger und gründlicher als seiner ist wohl nur der seiner Witwe, der Queen, vorbereitet – bei der BBC seit den 60er-Jahren. Schliesslich musste immer schon mit ihrem Tod gerechnet werden, sei es durch natürliche Ursachen oder durch einen Anschlag, einen Flugzeugabsturz oder einen fatalen Fall vom Pferd.

Ich bin immer wieder erstaunt, wenn etwa Schulklassen eine Redaktion besuchen und beim Thema «vorgeschriebene Nachrufe» zusammenzucken, als würde man ein kleines Verbrechen begehen. Als würde man so was wie einen schriftlichen Mordanschlag auf die Nachgerufenen ausüben. Dabei ist doch das Gegenteil der Fall. Nichts ist respektvoller und journalistisch sorgfältiger als ein gut vorbereiteter und immer wieder aufgefrischter Nachruf.

Natürlich ist der Moment, in dem ich mich hinsetze und den Tod einer bedeutenden Persönlichkeit simuliere, auch für mich als Journalistin seltsam. Doch ich muss das tun, denn schliesslich will ich nicht nur Fakten vermitteln, sondern auch Anteilnahme. Ich will, dass die Lesenden ein Gefühl für das Leben einer Person und Gefühle für sie haben. Und dazu muss ich mich selbst in den Zustand einer künstlichen Betroffenheit versetzen, das ist so, und das mag man von aussen gesehen zynisch nennen.

Die Möglichkeit, dass ich den Nachgerufenen danach wieder irgendwo im richtigen Leben begegne, die besteht tatsächlich. Und oft ist es in der Mediengeschichte auch schon vorgekommen, dass einer, der einen Nachruf schrieb, selbst schon tot war, bevor der Protagonist seines Textes das Zeitliche gesegnet hatte.

Das Einzigartige an der Textsorte Nachruf ist, dass sich da ein Leben rundet. Dass es einen klaren Anfang und ein ebensolches Ende gibt und das Leben selbst sauber gebüschelt und auf seine Höhepunkte reduziert, plötzlich einen Sinn macht, nach dem wir sonst vergebens suchen. Man könnte auch sagen, im Augenblick seines Nachrufs wird ein Leben zu einem Stück schlüssiger Literatur. Vielleicht sogar zum schlüssigsten. Und vielleicht täte es uns ganz gut, wenn wir während unseres Alltags, der uns oft mühselig und sinnleer erscheinen mag, gerade unter Corona, einen Schritt von uns selbst zurückmachen und uns so betrachten würden wie eine Journalistin, die unser Leben für eine Leserschaft aufbereiten müsste.

Vielleicht würden wir dann sehen, was gut und wesentlich daran ist und womit wir uns deutlich zu lange aufhalten oder worüber wir uns zu viele Sorgen machen. Vielleicht wäre ein kurzes Voraugenhalten dessen, was von uns nach dem Tod noch bliebe oder überhaupt erwähnenswert wäre, eine ganz gute Strategie zur gelegentlichen Problembewältigung. Wie ein kleiner vorgeschriebener Nachruf. Uns Lebenden zuliebe.

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