«Jung & Alt»-Kolumne
Muss nun alles gesund sein? Sogar Sex?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg, 26, alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt Hasler, warum Sex mehr ist als ein einfaches Genussmittel.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
Drucken
Teilen
«Heute ist Sex keine Sünde mehr. Die Triebe kommen auf ihre Kosten, machen keinen Aufstand.»

«Heute ist Sex keine Sünde mehr. Die Triebe kommen auf ihre Kosten, machen keinen Aufstand.»

Bild: Keystone

Liebe Samantha

Sex. Sünde. Klima. Eine Krampfzone – nicht erst seit und mit Sigmund Freud. Du entwirfst hier eine neue Version vom alten Sündenfall. Darin versündigen wir uns nicht mit dem Fleisch, wohl aber gegen es. Als Fleischfresser. Und gegen das Klima. Als unersättliche Energieverpulverer. Die Sünder? Eher wir Alte. Nun ja, seit meiner Geburt 1944 konsumierten wir mehr Energie als 12 000 Jahre zuvor. Und wir definieren uns weiter über Konsum, mit übermotorisierten Autos und so. Ihr Jungen nicht? Schluss mit Generation Easyjet? Fertig Kleiderverschleiss? Stattdessen: Flugscham, Vegetarismus, Diversity?

Endet damit auch der «Krampf mit dem Penis», den du Sigmund Freud zuschreibst? Warum konsumieren wir dann weiter drauflos? Wir sind doch längst die reichsten Menschen, die es je gab. Und fallen reihenweise ins Burn-out, vereinsamen, werfen Antidepressiva ein oder rasten aus. Sieht so eine glückliche Gesellschaft aus? Sind wir am Ende erotisch unterernährt? Misshandeln wir den Planeten nicht nur aus Gier und Dummheit, sondern weil unsere eigene Triebnatur nicht auf Touren kommt?

Die These in Kurzversion: Weil Sex für uns Sünde war, also verboten (= unwiderstehlich), verkniffen wir ihn uns und brauchten Ersatzbefriedigung. Stopften wir so viel Zeug in uns hinein, weil wir – verklemmt – nicht aus uns heraus kamen? Der Umweltschlamassel – eine Retourkutsche unterdrückter Triebschicksale?

Heute ist Sex keine Sünde mehr. Die Triebe kommen auf ihre Kosten, machen keinen Aufstand. Also seid ihr erlöst, friedfertig, ausgeglichen – und die Umwelt kann aufatmen. Weil, sagst du, der Sex jetzt gut ist und gesund. Korrekt sowieso. Gratuliere. Allemal schlauer als aggressiver Entbehrungsfrust.

Ein Generationending bleibt er, seh ich auch so. Ich nämlich habe für «gut» Freunde, Gespräche, Wein. Für «gesund» den Wald. Wenn ich mich recht erinnere, lebten wir in libidinös turbulenten Zeiten haarsträubend ungesund, wir assen nichts, wir schliefen kaum, wir tranken und rauchten – und fühlten uns bärenstark. Aber nicht, weil der Sex «gut» war. Sondern weil er uns verschlang. Wir waren nackt in mehr als einem Sinn. Wir stürzten ab, in ein Fest des Unterbewussten, auf den Grund unserer Existenz. Da verloren wir uns ekstatisch – und fanden uns in einer Entgrenzung, die ich natürlich gern «metaphysisch» nenne, weil sie wild zu Freiheit und Verwandlung trieb.

Der «gute» Sex kommt mir da eher als patentes Genussmittel vor, beliebig (ver)handelbar. Ist okay. Eine verpasste Chance halt, aus meiner Sicht. Und riskiert, was Michel Houellebecq als «Sexualliberalismus» bezeichnet: den libertären Verfall der sexuellen Befreiung – ähnlich einer total deregulierten Wirtschaft.

Ludwig

Weitere Episoden dieser Kolumne finden Sie hier:

Aktuelle Nachrichten