Kolumne
Kochen kommt von Kunst – oder von Strafe

Unsere Autorin Simone Meier schreibt diese Woche über eine der schwierigsten Künste, die es gibt: Kochen.

Simone Meier
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Köchinnen und Köche können uns auf eine ganz spezielle Art verzaubern.

Köchinnen und Köche können uns auf eine ganz spezielle Art verzaubern.

Bild: Keystone

Ich liebe feines Essen. Ich bewundere die Kreativität, die hinter einem Gericht steckt, oder auch einfach die Geschmackssicherheit und das Handwerk. Köchinnen und Köche sind für mich Kulturschaffende im engsten Sinn, sie wirken an der DNA eines Landes, einer Region oder eines Hauses mit, sie sättigen uns nicht einfach mit Lebensmitteln, sondern auch mit Impressionen und Erfahrungen. Mit Emotionen. Das kann die kochaffine Hausfrau auf ihre Art genauso wie die sternegekrönte Tanja Grandits.

Aber ich bin Glutenallergikerin. Gelegentlich schliesst das den Ess­genuss ganz einfach aus. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nicht aus Lifestyle-Diät-Zickereien auf Gluten verzichte, sondern, weil es nicht anders geht. Ausser, ich habe das Bedürfnis nach Nahtoderfahrungen. Gluten, also in meinem Fall übersetzt Weizen, löst bei mir eine Reaktion aus, die so abläuft: Nesselfieber am ganzen Körper, Schwindel, Zusammenbruch, Bewusstlosigkeit, Aufwachen im Spital oder auch schon mal mitten auf einer Strasse in einer Pfütze.

Als ich vor etwa fünfzehn Jahren den Grund meiner Allergie erfuhr, dachte ich, die Welt bricht zusammen. Teig war mein Gemüse. Mühelos konnte ich mich ganze Wochen lang von Bäckereien ernähren. Und dann war fertig. Ich wurde zu einem tragisch schlechten Gast. Zu einem, dessen Anwesenheit die anderen immerzu zwang, ihren Menüplan umzustellen. Und in Restaurants oft zu einem, den man bestrafte.

Gerade habe ich nämlich mal wieder so eine Bestrafungsaktion hinter mir. In einem Restaurant in Deutschland. Es sah von aussen sehr nett aus, ein hübscher Sommergarten mit Lindenbäumen, es lag gegenüber vom Rathaus einer kleinen Stadt, ich dachte, prima, da geht die Regierung immer essen, das muss fein sein. Ich war etwas nervös, ich war schon lange nicht mehr im Ausland gewesen, ja, ich hatte sogar schon damit begonnen, mir schweizerdeutsche Dialekte als Fremdsprachen zurechtzuhören.

Probieren Sie das aus, der Effekt ist hoch interessant! Versuchen Sie für einmal nicht den Worten der anderen zu folgen, sondern lauschen Sie den Vokalfolgen, dem Singsang, dem Knacken und Knistern der Konsonanten. Ich schwöre, Sie glauben, alles zwischen Finnisch und Portugiesisch zu hören! Das ist wie Ferien!

Doch zurück in den deutschen Sommergarten. Der Kellner mimte volles Verständnis und sagte: «Kein Problem, wir tauschen die Spätzle gegen Pommes und lassen das und das und das weg.» Was dann kam, waren drei dreckig-bleiche Haufen: Pommes, die innen nicht durch waren, ein riesiges Stück Fleisch, dem man die Antibiotika-Kur, der sich das Tier hatte unterziehen müssen, von weitem ansah, und ein geschmacksfreier Pilzbrei.

Ich schaffte vier Gabeln. Dann gab ich auf, bezahlte, gab Trinkgeld, blieb höflich, es war schliesslich nett gemeint gewesen, und suchte nach einem Asia-Imbiss. Selbst der billigste Fried Rice hatte mehr Kultur in sich als dieses dilettantische Desaster.

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