Kolumne
Von Verzicht, Freiheit und Verbrennungsmotoren

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Muss man für eine Beziehung tatsächlich auf persönliche Freiheit verzichten?

Maria Brehmer
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«Ich glaube nicht an Beziehungen, in denen man auf Grundrechte verzichtet oder seine Ansprüche aufgibt.»

«Ich glaube nicht an Beziehungen, in denen man auf Grundrechte verzichtet oder seine Ansprüche aufgibt.»

Foto: Sandra Ardizzone

Manche behaupten, dass du einen Teil deiner Freiheiten verlierst, wenn du dich auf eine Beziehung einlässt. Zumindest warnte mich meine überzeugte Single-Freundin damit, als ich mich vor ein paar Jahren für die Beziehung mit meinem Freund entschied. «Maria, geniesst du es denn nicht, am Wochenende tun und lassen zu können, wonach dir ist, ohne dich anpassen zu müssen?»

«Natürlich geniesse ich das», antwortete ich ihr, und ich will auch in Zukunft nicht auf diese Freiheit verzichten. Am Wochenende nicht mehr tun und lassen zu können, wonach mir ist, wäre ein schmerzhafter Verzicht für mich. Und ich glaube nicht an Beziehungen, in denen man sich auf Sachen einlässt, die einem wie ein schmerzhafter Verzicht vorkommen. Dann lieber überzeugter Single.

Verzicht ist, wenn man etwas nicht tut, das man eigentlich tun will, und wenn man es nicht tut, tut es einem weh. Das ist nichts Gutes, weil es bedeutet, dass ich etwas nicht bekomme, obwohl ich mir davon Zufriedenheit verspreche. In meinem Fall ist das ein freies Wochenende. Würde ich etwas nicht bekommen, das ich gar nicht haben will – ein sexuelles Abenteuer ausserhalb meiner Beziehung zum Beispiel –, ist es kein Verzicht. Entsagung empfinde ich nur dann als Verzicht, wenn ich einen Anspruch aufgebe, der in meinen Augen gerechtfertigt ist. Ein Grundrecht sozusagen.

Ich glaube nicht an Beziehungen, in denen man auf Grundrechte verzichtet oder seine Ansprüche aufgibt. Weder will ich selbst Ansprüche aufgeben, noch will ich, dass mein Freund seine Ansprüche aufgibt. Blöd nur, dass Verzicht gerade zum guten Ton gehört. Von allem ein bisschen weniger – Ansprüche zum Beispiel, Plastikverpackungen, Billigklamotten oder Verbrennungsmotoren – soll das Leben nachhaltig leichter und die Welt grundsätzlich besser machen. Ob das auch für Beziehungen gilt, das überlege ich mir gerade.

Eine gute Beziehung besteht zu einem Grossteil aus einem gut funktionierenden Konsens. «Im besten Fall wächst der Konsens mit der Dauer der Beziehung. Es ist ein Geben und Nehmen. Man verzichtet dem/der anderen zuliebe auf Sachen, auf die man verzichten kann», las ich kürzlich in einem Beziehungsratgeber.

Aha. Verzichte ich, weil mir etwas anderes wichtiger ist, das Klima oder das Glück meines Freundes zum Beispiel, verleiht das dem Verzicht einen durchaus erstrebenswerten Charakter. Und auch wenn ich noch immer nicht auf Wochenenden nach meinem Gusto verzichten möchte, so verzichte ich doch schon seit Jahren etwa auf ein frühes Abendessen (wie ich es gern hätte), um zu etwas späterer Stunde gemeinsam mit meinem Partner essen zu können (wie er es gern hat). Auch auf Plastikverpackungen, Billigklamotten und einen Verbrennungsmotor verzichte ich, so gut es geht. Es fühlt sich in Ordnung an und tut nicht weh.

Mag sein, dass ich einen Teil meiner Freiheiten verloren habe, seit ich in einer Beziehung lebe. Aber was waren die wert, wenn ich sie nicht schmerzlich vermisse?

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