Der Sprachstilist
Nicht mehr der Duden, sondern Google zählt: Wie die Suchmaschine unsere Sprache beeinflusst

Wer im Internet gelesen werden will, hält sich mit Vorteil nicht immer an die Rechtschreibregeln - und macht stattdessen, was Google am besten gefällt.

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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In diesen Spalten hat meine geschätzte Kollegin Odilia Hiller, die ich diese Woche vertreten darf, die Inflation des Bindestrichs beklagt. Die «Sprachstilistin» redete allen ins Gewissen, die «Bindestriche mit dem Salzstreuer» verteilen und am liebsten auch «Bundes-Rat» und «Auto-Tür» koppeln. Wahrlich, das zeugt nicht von einem guten Sprachgefühl!

Allerdings sind ja nicht alle Sprachstilisten. Wie entscheidet man, ob beispielsweise «Coronaimpfung» oder doch «Corona-Impfung» besser ist? Google fragen. Man gibt die beiden Schreibweisen nacheinander in die Suchmaske ein und stellt fest, dass es rund zehn Mal so viele Einträge zu «Corona-Impfung» gibt wie zu «Coronaimpfung». Für ein Mal ist es wohl besser, einen Bindestrich zu setzten. 90 Prozent der Sprachgemeinschaft können doch nicht irren.

Google hat nicht generell eine Vorliebe für Bindestriche

Doch warum kommt im Internet die Schreibweise «Corona-Impfung» viel öfter vor? Die Antwort lautet: wegen Google. Der Suchmaschinist rankt Einträge höher, in denen die Schreibweise mit Bindestrich verwendet wird. Damit ihre Beiträge möglichst weit oben erscheinen, schreiben Zeitungen und Blogs «Corona-Impfung» statt «Coronaimpfung». Es ist allerdings nicht so, dass Google generell eine Vorliebe für den Bindestrich hat. So bevorzugt der Algorithmus etwa «Coronavirus» statt «Corona-Virus».

Als die Pandemie ausbrach, war noch öfter vom «Corona-Virus» zu lesen. Bald aber verschwand diese Schreibweise fast gänzlich. Die Search-Engine-Optimization-Experten – also jene Spezialisten, die darauf bedacht sind, dass ein Beitrag möglichst so geschrieben ist, dass er im Internet leicht gefunden wird – haben rasch erkannt, dass «Coronavirus» vom Suchmaschinen-Algorithmus priorisiert wird.

Und was sagt der Duden dazu?

Google hat also einen Einfluss auf unsere Sprache. Nicht nur die Regeln der deutschen Orthografie und unser Sprachgefühl entscheiden darüber, wie wir etwas schreiben, sondern auch der Suchalgorithmus. So ist beispielsweise die Schreibweise «Openair» weit verbreitet, obwohl gemäss Rechtschreibung «Open Air» korrekt wäre. 2004, so lange kann man auf Google-Trends rückwirkend das Suchverhalten analysieren, war «Open Air» noch häufiger.

Interessant ist, wie der Algorithmus bestimmt, welches die bevorzugte Schreibweise ist. Stilistische Gründe spielen keine Rolle, ein Sprachgefühl hat die Maschine nicht. Google zählt einfach, ob die Menschen öfter «Corona-Impfung» oder «Coronaimpfung» in die Suchmaske eingeben, und priorisiert jenen Begriff, der öfter gesucht wird. Man könnte sagen, dass über die Schreibweise nun demokratisch entschieden wird.

Die Macht der Sprachexperten schwindet. Früher konsultierte man bei Unsicherheit den Duden. Klar, das kann man noch immer machen. Er rät übrigens zu «Coronaimpfung».

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