Kulturelle Umtrunke

Ferien in Südtirol könnte Wandern, Biken, Klettern, Ötzi und Reinhold Messner bedeuten. Seit einiger Zeit wird auch zeitgenössische Kultur grossgeschrieben und in die Rebberge, Weinkeller, Festungsanlagen eingeflochten.

Ursula Badrutt Schoch
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Gastfreundlicher Künstlertisch im Weingut: Graf Franz Pfeil vom Ansitz Kränzel legt Wert auf künstlerische Gutsgestaltung. (Bild: Weingut Kränzel)

Gastfreundlicher Künstlertisch im Weingut: Graf Franz Pfeil vom Ansitz Kränzel legt Wert auf künstlerische Gutsgestaltung. (Bild: Weingut Kränzel)

Noch ist es eine Baustelle voll Kranen und Schubkarrenrampen. Ein kalter Bergwind peitscht Regen heran. Dem riesenhaften Festungsriegel an der Nord-Süd-Verbindung zwischen Innsbruck und Bozen mag er nichts anhaben. Nur das Schwärmen von Dario Massimo, in der Franzensfeste zum Offizier ausgebildeter Historiker, lässt vorerst für den Ort erwärmen. Ein Meilenstein im Festungsbau sei es gewesen, als die Habsburger im Nadelöhr des Eisacktals in Folge der Französischen Revolution 1838 die dreiteilige Anlage bauten. Unzählige Kammern bilden ein raffiniertes Reduit-System. Kilometerlange Stollen und unterirdische, in Theaterperspektive erbaute Treppenanlagen verbinden die einzelnen Teilbereiche und hätten im Ernstfall – zu dem es nie gekommen ist – den Feind dank optischen Täuschungen in die Falle der Erschöpfung geführt.

Explosive Umnutzungen

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Franzensfeste als Lager für Munition, Sprengstoff, Waffen zu einem explosiven Ort. Der 1940 gleich neben den Schwarzpulverlagern errichtete Staudamm und geheime Goldlager verlangten nach besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Der Ort ist zwar weit herum sichtbar, war aber bis vor wenigen Jahren hochgeheim und unzugänglich. Das förderte die Aura und Anziehungskraft der Anlage. Jetzt wird sie geöffnet: Neue temporäre Nutzerin ist die zeitgenössische Kunst.

Diesen Sommer wird die Franzensfeste zu einem der vier Schauplätze der diesjährigen «Manifesta», jener Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die als Wanderbiennale zum siebtenmal stattfindet und die sich gerne an politischen Kristallisationspunkten einnistet. Weitere Manifesta-Orte sind die ehemalige Alumix in Bozen, zwei Industriegebäude in Rovereto und der Palazzo Delle Poste in Trient.

Die «Manifesta7» (19.7.–2.11.) ist nur einer von vielen Hinweisen auf die grosse kulturelle Kursänderung, die zurzeit in Südtirol in Gang ist. Dem konservativen Kulturverständnis sollen experimentelle, zeitgenössische Projekte entgegengehalten werden. Die kulturelle Mischung der Autonomen Provinz Bozen, Südtirol, wird dabei als Anregung und Eigenheit genutzt. Erklärtes Ziel ist, dass Bozen als Aushängeschild Südtirols 2019 Europäische Kulturhauptstadt wird.

Ein grosser Schritt auf diesem Weg ist das kürzlich eröffnete «Museion» in Bozen, ein vom Berliner Büro Krüger Schuberth Vandreike gebautes Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Doppelseitige, auf Transparenz getrimmte Eingänge locken ins Innere. «Ich werde Lokales und Internationales gehörig schütteln», verspricht Corinne Diserens, die Genfer Kuratorin des Museions. Martin Kippenbergs gekreuzigter Frosch hat bereits heftige Diskussionen ausgelöst.

Ob die kulturell hochgesteckten Ziele erreicht werden, ob die Region Bozen sich zu einer Drehscheibe zeitgenössischer Kunst entwickelt, wird sich zeigen.

Beschallter Wein

Wichtiger Drahtzieher und Mäzen vor Ort ist der Weinproduzent Alois Lageder. Sein Weingut Löwengang in Margreid ist ein nach den philosophisch ausgelegten Prinzipien der Naturverbundenheit konzipierter Ort für Wein und speziell für die Weinproduktion entwickelte zeitgenössische Kunst. So kann man einem Bienenhaus von Carsten Höller und Rosemarie Trockel begegnen, «Astral Maps» von Matt Mullican, oder Kritzeleien im Felsen von Maurizio Cattelan. Und «Ninna-nanna» von Mario Airò wiegt die Barriquefässer in windbetriebenen Klängen. Demnächst wird Peter Kogler dort, wo gute Tropfen wie Gewürztraminer oder Lagrein ausgeschenkt und verkauft werden, die WC-Boxen bemalen.

Kunstsinnig gibt sich auch der Turmwirt in Völs am Fusse des Schlern. Stefan Pramstrahler ziert seine ausgedehnten Hotelräumlichkeiten mit naiven Malereien von Hans Kompatscher bis zu Grafiken von Salvador Dalí. Vor allem aber pflegt er die Kunst des Gästeverwöhnens, sei es mit ausgefallenen Menus, einer Salzhöhle oder Heubädern, die vergessen lassen, dass die Hotelanlage im Kern ein Kerker war. Mittlerweile hat sich Kunst im ganzen Dorf ausgebreitet und bietet wie «Giro», der abgehobene Hag von Hubert Kostner, überraschende Momente.

Ruhe in Radein

Wer sich vom Kulturrummel – und ist er noch so auserlesen – zurückziehen will und trotzdem Ausserordentliches schätzt, dem sei der «Zirmerhof» in Radein hoch über dem Tal der noch jungen Etsch empfohlen, wo schon Nobelpreisträger Max Planck oder Verleger und Widerstandsaktivist Giangiacomo Feltrinelli einkehrten. Um guten Wein aus eigenem Rebberg kommt man aber auch hier nicht herum.

Lebhaft erzählt der Wirt Familiengeschichten seiner energischen Grossmutter aus den Anfängen der Tourismuszeit und wie das Hotel während des Zweiten Weltkrieges zu einem Bollwerk gegen Nazis und Faschisten wurde. Irgendwann tischt der Sohn den Branntwein auf, und mit Grappa, Holder, Vogelbeere rauschen die Stunden vorbei.

Das akkurate Bibliothekszimmer und die geschmackvolle Wellnesszone können anderntags entdeckt werden. Genauso wie das wunderbare Weinlabyrinth auf dem 650 Jahre alten Gut Kränzel des Grafen Pfeil in Tscherms im Vintschgau/Val Venosta. Und weiter oben, im Kuppelrain in Kastelbell, schon bald an der Grenze zum Münstertal, wartet bereits ein weiterer kunstvoller Spitzenkoch auf Gäste.

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