Spielzeug
Längst nicht mehr nur für Kinder: Warum sich immer mehr Erwachsene Lego zu Weihnachten wünschen

Die Spielzeug-Sets sind insbesondere bei Erwachsenen populär. Erklärungsversuch eines Phänomens.

Andreas Empl
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An einer Messe in Frankreich bestaunen zwei Männer Sportautos aus der «Technica»-Serie

An einer Messe in Frankreich bestaunen zwei Männer Sportautos aus der «Technica»-Serie

afp

Sei es vor fünfzig, vor dreissig, vor zehn Jahren oder heute: An Lego führt kein Weg vorbei, wenn es darum geht, Weihnachts­geschenke zu besorgen. Unter jedem festlich geschmückten Tannenbaum wartet mindestens ein Spielzeug-Set darauf, vom zukünftigen stolzen Besitzer ausgepackt zu werden. Und nicht nur während der Festtage ­erfreuen sich die mit Noppen besetzten Klemmbausteine aus Kunststoff, die 1949 vom dänischen Tischler Ole Kirk Christiansen erfunden wurden, weltweit grosser Beliebtheit.

«Leg Godt», also «Spiel gut», wie Christiansen ­seine Produkte nannte, ist auch in der Schweiz Programm. Auf der Shoppingplattform Galaxus etwa belegt die ­Marke Lego seit Jahren den Spitzenplatz bei den Suchbegriffen. Nur in ­diesem Frühling wurde Lego vom Thron gestossen: Schutzmasken und Desinfektionsmittel waren gefragter. Aber nur kurz. Galaxus-Sprecherin Norina Brun:

Lego ist zu Weihnachten wie jedes Jahr der Verkaufsrenner bei uns.

Aufs ganze Jahr gesehen, habe die Marke von ­Corona profitiert: «Die Nachfrage hat weiter zugenommen. In der diesjäh­rigen Adventszeit verzeichnen wir doppelt so viele Suchanfragen nach Lego wie 2019.»

Das Klicken, das glückliche Erinnerungen weckt

Dabei geht es längst nicht mehr nur ­darum, Kinder glücklich zu machen. Auch Erwachsene kaufen sich Sets vom weltgrössten Spielzeughersteller oder verschenken Lego an gleichaltrige Freunde. Entsprechend wird die Auswahl der Sektion 18+ im Sortiment der Dänen grösser und grösser. So richtet sich die Linie «Technic» zunehmend, die «Creator Expert – bauen mit Modulen» explizit an AFOL, «Adult Fan Of Lego», auf Deutsch: an die erwachsenen Lego-Fans.

«Creator Expert» umfasst Häuser, Autos, internationale Bauwerke, Jahrmärkte und saisonale, limitierte Sets zum Sammeln. Die Sets beinhalten teilweise Tausende Bausteine, etwa beim «Big Ben», dem «Kolosseum» oder dem «Taj Mahal», aber auch bei Fahrzeugmodellen wie dem Aston Martin von James Bond. Gewisse limitierte Sets wie «Lego Creator Market Street» aus dem Jahr 2007 sind dermassen begehrt, das für ungeöffnete Exemplare auf Onlineverkaufsplattformen wie Ebay bis zu 3000 Franken bezahlt werden – der einstige Preis: 90 Franken. Lego als Wertanlage.

Für das im Jahr 2007 erschienene und limitierte Set Market Street aus der Serie Creator werden auf Shopping-Plattformen bis zu 3000 Euro hingeblättert.

Für das im Jahr 2007 erschienene und limitierte Set Market Street aus der Serie Creator werden auf Shopping-Plattformen bis zu 3000 Euro hingeblättert.

Lego

Doch was macht die Faszination der Plastiksteine aus? Sie bedienen das Urbedürf­nis des Menschen, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen.
Die einzelnen Teile Stück für Stück zu etwas Konkretem, Grossem zusammenzustellen, beschert dem Bauenden (aus zigfacher eigener Erfahrung) ein sehr meditatives Gefühl. Man befindet sich gänzlich fokussiert im Hier und Jetzt bei seinen Legosteinen; die ­Baustellen des Alltags sind derweil weit weg. Gerade in Coronazeiten eine Wohltat.

Auch Haptik und Akustik sorgen für tiefe Befriedigung: Im digitalen Zeitalter macht es Spass, einmal etwas anderes als eine Computermaus oder ein Smartphone in Händen zu halten. Das unverkennbare Klicken, wenn zwei Steine miteinander verbunden werden, wirkt ungemein gemütserhellend. Auch, weil gerade dieses Geräusch unweigerlich positive Erinnerungen an die eigene Kindheit weckt.

Diese emotionale Bindung hat Lego geschickt für seine Zwecke genutzt und vor rund fünfzehn Jahren damit begonnen, den Erwachsenenmarkt zu bearbeiten. Brun von Galaxus sagt: «Sowohl Kinder als auch AFOL sind fasziniert. Aber Lego hat erkannt, beide Kundengruppen in einzelnen Segmenten anzusprechen. Lego ist so vielseitig wie die Kundschaft, welche die Bausteine benutzt.»

Der «Held der Steine» aus Frankfurt am Main

Zur wachsenden Popularität haben Plattformen wie Youtube beigetragen. Erwachsene Lego-Fans verstehen sich hier als Teil einer Community – und fühlen sich so in ihrem Hobby, ihrer Passion bestärkt. Die fleissigsten Lego-­Youtuber nennen sich «Klemmbausteinlyrik», «Brickstory» oder «Held der Steine». Auf ihren Kanälen wird debattiert, rezensiert und natürlich gebaut.

Der «Held der Steine» heisst im wahren Leben Thomas Panke, ist 40 Jahre alt und gilt im deutschsprachigen Raum als Lego-Koryphäe. In Frankfurt am Main führt er nicht nur einen putzigen «Lego und Co.»-Laden, sondern stellt seinen bald 500000 Abonnenten auf Youtube regelmässig neue und alte Lego-Modelle vor. Die Fans hören Panke auch dreissig Minuten zu, wenn er von einem neuen Set schwärmt – oder es auch mal zerreisst.

Wenn sich heuer also ein Lego-Set unter Ihrem Weihnachtsbaum befindet, heisst das nicht unbedingt, dass es für ein Kind bestimmt ist. Und auch Paare freuen sich über gemeinsame Bau-Abenteuer (wieder aus eigener Erfahrung), etwa mit einem Set aus der Serie «Modular Buildings». Und wenn man gut drauf ist, dürfen vielleicht sogar die Kinder mitmachen ...