Coronakrise

Ähnlich liberal: Die Schweiz nähert sich punkto Massnahmen Schweden an

In Schweden ist dem Coronavirus mit einer gewissen Lockerheit begegnet worden, so wie hier in einem Bad bei Stockholm.

In Schweden ist dem Coronavirus mit einer gewissen Lockerheit begegnet worden, so wie hier in einem Bad bei Stockholm.

Die Universität Oxford berechnet täglich wie streng, die Corona-Massnahmen der Regierungen sind. Die Schweiz liegt im Mittelfeld.

Ab dem 1. Oktober sind Grossveranstaltungen in der Schweiz mit mehr als 1000 Personen, wenn auch nur mit massiven Schutz- und Begleitmassnahmen, wieder erlaubt. Im globalen Schutzmassnahmen-Index der Universität Oxford wird die Schweiz dann einen weiteren Schritt nach unten machen und sich Schweden weiter annähern. Der Unterschied ist schon heute nach den diversen Lockerungsschritten der Schweiz nicht mehr gross, zumindest was diesen Index der britischen Forscher betrifft.

Neun Kriterien

Doch was wird mit dem Index überhaupt gemessen? Die Datencracks in Oxford sammeln für diese Tabelle alle öffentlich zugänglichen Informationen, welche die Reaktionen und Massnahmen von den jeweiligen Regierungen zum Schutz vor Covid-19 angeordnet haben. Diese Indikatoren berücksichtigen neun Kriterien wie zum Beispiel Schulschliessungen, Anweisungen zum Homeoffice, Reiseverbote und -kontrollen oder Versammlungsverbote. Auch steuerliche und finanzielle Massnahmen fliessen in die Berechnung ein. Daraus wird täglich der Index für die Strenge der Regierungsmassnahmen berechnet, die auf einer Skala von 0 bis 100 abgebildet werden. Die Schweiz liegt momentan mit 45 Index-Punkten im Mittelfeld, sowohl in Europa wie auch weltweit. Deutlich tiefer liegt der Nachbar Österreich, wo schon ab September bei Veranstaltungen im Freien bis 10000 Zuschauer erlaubt sind. In Deutschland mit 59 Punkten sind die Massnahmen immer noch streng, allerdings soll am 4. September ein Konzert von Sarah Connor mit 13000 Zuschauern stattfinden. Gesichert ist das nicht. Und interessant: ausgerechnet das gemäss Oxford-Index wenig strenge Schweden erlaubt noch keine Grossveranstaltungen.

Index zeigt nur einen Vergleich der Strenge der Massnahmen

Die Index-Punkte dienen allerdings nur zum Vergleich. «Der Index ist hilfreich, um zu sehen, wie streng die Restriktionen in einem Land sind. Aber sie sagen nichts aus darüber, wie die Massnahmen in einem Land umgesetzt werden», sagt der Basler Epidemiologe Marcel Tanner von der Covid-19-Task-Force des Bundes. Das zeigt sich schon am Beispiel der USA. Auf dem Strenge-Index sind die USA mit 69 Punkten weit oben, das Virus breitet sich aber immer noch rasend schnell aus und die Umsetzung der Schutzmassnahmen scheint an vielen Orten nicht zu gelingen. Vieldeutig ist auch die Spitzenposition Chinas auf der Strenge-Skala, weil sich in einer Diktatur rigorose Massnahmen leicht durchsetzen lassen, unabhängig davon, ob sie etwas nützen.

Marcel Tanner rät deshalb zu einer differenzierten Betrachtung solcher Indices und zur Vorsicht mit Vergleichen, auch zwischen der Schweiz und Schweden. «In der Schweiz machen wir in der jetzigen Situation gezielte Massnahmen in einem föderalistischen System», sagt Tanner. So wird nicht mehr flächendeckend eingegriffen, sondern dort wo Brandherde sind, regional. «Das wird in einem solchen Länder-Index nicht klar ersichtlich.»

Andere Bedingungen in Skandinavien

Der Vergleich zwischen der Schweiz und Schweden sei auch deshalb schwierig, weil im skandinavischen Land, das Coronavirus vor allem in den Ballungszentren wie Stockholm und Göteborg eine Gefahr sei, während in den Weiten des Landes das Risiko viel kleiner sei. Auch die Mentalität und der Umgang mit den eher locker angeordneten Massnahmen ist spezifisch schwedisch. Dort sind die Infektionszahlen inzwischen auch stark gesunken. Die lockeren Massnahmen haben allerdings nicht dazu geführt, dass es zu einer Durchseuchung gekommen wäre, wie die aktuellen Antikörper-Tests zeigen. Was damit zu tun haben könnte, dass die Immunantwort gegen das Coronavirus meist nur kurzlebig ist und sich das Virus dementsprechend nicht lange nachweisen lässt. Die Situation in Schweden ist somit wohl nicht viel anders als in der Schweiz.

Regionale Betrachtung ist besser als nationale

Dass sich die Schweiz mit ihren Lockerungen Schweden annähert, sagt also nicht aus über die Güte der Schweizer Massnahmen. Solche Indeces geben einen Hinweis auf einen spezifischen Punkt in der Coronasituation. Diese läuft allerdings in einem multikausalen System ab und ist abhängig von sehr vielen Faktoren wie zum Beispiel der Testaktivität eines Landes und dem Verhalten der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Ein Index zeigt einen Durchschnittswert für ein Land. «Mit regionalen Massnahmen bekommt man das Virus aber besser in den Griff. Das gilt auch für Grossveranstaltungen, für die Schutzkonzepte in Abhängigkeit der Risikosituation erstellt werden müssen», sagt Tanner.

Autor

Bruno Knellwolf

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