Ita Heinze-Greenberg ist Titularprofessorin für die Architektur der Moderne an der ETH Zürich. Im Sommer gibt sie ein Buch zur Schweizer Avantgarde am Bauhaus heraus. In Deutschland wirkt das Bauhaus für sie als Mythos, nicht aber in der Schweiz.

Frau Heinze-Greenberg, wenn Sie vor 100 Jahren gelebt hätten, hätten Sie am Bauhaus studieren wollen?

Ita Heinze-Greenberg: Ich hätte sehr gern am Bauhaus studiert. Weil das eine Schule war, die eine besondere Vision hatte, nämlich die Verbesserung der Gesellschaft. Nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs war es die grosse Hoffnung, über Kunsterziehung einen neuen, besseren Menschen und damit eine bessere Gesellschaft zu erschaffen.

Unter Architekten und Designern ist das Bauhaus legendär, fast ein Mythos. Woher kommt das?

Das stimmt definitiv für Deutschland. Aber anders als in Deutschland werden Sie in der Schweiz kaum jemanden finden, der das Bauhaus als Synonym für moderne Architektur oder zeitgenössisches Design schlechthin einsetzt. Und das finde ich gut so. Als das Bauhaus geschlossen wurde, ist ein Grossteil der Lehrerschaft in die USA ausgewandert. Weil die Bauhäusler im Exil – also an den Naziverbrechen unbeteiligt – waren, konnte man sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf das Bauhaus als Verkörperung eines besseren Deutschland beziehen.

In Bezug auf den Nationalsozialismus hatte Walter Gropius aber keine ganz blütenweisse Weste.

Das ist wohl wahr. Und der letzte Direktor, Mies van der Rohe, auch nicht. 1933 bis 1935 arbeiteten sie an Projekten für öffentliche Bauten und schmückten ihre Skizzen und Pläne mit Nazifahnen. Sie versuchten, sich mit den neuen Machthabern irgendwie zu arrangieren. Erst als sie merkten, dass dies nicht mehr ging, sind beide ausgewandert.

Was wissen wir über Schweizer Lehrer und Studierende am Bauhaus?

Wichtig ist der zweite Bauhaus-Direktor, Hannes Meyer. Er hat das das Genossenschaftsprinzip ans Bauhaus gebracht. Ausserdem hat er viele Schweizer Gastdozenten an die Schule berufen, was die Zahl der Schweizer Studierenden sprunghaft ansteigen liess. Über die ganzen 14 Jahre waren es total 40 Schweizer und Schweizerinnen, die am Bauhaus studierten. In ihrer Gesamtheit wurden sie bislang noch nicht erforscht. Diese Lücke will ich schliessen.

Wie wurde das Bauhaus in der Schweiz aufgenommen?

Sehr unterschiedlich: euphorisch positiv bis äusserst ablehnend. Die Radikalität lehnte man ab. Man bleibt hier immer moderat, ein bisschen bescheidener und baut wirklich funktional. Das Bauhaus-Gebäude in Dessau, das Gropius baute, ist ein Manifest und ein sehr radikaler Bau. Nur wenige Jahre später ist in Zürich der Komplex der Kunstgewerbeschule errichtet worden. Wenn Sie die beiden Bauten miteinander vergleichen, sehen Sie, dass der Zürcher Bau massvoller ist und viel mehr den klimatischen und funktionellen Anforderungen entspricht. Man hat nicht einfach wie in Dessau eine gläserne Vorhangfassade vor die Werkstätten gehängt, sondern hat Fensterbänder eingesetzt, die viel besser vor Kälte und Sonneneinstrahlung schützen.

Welches sind die grössten Verdienste, welches die grössten Verirrungen des Bauhauses?

In der Pädagogik sehe ich eine ganz grosse Stärke des Bauhauses. Jeder Schüler musste erst einmal durch den Vorkurs, das war neu. Der Schweizer Johannes Itten hat das Konzept entwickelt. Im ersten Semester probierten die Studierenden erst einmal alles Mögliche aus, bevor sie sich für eine Werkstätte entschieden. Natürlich hat man am Bauhaus auch ganz grossartige Produkte hergestellt.

Das Ziel, gutes Design für die breite Bevölkerung zu machen, hat man verfehlt. Die Bauhaus-Entwürfe sind Luxusprodukte.

Da haben Sie recht. Das Ziel war, dass Künstler Prototypen für die serielle Herstellung in der Industrie entwerfen. Aber so weit ist es nie wirklich gekommen. Es blieb in den meisten Fällen bei Unikaten oder kleinen Auflagen. Um mit den Produkten in Serie zu gehen, fehlte dem Bauhaus wohl einfach die Zeit.

Manche behaupten, Ikea sei die Firma, welche die damaligen Bauhaus-Ziele verwirklicht habe.

In gewisser Weise stimmt es. Die Anfangsidee von Ikea, gutes Design in industrieller Fertigung kostengünstig zu verkaufen, war im Grunde das, was das Bauhaus angestrebt hatte. Leider ist Ikea nicht bei seiner sparsamen Produktpalette geblieben, sondern hat sie unendlich erweitert.

Haben Sie Empfehlungen für Schweizer Bauhaus-Gebäude, die man gesehen haben muss?

Die Doldertal-Häuser in Zürich, an denen Marcel Breuer mitgearbeitet hat, das Museum für Gestaltung in Zürich. Max Bills Haus in Zumikon ist erwähnenswert, das Haus Schlehstud in Meilen von Hans Fischli und die Siedlung Neubühl in Zürich Wollishofen.