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Auf Palma gibt's mehr als nur Palmen: Hier besucht man Strand und Berge am gleichen Tag

Im Inselzentrum von La Palma befindet sich die riesige Schlucht Caldera de Taburiente. Sie entstand, als die Magmakammer eines Vulkans zusammenbrach.

Im Inselzentrum von La Palma befindet sich die riesige Schlucht Caldera de Taburiente. Sie entstand, als die Magmakammer eines Vulkans zusammenbrach.

Auf der kanarischen Insel La Palma wandert man durch eine grandiose mediterrane Natur. Wer sich in die kargen Höhen mit ihren Vulkanen wagt, wird belohnt mit atemberaubenden ­Ausblicken.

Nur eine halbe Stunde nieselt es. Diego Barrera de Paz hat sich eine Regenjacke übergeworfen. «Der erste Regen der Saison, gerade noch rechtzeitig», freut er sich. Im südlichsten Zipfel und in der trockensten Region der kanarischen Insel La Palma beugt sich der 36-Jährige zu geduckt wachsenden Rebstöcken hinunter. Es ist November und somit ein kritischer Moment für die späte Weinlese. Erst mit dem kleinen Plus an Regenwasser kann sich laut Barrera der typisch süsse Geschmack des Malbacia-­Weins entwickeln, einer Mischung zwischen Weiss- und Dessertwein.

Barrera ist Agronom, hat auf der Nachbarinsel Teneriffa studiert und weiss über Natur und Landwirtschaft seiner Heimatinsel Bescheid wie kein anderer. In Fuencaliente betreibt er ein schmuckes Gästehaus, er ist aber auch Surfer und kennt die Orte, wo die besten Wellen auf die nordwestlichste Insel der Kanaren treffen. Barrera sagt:

Die Reben finden zwar in der Vulkanasche einen nährstoffreichen Boden und schlagen ihre Wurzeln tief in den Untergrund. Auch sind die steilen Hänge ganzjährig gut besonnt, das Klima mild. Doch machen manchmal monatelang ausbleibende Niederschläge den Anbau schwierig.

Agronom Diego Barrera de Paz begutachtet die geduckt wachsenden Rebstöcke.

Agronom Diego Barrera de Paz begutachtet die geduckt wachsenden Rebstöcke.

Die Rebstöcke wachsen auch nicht in die Höhe, wie in Kontinentaleuropa, sondern breiten sich auf La Palma meterweit über den Boden aus. Dies, um Windschäden zu reduzieren und die Verdunstung zu verringern. Auch Brände wüten immer wieder auf der Insel.

Landwirtschaft ist wichtiger als Tourismus

Sorgen bereiten Barrera aber nicht nur die harschen Bedingungen, sondern auch der fehlende Nachwuchs. «Es gibt keine junge Generation von Winzern.» Von den noch aktiven Weinbauern seien viele 60- oder 70-jährig. Noch reicht ihre Zahl, um die 19 Kellereien mit genügend Trauben zu versorgen. «Aber wer kümmert sich in zehn Jahren um die Weingüter?», fragt der Agronom. Barrera hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, das alte Handwerk zu lehren, weiterzugeben und so den Weinanbau auf der Insel zu erhalten. Er sagt:

Vor allem Bananen werden angebaut, aber auch Tabak. Bis zum Aufkommen der Zuckerrüben war die Insel auch bekannt für Zuckerrohr.

Diego Barrera de Paz, Agronom

Diego Barrera de Paz, Agronom

Auf La Palma geht es ruhig und beschaulich zu und her. Von der Zahl der Logiernächte aller Kanarischen Inseln wird nur ein winziger Teil auf dem 700 Quadratkilometer grossen Eiland verbucht. La Palma hat nicht die klassischen Sandstrände wie die anderen Kanareninseln, keine grossen Hotelhochburgen und keinen Partytrubel. Man pflegt einen «langsamen» Tourismus, der Agrotourismus blüht. Auf der ganzen Insel – meist fernab von grösseren Orten – bieten mehr als 150 liebevoll renovierte Bauernhöfe, Fincas und Gästehäuser Betten an. «Viele Wanderer kommen hierher, um die wilde, ursprüngliche Natur zu geniessen und versteckte Orte zu erkunden», sagt ­Agronom Barrera.

Betörender Duft im schroffen Kraterkessel

Etwa in der Caldera de Taburiente, einer riesigen Schlucht im Herzen der Insel. Vor Hunderttausenden von Jahren ragte hier ein Vulkan über 4000 Meter aus dem Meer. Als er seine Lava ausgespuckt hatte, brach die Magmakammer zusammen und hinterliess einen fast zehn Kilometer breiten Krater. Im Laufe der Zeit frassen sich Bäche immer tiefer ins Gestein.

Bizarre Felsformationen: In einem breiten Krater ist eine zerklüftete Schlucht entstanden.

Bizarre Felsformationen: In einem breiten Krater ist eine zerklüftete Schlucht entstanden.

Heute bestaunen erst wenige Touristen die bizarren und imposanten Felsformationen. Im Talkessel, wo die Berge spitziger sind als die Tannenwipfel, verströmen Kiefern einen betörenden Duft, der vom warmen Wind durch die schroffe Felsarena getragen wird. Die am Boden liegenden langen Kiefernnadeln wirken wie ein weicher Teppich und machen das Laufen angenehm. Auf der anspruchsvollen Wanderung hinunter zur Talsohle und entlang des ausgewaschenen Flussbettes kreuzen Schmetterlinge und Gebirgsstelzen – den Bachstelzen ähnliche Vögel mit einem leuchtend gelben Bauch – den Weg der Wanderer.

Beliebt ist auch eine Höhenwanderung auf der Vulkankette Cumbre Vieja. Der Gebirgsrücken, der sich vom Inselzentrum nach Süden zieht, besteht aus noch aktiven, aber schlummernden Vulkanen. Die meisten wuchsen in den letzten hunderttausend Jahren in die Höhe, die jüngsten im Süden in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Vulkanaktivität hat mit einem Riss im Erdmantel zu tun, der sich zwar tief unter dem Meeresboden befindet, aber hin und wieder heisses Magma an die Erdoberfläche befördert. Der jüngste Ausbruch geschah 1971, als der Vulkan Teneguía tagelang Feuer und Asche spuckte. Lavaströme ergossen sich bis zum Meer und vergrösserten so die Insel um einige Quadratmeter.

Teneriffa am Horizont: Die Fernsicht ist grandios

Die spektakuläre Wanderung auf der Vulkanroute führt bis zum 1925 Meter hohen Gipfel Nambroque. Von hier aus bietet sich eine grandiose Fernsicht über das Meer. Je nach Verhältnissen sind auch die Nachbarinseln La Gomera und Teneriffa am Horizont zu erkennen. An diesem Punkt wird aber auch klar, dass La Palma zweigeteilt ist. Auf der Ostseite treffen die Passatwinde auf die steilen Bergflanken der Insel und es ist oft wolkenverhangen und feucht. Im Westen ist es aufgrund der Föhnströmung trockener und sonniger.

Die Flora und die Fauna auf der Kanareninsel La Palma ist üppig.

Die Flora und die Fauna auf der Kanareninsel La Palma ist üppig.

Auf La Palma wechseln sich die Vegetations- und Klimazonen rasch ab. Wer denkt, Wandern auf dieser Insel sei ein Spaziergang, der sollte das Wetter nicht unterschätzen. Auf über 2000 Meter kann das Wetter rasch umschlagen. Starke Winde, peitschender Regen oder sogar Schnee sind möglich. Warme Kleidung und eine Regenjacke sind deshalb unabdingbar im Rucksack.

Ein Gesetz gegen die Lichtverschmutzung

In der Nacht ist La Palma besonders dunkel. Das liegt aber nicht nur an der relativ dünnen Besiedlung, sondern auch an einem 1999 erlassenen Beleuchtungsgesetz. Lichter und Lampen sollen in der Nacht möglichst abgeschaltet werden, um die Lichtverschmutzung zu reduzieren.

Da die Luft in den Bergen von La Palma so rein ist, bieten sich optimale Bedingungen für die Sternenbeobachtung.

Da die Luft in den Bergen von La Palma so rein ist, bieten sich optimale Bedingungen für die Sternenbeobachtung.

Im Jahr 2002 wurde die ganze Insel zum Unesco-Biosphären-Reservat ­erklärt. Die Behörden wollen die ­ursprüngliche Natur von La Palma erhalten und vor fremden Einflüssen schützen. Einerseits geniesse der Naturschutz auf der Insel einen hohen Stellenwert, sagt Agronom Diego Barrera de Paz, der inzwischen seine Regenjacke zum Trocknen aufgehängt hat. Andererseits habe die Landwirtschaft ihren Platz, und gleichzeitig wolle man für Touristen attraktiv sein. «Die Balance ist nicht immer einfach zu halten.»

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