Es war im Stockholmer Grand Hotel an einem Morgen des 13. Dezembers. Einer der Nobelpreisträger, der für die Preisverleihung in die Stadt gekommen war, schlug die Augen auf und dachte kurz, er sei tot. Singende Engel in weissen Gewändern umgaben ihn. Wie er nach dem Schrecken aber herausfand: Die junge Frau mit einer Krone voller Kerzen auf dem Kopf stellte die Figur der Lucia dar. Mit ihrem Gefolge sang sie in den Zimmern der Laureaten ein paar feierliche Lieder. Zum Aufwecken. Denn am 13. Dezember feiert Schweden das Luciafest.
«Heutzutage fragen wir die Preisträger, ob sie eine solch private Zeremonie wollen», sagt Pia Djupmark vom Grand Hotel.

Falls nicht, gibt es zum Fest des Lichts, das auf die heilige Italienerin Lucia von Syrakus zurückgeht, auch mehrere öffentliche Auftritte im Foyer des Hotels. Dann geht das Licht aus und Lucia schreitet in den Raum hinein, wo sie mit ihrem kleinen Chor traditionelle Lieder vorträgt. Die brennenden Kerzen auf dem Kranz der Lucia sind echt. Das birgt Tücken. «Vorhin ist mir heisses Wachs über das Gesicht getropft», sagt die langhaarige Bilderbuch-Lucia Christine Osterlof. Stolz ist sie trotzdem, dass sie diesmal die Lucia sein darf. So, wie die vielen anderen Lucias auch, denen man während des Lichterfests vielerorts in Stockholm und ganz Schweden begegnet.

Tradition an Bord

Vor der Einführung des gregorianischen Kalenders in Schweden galt der 13. Dezember als kürzester Tag des Jahres. Durch den Lucia-Brauch – bei dem mit Kerzenschein gegen die dunkle Jahreszeit angeleuchtet wird – ist ein Aufenthalt in Stockholm gleich doppelt festlich. Wie sehr der Brauch auch etwas mit der heiligen Lucia zu tun hat, ist umstritten. Immerhin wird berichtet, dass sie andere Frühchristen heimlich mit Lebensmitteln versorgte und dabei, um die Hände frei zu haben, einen Kerzenkranz auf dem Kopf trug.

In der Vorweihnachtsatmosphäre gibt es in Stockholm ausserdem illuminierte Riesenelche, aufwendig dekorierte Schaufenster im «NK»-Kaufhaus, Weihnachtsmärkte und natürlich Glögg, der skandinavische Glühwein. Ein traditionelles Julbord, ein üppiges Weihnachtsbuffet, ist noch ein bisschen aussergewöhnlicher, wenn man dazu abends auf der «M/S Waxholm III» durch das Schären-Labyrinth gondelt.

Obwohl am Bootsfenster die erleuchtete Stadt vorbeizieht, sind die Köstlichkeiten die Hauptattraktion. Ein mit Sahne verzierter Schweinekopf wacht über Lachs- und Heringsvariationen, über Weihnachtsschinken, Käse und Desserts. Insgesamt sieben Mal sollte man zum Buffet gehen. Man kann gemütlich essen, essen und weiteressen. Drei Stunden hat man dazu Zeit, bis man schliesslich von Bord kugelt.

Das Julbord ist nur eine der Besonderheiten der schwedischen Adventszeit, von denen Jörn Moberg auf einer Weihnachtstour erzählt. Vom Eisenplatz auf der Altstadtinsel Gamla Stan aus streift er mit einer Laterne durch die Gassen. Und damit durch Traditionen und Historie: Er berichtet von der Gründung der späteren Handelsstadt im 13. Jahrhundert, die Christianisierung des Landes und der deutschen Minderheit. «Die Deutschen brachten einst nicht nur Bier und Handelskenntnisse mit, sondern auch Traditionen. Den Weihnachtsbaum etwa.»

Milchreis für Jultomte

Und der Jultomte? Der ist so etwas wie der schwedische Weihnachtsmann, der aber seinen Ursprung in jenen Heinzelmännchen hat, die es auf jedem Bauernhof geben soll. «Zu Weihnachten bekommt er immer einen Milchreis hingestellt, damit er nicht verärgert wird und Hof und Tiere weiterhin schützt», sagt Moberg. Der Spaziergang führt durch die verschneite Altstadt zum Stortorget. Seit 1837 gibt es dort auf dem Platz den ältesten Weihnachtsmarkt Schwedens. Geräucherter Fisch, Holzspielzeuge, bunte, süsse Leckereien gehören zum Angebot in den Hütten.

Noch ein stärkeres Gefühl einer Zeitreise kommt im Freiluftmuseum Skansen auf beim vielleicht schönsten Weihnachtsmarkt Stockholms. Es gibt mehr als 150 Häuser und historische Kostüme aus verschiedenen Epochen und Regionen Schwedens. Am 13. Dezember steht auch hier Lucia im Rampenlicht. Wer Glück hat, ergattert Tickets für eine der intimeren Feiern mit Fika, einem schwedischen Kaffeekränzchen. Falls nicht: Zum Ende des Tages gibt es einen Auftritt auf der Freilichtbühne. Vom Kranz auf dem blonden Haar der Lucia leuchten allerdings elektrische Kerzen in die Nacht. Sicher ist sicher. Vor allem, wenn Lucia einen längeren Weg zurücklegen muss als nur durch das Foyer des Grand Hotels. Macht nichts, ergreifend ist das trotzdem.