Kolumne

Beziehungen: Sei gefälligst dankbar!

«Wer sich nicht standesgemäss bedankt, gilt als undankbar. Dass im Umkehrschluss dankbar ist, wer merci sagt, ist falsch.»

«Wer sich nicht standesgemäss bedankt, gilt als undankbar. Dass im Umkehrschluss dankbar ist, wer merci sagt, ist falsch.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Was wir gegen das Bedürfnis nach Dankbarkeit tun können.

Sie klingt wunderbar einfach, die Sache mit der Dankbarkeit. Wer dankbar ist für die kleinen (und grossen) Dinge im Leben, der ist zufriedener, gesünder, lebt stress­ärmer. Das zeigen unzählige Studien. Auch Beziehungen tut Dankbarkeit gut: Sehen wir bewusst das Gute an unserem Partner, unserer Partnerin, legen wir unser Augenmerk weniger auf die negativen Seiten unseres Zusammenseins. Ist Dankbarkeit etwa die Formel schlechthin einer erfolgreichen Beziehungsbewältigung?

Seit wir Kinder sind, müssen wir brav «merci» sagen. Ja zwanghaft dankbar sein – auch dann, wenn wir uns wenig bis gar nicht freuen über die Scheibe Lyoner-Wurst beim Metzger oder das Paar Glitzersocken von Papis Freundin. «Wie sagt man?», fragen Eltern. «Merci», drücken die Kleinen schliesslich hervor. Enthusiastisch ist anders. Weil man Dankbarkeit nicht forcieren kann.

Wer sich nicht standesgemäss bedankt, gilt als undankbar. Dass im Umkehrschluss dankbar ist, wer merci sagt, ist falsch.

Die Konsequenz der Merci-Diktatur im Kindesalter: Als Erwachsene glauben wir, Dankbarkeit stünde uns zu. Tun wir etwas, das wir für gut befinden – schenken jemandem eine Scheibe Lyoner-Wurst, ein paar Glitzersocken, oder gratulieren wir jemandem auf Facebook zum Geburtstag – erwarten wir mindestens ein nettes «danke».

Mehr als das erhoffen wir uns in unseren Beziehungen: Kocht man aufwendig Znacht für seinen Liebsten, muss er ehrlich dankbar sein. Ein einfaches Merci reicht da nicht. Er soll es zeigen! Fährt man mit der Liebsten in die Ferien ans Meer, obwohl man lieber in die Berge verreisen würde, muss die andere ehrlich dankbar sein. Ein einfaches Merci reicht da nicht. Sie soll meine Grosszügigkeit schätzen! Kommt die Dankbarkeit nicht wie gewünscht, ist man enttäuscht.

Nun, klar ist es in Ordnung, wenn man sich wünscht, dass der Partner oder die Partnerin die kleinen und grossen Dinge, die man für ihn oder sie tut, achtet. Doch oft stimmen unsere Vorstellungen von Dankbarkeit nicht mit jenen unserer Partner oder Partnerinnen überein. Wir wissen nicht, wie sie Dankbarkeit für sich definieren oder empfinden.

Was also tun, wenn die erwünschte Reaktion ausbleibt?

Erst einmal davon ausgehen, dass der oder die andere dankbar ist – auch wenn man es auf den ersten Blick nicht erkennt. Oft sprechen unsere Partner und Partnerinnen einfach nicht die gleiche Dankbarkeitssprache wie wir.

Und dann sich einfach mal selbst in Dankbarkeit üben.

Ich probiere das oft: Sobald ich etwas erwarte von jemand anderem, erzeuge ich das gewünschte Gefühl einfach in mir selbst. Dann bin ich dankbar, dass ich etwas Feines kochen durfte. Oder dass ich am Meer in den Ferien bin, da es da so guten Fisch zum Znacht gibt. Das Glück liegt ganz nah: in uns. Der Dankbarkeit sei Dank.

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