Strassenverkehr

Brisante Vision des Bundes: nur noch selbstfahrende Autos auf Autobahnen ab 2040

Hände weg vom Steuer - das Auto der Zukunft fährt autonom.

Hände weg vom Steuer - das Auto der Zukunft fährt autonom.

Wer sein Auto selbst steuern will, muss künftig vielleicht auf Kantonsstrassen ausweichen - denn Teile der Nationalstrassen wären für autonome Fahrzeuge reserviert. Der Gotthard-Tunnel, die A1 oder die A9 könnten als Teststrecke dienen.

In der Automobilbranche dominiert derzeit ein Thema – das mutmassliche Kartell der grossen deutschen Autohersteller. Langfristig könnten die aktuellen Querelen jedoch nur als Wimpernschlag in die Geschichte eingehen. Denn das ganze Verkehrssystem steht vor solch tiefgreifenden Veränderungen, dass sie alles andere in den Schatten stellen könnten. Zentrales Stichwort dabei: Selbstfahrende Autos.

Das autonome Fahren beschäftigt naturgemäss auch das Bundesamt für Strassen (Astra). Dieses hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, in welchem Ausmass die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen den Alltag in der Schweiz verändern werden: «Während auf gewissen Strassenabschnitten und zu gewissen Zeiten nur vollautomatisierte Fahrzeuge erlaubt sind, verkehren auf anderen Fahrzeuge mit und ohne Steuerrad.»

So steht es in der kürzlich aktualisierten «Strategischen Ausrichtung», in der das Astra unter dem Titel «Wie wir die Zukunft sehen» verschiedene Ausblicke auf das Jahr 2040 präsentiert. Nachfrage beim Bundesamt: Wie stellt man sich das genau vor? Und: Muss der Autofahrer, der sein angealtertes Fahrzeug bevorzugt, schon in gut zwanzig Jahren über die Kantonsstrassen tuckern, wenn er von Zürich nach Bern fahren will?

SBB präsentieren selbstfahrenden Shuttle-Bus

Die SBB und Partner haben im März den Prototyp eines selbstfahrenden Shuttle-Busses namens "Olli" präsentiert.

      

«Olli» fährt schon ohne Fahrer

Das Astra betont, dass es sich beim Papier um eine Vision und keine konkrete Ausgestaltung eines Vorhabens handle. Ein Gesetzesprojekt, das Streckenabschnitte für nicht-autonome Autos sperren würde, liege noch nicht vor. «Wir konzentrieren uns derzeit auf die Erteilung von Sonderbewilligungen für selbstfahrende Fahrzeuge», sagt Mediensprecher Thomas Rohrbach und verweist auf Projekte wie den führerlosen Bus «Olli» in Zug oder das autonome Postauto in Sion.

Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» regte Verkehrsministerin Doris Leuthard bereits vor zwei Jahren Teststrecken für autonome Fahrten an. Astra-Direktor Jürg Röthlisberger stellte kürzlich in Aussicht, dass solche in zwei bis drei Jahren möglich sein könnten. Ein Regelbetrieb sei in acht Jahren denkbar. Grund für die langen Zeitspannen sind vor allem Fragen rechtlicher Natur – insbesondere die Haftpflicht im Falle eines Unfalls. Eine Motion von Nationalrat Thierry Burkart (FDP/AG), die angesichts der technologischen Entwicklungen mehr gesetzgeberische Flexibilität fordert, wurde im Juni an den Zweitrat überwiesen.

Die A1, die A9 oder der Gotthard

Die «exklusiven» Strassenabschnitte, wie sie in der Vision 2040 des Astra skizziert werden, gehen aber noch einen Schritt weiter. Das Bundesamt rechnet damit, dass es sich um «richtungsgetrennte Hochleistungsstrassen ohne Anhalteverkehr und Kreuzungen» handeln würde. Sprich: Um Nationalstrassen mit verhältnismässig wenigen Zufahrten. «Die A1 zwischen Estavayer und Yverdon wäre etwa denkbar oder auch die A9 im Wallis. Und warum nicht ein langer Autotunnel wie der Gotthard?», sagt Rohrbach.

Wer diese Strecken dannzumal mit seinem noch manuell gesteuerten «Oldtimer» befahren möchte, hätte tatsächlich das Nachsehen. Das Astra gibt aber zu bedenken, dass 2040 ein grosser Teil des Fahrzeugparks die nötige Autonomie haben dürfte und niemand gezwungen sein wird, auf eine schnelle Fahrt zu verzichten – weil gegen eine entsprechende Gebühr mehrere Personen ein autonomes Fahrzeug gemeinsam nutzen können. «Faktisch muss dann niemand mehr ein Auto besitzen – man teilt es», sagt Rohrbach.

Das Astra ist mit solchen Ideen nicht alleine: Wie die «NZZ am Sonntag» vor zwei Tagen berichtete, plant das Bundesamt für Energie derzeit eine «nationale Car-Pooling-Offensive». Grosser Vorteil davon: Je höher die Auslastung pro Auto – im Pendlerverkehr liegt sie aktuell bei gerade mal 1,1 Personen –, desto geringer der Bedarf an neuer Infrastruktur.

«Ein Hirngespinst»

Nicht überall stossen die Absichten des Bundesamts für Strassen auf Begeisterung. «Vorerst ist das nicht viel mehr als ein Hirngespinst von Beamten», sagt François Launaz, Präsident von Auto Schweiz. Es dürfe nicht sein, dass gewisse Verkehrsteilnehmer diskriminiert würden. Zudem sei unklar, wie man solch ein «Zwei-Klassen-System» kontrollieren würde.

Manfred Wellauer vom Auto Gewerbe Verband Schweiz seinerseits hält den Fahrplan für zu optimistisch. «Beim durchschnittlichen Alter unseres Fahrzeugparks von acht bis zehn Jahren, würde das bedeuten, dass ab 2030 hauptsächlich vollautomatisierte Fahrzeuge verkauft würden – das halte ich nicht für realistisch», sagt er.

Für das Autogewerbe sind autonome Fahrzeuge ohnehin Segen und Fluch zugleich: Während Mechatroniker vermehrt elektronische Bestandteile warten müssten, könnten Carrosseriespengler gar in ihrer Existenz bedroht sein – weil es eines Tages schlicht keine Unfälle mehr geben wird.

Feierten im Juni 2016 Schweizer Premiere: Die ersten selbstfahrenden Postautos in Sitten.

Schweizer Premiere: Die ersten selbstfahrenden Postautos in Sitten.

Zum ersten Mal in der Schweiz kamen im Juni 2016 selbstfahrende Busse im öffentlichen Verkehr zum Einsatz. In Sitten verkehrten zwei solche Postautos. (23. Juni 2016)

Autor

Antonio Fumagalli

Antonio Fumagalli

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