Beziehung

Bundesrätin Sommaruga machts vor: Doch ist getrenntes Wohnen nicht Gift für die Beziehung?

Räumlich getrennt, aber nicht im Herzen: Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Schriftsteller Lukas Hartmann. (Archivbild)

Räumlich getrennt, aber nicht im Herzen: Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Schriftsteller Lukas Hartmann. (Archivbild)

Die ganze Schweiz verhandelt die Wohnform von Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ihrem Mann Lukas Hartmann. Ist getrenntes Wohnen Nahrung oder Gift für die Beziehung?

Fluchend sitzen Sie im Zug. Sie sind stinkig. Unzufrieden mit der Gesamtsituation. Sie möchten nach Hause, Ihre Ruhe. Doch kaum fällt die Türe ins Schloss, wartet Konfliktpotenzial an jeder Ecke. Am Boden in Form von schmutzigen Socken, im Zimmer in Form von lauter Musik, am Küchentisch in Menschenform. Die Gestalt quasselt und quasselt. Chaos komplett.

Lächelnd sitzen Sie im Zug. Sie denken, wie gut doch alles gerade läuft. Sie können es gar nicht erwarten Ihrem Partner die Neuigkeiten zu erzählen. Sie schliessen die Türe auf, hören eine vertraute Stimme. Fallen Ihrem liebsten Menschen in die Arme. Schwätzen und schwätzen. Beim Einschlafen drücken Sie sich ganz fest an den warmen Körper, fühlen sich sicher. Schön, dass Sie nicht alleine sind.

Wenn Sie mit Ihrem Lieblingsmenschen zusammenleben, haben Sie bestimmt schon beide Gefühlslagen erlebt. Haben das gemeinsame Wohnen verteufelt wie gelobt. Und, wenn Sie immer noch zusammen wohnen, sehen Sie wohl mehr Vorteile.

Bei einem Paar haben die Nachteile überhandgenommen. Es hat sich entschieden, neu getrennt zu leben. Und weil es sich bei dem besagten Paar um Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ihren Gatten Lukas Hartmann handelt, diskutiert derzeit die ganze Schweiz über die Beziehung der Politikerin und des Schriftstellers. Und fragt sich: Kann das gut sein? Sind Paare, die getrennt leben, glücklicher? Ist das ein künftiges Lebensmodell oder ein Luxusphänomen?

In einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» begründete Hartmann die neu gewählte Wohnform: «Wir versuchen, mit zwei Wohnungen etwas Neues zu erfinden.» Zusammengefasst: unterschiedliche Bedürfnisse. Sie abends erschöpft vom strengen Tag, will abschalten. Er, den ganzen Tag meist alleine, will reden. «Wir haben gemerkt, dass das schlecht zusammengeht.»

Er blieb im Haus in Köniz, sie zog ins Berner Zentrum. Unter der Woche getrennt, am Wochenende verabreden. In alter Date-Manier: «Zu dir oder zu mir?»

Das Paar des öffentlichen Interesses ist mit dieser Entscheidung keineswegs allein. LAT-Beziehungen – living apart together (getrennt zusammenleben) oder bilokale Paarbeziehungen gibt es schon lange. Doch in den letzten Jahren ist getrenntes Leben populärer geworden. Gründe gibt es viele: Während junge Menschen sich möglichst lange nicht festlegen wollen, haben ältere Paare Diskussionen über Kompromisse und Alltagsroutine meist schon einmal mitgemacht. Sie kommen oft mit Scheidungshintergrund in eine neue Beziehung, haben ihren eigenen Lebensstil, wollen sich nicht mehr zu fest anpassen.

Studien zeigen, dass die Wohnform von 1980 bis heute zugenommen hat. Der deutsche Psychologe Jens Asendorpf hat sich intensiv mit LAT-Paaren beschäftigt. «Es sind vor allem ältere Leute, die sich für diese Wohnform entscheiden», sagt Asendorpf. Insbesondere Frauen hätten keine Lust mehr auf die Doppelbelastung. Anstatt die klassische Haufrauenrolle zu übernehmen, wollen sie sich auf die positiven Seiten der Beziehung konzentrieren. Meist gibt es keine gemeinsamen Kinder oder sie sind aus dem Haus. Gemäss Asendorpf sind es oft Menschen, die in vorangehenden Beziehungen schlechte Erfahrungen mit dem Zusammenleben gemacht haben.

Das Phänomen ist immer noch häufiger in der Grossstadt anzutreffen, bei Paaren mit höherem Bildungsgrad. «Paare mit getrennten Wohnungen sind insgesamt aufgrund der hohen Kosten eher selten», sagt Psychologe Guy Bodenmann.

Paartherapeuten sind sich einig: Getrennte Wohnungen haben Vor- und Nachteile. Sexual- und Paartherapeutin Dania Schiftan ist überzeugt, dass LAT eine gute Form des Zusammenlebens ist. «Man kann sich wieder vermehrt um sich selbst kümmern. Sich fragen: Wer bin ich?» Es sei positiv, wenn man sich wieder auf das Persönliche beziehen kann und nicht wegen Alltagsbanalitäten streitet.

«Doch, wer getrennt lebt, muss sich mehr Mühe geben, mehr in die Beziehung investieren», sagt Schiftan. Man müsse die Beziehung aktiv gestalten, praktische Sachen: Wann treffen wir uns wie und wo klären.

Die Paarzeit kann einen unter Druck setzen. Muss ich gut gelaunt sein? Kann ich in der Zeit Probleme ansprechen? Schiftan sagt, man muss vieles im Vorhinein genau klären: Wenn wir abmachen, darf man dann nebeneinander Zeitung lesen oder muss die Aufmerksamkeit uneingeschränkt dem Partner gelten? Auch das Thema Sex müsse klar besprochen werden: Geschieht es einfach oder gibt es
bestimmte Zeiten?

Auch das soziale Umfeld kann ein Störfaktor sein. Schiftan ärgern die Vorurteile: «Die Leute denken immer: mehr Distanz gleich schlechte Beziehung.» Das stimme überhaupt nicht. Nähe und Routine hätten schliesslich auch oft negative Auswirkungen auf die Beziehung.

Diese wollen LAT-Paare bekämpfen, in dem sie sich für gewisse Zeiten räumlich trennen. Meist, um sich dann wieder anziehend zu finden. Der Reiz ist gemäss Asendorpf einer der Vorteile dieser Lebensform. Man freut sich immer wieder aufeinander. Alles bleibt spannender – auch der Sex.

       Asendorpf kennt einen weiteren Nachteil: «Wer von Anfang an getrennt lebt, erschwert den Aufbau einer engen Bindung zum Partner.» Sehe man sich nur am Wochenende, gebe es auch die Gefahr der Entfremdung.

        Bei Sommaruga und Hartmann sei das unwahrscheinlich, denn die gemeinsame Bindung nach den ersten 30 Jahren sei da. Die werde nicht schwächer. Hartmann gibt an, dass ihre ersten Erfahrungen gut sind. Am Ende des Interviews sagt er: «Wir wissen auch nicht, wie es weitergeht. Vielleicht führt es irgendwann auseinander, vielleicht auch nicht.»

Dass man erst lange Zeit zusammenlebe und sich dann für getrenntes Wohnen entscheide, sei ungewöhnlich. Die meisten Paare wählen von Anfang an diese Lebensform. So könne es gut sein, dass das Paar wieder zusammenziehe, wenn es sich wieder gefunden habe.

       Auch wenn getrenntes Wohnen nicht für jedermann sei, glaubt Schiftan, dass viele davon profitieren würden, einmal über die Bücher zu gehen. Dass man
Dinge in der Beziehung anspricht, reflektiert.

        Ein eigener Freundeskreis und selber in die Ferien fahren – würden die Chancen für eine gute Beziehung verbessern. Und dafür braucht es nicht zwei Wohnungen.

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