Badesaison

Coronasommer: Die Gefahr für Gummiböötler und Schwimmer lauert in der Tiefe

Ein Schwumm in einem Fluss wie der Aare ist wunderbar erholsam, sollte aber überlegt erfolgen. Die Hälfte der Todesopfer in offenen Gewässern verunglücken in Flüssen.

Ein Schwumm in einem Fluss wie der Aare ist wunderbar erholsam, sollte aber überlegt erfolgen. Die Hälfte der Todesopfer in offenen Gewässern verunglücken in Flüssen.

Die nahen Flüsse und Seen sind im Coronasommer beliebt, aber nicht ungefährlich: Schwimmer unterschätzen oft die Kraft des Wassers.

Das Mittelmeer lockt dieses Jahr weniger als auch schon: Angesagt ist das einheimische Gewässer, erreichbar ohne in ein Flugzeug sitzen zu müssen. Doch was so friedlich dahin plätschert, kann gefährlicher sein als die Wellen im Ozean. Das hat sich am vergangenen Sonntag bei einem Unfall in der Thur in der Nähe des st.gallischen Henau gezeigt, wo zwei Menschen tödlich verunfallt sind. Solche Unglücke sind keine Einzelfälle, im vergangenen Jahr haben 49 Menschen ihr Leben in Schweizer Gewässern verloren. Die Hälfte davon in Flüssen.

Oft wird die Gefahr unterschätzt. Vermutlich auch im national bekannten Marzilibad in Bern. Es ist der Ausstiegspunkt für Tausende, die sich in der Aare dorthin treiben lassen. «Vergangene Woche sind in der Aare 220 Kubikmeter Wasser pro Sekunde geflossen. Das erzeugt einen Druck von 20 Tonnen auf einen Quadratzentimeter», sagt Philipp Binaghi von der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG. Auf eine solche Kraft muss eine Schwimmerin gefasst sein und ihre Fähigkeiten genau kennen.

Gummiboot-Fahrten auf dem Fluss sind im Trend

Das gilt vor allem auch für Fahrer eines Gummiboots. Flussfahrten damit sind sehr im Trend. Binaghi erzählt, im Marzilibad stiegen nach Angaben des Bademeisters manchmal bis zu 2500 Personen pro Stunde aus einem Gummiboot. Das Fahren hat seine Tücken: Kommt es wegen einer starken Strömung zum Beispiel zu einer Kollision mit einem Brückenpfeiler, haben die Passagiere unter dem enormen Wasserdruck kaum eine Chance. Vor einigen Tagen musste bei Dietikon sogar ein Laufwasserkraftwerk in der Limmat wegen eines fehlgeleiteten Gummiboots abgestellt werden.

© CH Media

Hochwasserwellen lassen sich schwer berechnen

Was in Flüssen lauert, bleibt oft im Trüben und obwohl sie bei normalem Wetter friedlich daher fliessen, haben sie etwas Unheimliches. Doch wie gut berechenbar sind die Strömungen? In einem Labor geht das für ruhig dahin fliessendes Wasser gut: In einem Rechteckkanal kann die Strömung bis ins kleinste Detail mit Computermodellen beschrieben werden. Anders sieht das bei Unwetter aus. «Dann sind Strömungen mit grossem Sedimenttransport an der Flusssohle und Veränderungen der Sohle während einer Hochwasserwelle nur noch mit grossen Unsicherheiten vorherzusagen», sagt Volker Weitbrecht, Leiter der Gruppe Flussbau an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich.

Mit hydraulischen Modellversuchen kann eine solche Flusssituation im Labor aber nachgebildet werden. Dabei zeigt sich, dass der Charakter einer Strömung im natürlichen Flusslauf im Wesentlichen von der Abflussmenge und der Neigung der Flusssohle abhängig ist. Weitbrecht. sagt:

Ab zwei Meter pro Sekunde wird es kritisch

Die Gefahr hängt von der Intensität ab. Steht man bis zum Bauch im ruhenden Wasser, fühlt man sich als Erwachsener recht sicher. Aber bereits bei Strömungsgeschwindigkeiten von zwei Metern pro Sekunde kann man sich gemäss Weitbrecht nicht mehr gegen die Strömung stemmen und wird mitgerissen. «Von aussen erscheint der Fluss bei dieser Strömungsgeschwindigkeit aber noch recht ruhig», sagt der ETH-Dozent.

Eine grosse Gefahr im Fluss sind Wasserwalzen, die dort entstehen, wo grosse Richtungsänderungen in der Strömung vorhanden sind. Zum Beispiel an Abstürzen hinter Wehren oder Wasserfällen. «Das Wasser fällt fast senkrecht nach unten, trifft auf die Sohle und wird dort umgelenkt», erklärt Weitbrecht.

Je nachdem, ob die Sohle aus Kies, Beton oder Fels ist, entsteht dort eine Vertiefung, Kolk genannt, in der das Wasser zu rotieren beginnt und sich dann eine Wasserwalze bildet. Je nach deren Grösse und Energiegehalt kann ein Boot oder ein menschlicher Körper für längere Zeit in dieser Walze festgehalten werden.

Neben den Wasserwalzen und Pfeilern sind Kraftwerke, Wehre und Wiffen (Schiffsverkehrssignale) Problemzonen. Es gibt aber auch Gefahren, die von aussen nur schwer zu erkennen sind:

Flüsse können sich schnell verändern, nicht nur wegen des Wetters, sondern auch dann, wenn oberhalb in einem Kraftwerk Wasser abgelassen wird. Kaltes Wasser kann zu Unterkühlung und Krämpfen führen und mangelnde Ausrüstung die letzte Fahrt im Gummiboot bedeuten.

Fische fühlen die Strömung dank ihrer Sinnesorgane

Fische sind mit den versc hiedenen Strömungserscheinungen vertraut. «Sie besitzen ein feines System von Sinnesorganen, mit denen sie entlang ihres Körpers die Strömung fühlen und entsprechend reagieren können», sagt Weitbrecht. Wir Menschen sind dagegen Landtiere. Deshalb sollten wir Gewässer nicht unterschätzen.

«Die einzelnen Flüsse lassen sich nicht kategorisch in gefährlich oder ungefährlich unterteilen», sagt Binaghi von der SLRG. Entscheidend sei, wie geübt jemand ist, welches Vorwissen er hat und wie er die aktuellen Verhältnisse einschätzen kann. Die Bade- und Flussregeln der SLRG helfen dabei. Auch die Fische halten sich übrigens lieber in ruhigen Strömungsabschnitten auf, als in einer Wasserwalze, hält Weitbrecht fest.

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Autor

Bruno Knellwolf

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