Berlin

Dein Heim ist überall - Kreative erfinden das geteilte Wohnen neu

Einheimische werden zunehmend ausgegrenzt. In Grossstädten wie Berlin wehren sich die Einheimischen gegen die zunehmende Flut von Touristen.

Einheimische werden zunehmend ausgegrenzt. In Grossstädten wie Berlin wehren sich die Einheimischen gegen die zunehmende Flut von Touristen.

Kreative denken neue Modelle des geteilten Wohnens und fordern die Rückeroberung des öffentlichen Raums.

Auf der ganzen Welt regt sich Widerstand gegen die Zimmervermittlungsplattform Airbnb. Auf Mallorca gingen bei einer Grossdemonstration Tausende Menschen auf die Strasse, um gegen die Auswüchse des Massentourismus zu protestieren. In Barcelona «begrüssen» Einheimische Touristen mit Transparenten wie «Stop Airbnb» oder «Tourist go home!» Und in Florenz, wo es allein 10 000 Airbnb-Wohnungen gibt, fühlen sich die Einheimischen wie Statisten in einem Disneyland. An jeder Ecke gibt es eine Airbnb-Wohnung. Sogar Donald Trumps Elternhaus in Queens wird mittlerweile auf Airbnb vermietet – unter anderem nächtigten dort Flüchtlinge, was wohl nicht im Sinne der ehemaligen Eigentümer war.

Die Klagen sind überall dieselben: volle Parkplätze, vermüllte Strassen, Lärm. So mancher Mieter kann sich seine Wohnung nicht mehr leisten, weil der Vermieter über Airbnb das Doppelte und Dreifache verlangen kann. Das Airbnb-Motto, eine «globale Community mit Gästen wie dir» zu kreieren, muss den Anwohnern wie Hohn in den Ohren klingen.

Fremde in der eigenen Stadt

Reisen war bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein Privileg der Oberklasse. Die sinkenden Transportkosten haben das Reisen demokratisiert. Für 20 Euro kann man heute mit dem Billigflieger in europäische Metropolen fliegen und mit seinen Freunden ein Party-Wochenende verbringen. «Die weite Welt für schmales Geld», bewirbt die Billiglinie Eurowings ihr Streckennetz. Und Easyjet plakatierte an der Grenze zur politischen Korrektheit: «Inländer raus! Europaweit fliegen ab Berlin». Die Welt für den Preis eines Abendessens erleben, so lautet die Verheissung der Reiseindustrie. Doch das Versprechen der mobilen Gesellschaft hat sich in sein Gegenteil verwandelt.

Zum einen steckt die Mobilitätsgesellschaft selbst in einer Sackgasse: Staus auf Strassen und in der Luft, Feinstaub in den Metropolen und Pendlerstress sind mehr als blosse Symptome einer «erschöpften Gesellschaft» (Meinhard Miegel). Zum anderen verschärft die grenzenlose Mobilität den Verdrängungsprozess, den sie mit der Losung einer Teilbarkeit des Raums zu überwinden suchte – mit der Folge, dass sich die Opfer der Gentrifizierung in einer räumlich wie sozial entgrenzten Gesellschaft immer entwurzelter fühlen. Man ist fremd in der eigenen Stadt.

Sharing war nie wirklich ein postkapitalistisches Versprechen, eine Art Allmende zu kreieren, an der jeder teilhaben kann, sondern lediglich der Deckmantel erzkapitalistischer Interessen. Airbnb will ja nicht primär Menschen näher bringen, sondern in erster Linie Geld verdienen – was per se nicht illegitim ist, aber eben anders verkauft wird. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der gern den Wert der globalen Community beschwört, will die Menschheit nicht vernetzen, sondern vor allem ihre Daten kapitalisieren. Bei den Airbnb-Protesten zeigt sich, dass Städte, konkret: der Wohnraum, eben nicht unendlich teilbar ist, sondern im Netz meistbietend auktioniert ist, damit die bezahlenden Gäste Platz haben. Sozial ist das nicht.

Rückeroberung öffentlichen Raums

Eine Gruppe von Aktivisten, Programmierern, Wissenschaftern und Kreativen hat deshalb die Initiative Fairbnb ins Leben gerufen, die das Prinzip der Zimmervermittlung unter Fairness-Aspekten neu organisieren will. In ihrem Manifest postuliert die kanadische Organisation einen Gegenentwurf zum Plattformkapitalismus kalifornischer Spielart: kollaborative Plattform, bei der die Crowd gemeinschaftlich über die Nutzung entscheidet und die Gewinne in nachhaltige Projekte investiert werden. «Unsere Plattform gehört nicht gesichtslosen Investoren, sondern denen, die sie nutzen und von der Nutzung betroffen sind: Gastgeber, Gäste, lokale Hausbesitzer, Nachbarn», heisst es in dem Manifest. Das Projekt atmet einen idealistischen Geist. Doch die Initiative hat bereits Kooperationen mit mehreren lokalen Organisationen in Venedig, Athen, Amsterdam und Mexico City geschlossen.

Unter dem Motto «Reclaim Your City» fordern Aktivisten seit Jahren die Rückeroberung des öffentlichen Raums, dessen Nutzung durch die zunehmende Privatisierung erheblich eingeschränkt ist. In London kann man praktisch nicht mehr an der Themse flanieren und Fotos machen, weil alles in privater Hand ist und Haus- vor Grundrecht gilt. Als Aktivisten der Occupy-Bewegung 2012 auf dem Paternoster Square vor der St. Paul’s Cathedral demonstrieren wollten, wurden sie von der Polizei des Platzes verwiesen. Der Grund: Der Paternoster Square gehört der Mitsubishi Estate – und ist damit Privatgrundstück. Der öffentliche Raum wird zur Sponsorenzone.

Auch die Überlassung von Privatwohnungen an Internetplattformen hat die Segmentierung des öffentlichen Raums verstärkt. An manchen Ecken von Barcelona hört man nur noch Deutsch und Englisch, was die Locals ausgrenzt.

Gleichzeitig fordern Aktivisten unter dem Motto «Reclaim Your Data» die Rückübereignung ihrer weiterhin nicht eigentumsfähigen Daten, die von Tech-Giganten wie Google, Facebook oder eben Airbnb einseitig monetarisiert werden, ohne dass der Emittent der Daten dafür honoriert würde. Bei Fairbnb treffen beide Forderungen zusammen: die Rückeroberung der Daten und des öffentlichen Raums. Das EU-finanzierte Projekt The Decode (Decentralised Citizens Owned Data Ecosystem), das Nutzern ihre Daten zurückgeben will, kooperiert in einem Pilotversuch mit Fairbnb in der Stadt Amsterdam. Das ambitionierte Ziel ist es, Kurzzeitwohnen in kollektivem Besitz zu ermöglichen.

Idee: Cloud-basiertes Wohnen

Es gab bereits ein ähnliches Projekt. Der in London lebende Künstler Christopher Kulendran Thomas schuf 2016 für die Berlin Biennale ein postkapitalistisches und postnationalistisches Wohnmodell für die Zukunft: New Eelam, wie die Installation in Anlehnung an den von neomarxistischen tamilischen Separatisten geforderten Staat Eelam heisst, ist eine Erlebnissuite, die verschiedene disparate Wohnmodule und Interieurs (darunter Kunstwerke) versammelt. «Your Home Is Everywhere» lautet das Motto. Das Ziel ist es, ein flexibles Subskriptionsmodell für Wohnungen zu schaffen, das auf gemeinschaftlichem Eigentum gründet – eine Art Netflix fürs Wohnen. Ein Flat-Rate-Modell («Global Roaming»), das Äquivalent zur Monatsmiete, soll dem Nutzer unbegrenzten Zugriff auf vernetzte Apartments geben.

Die Idee des Cloud-basierten Wohnens ist, dass man eine Wohnung wie eine Serie oder einen Musiktitel «konsumiert». Die eigenen vier Wände gibt es nicht mehr, die Wohnung wird zu einem Modul, auf das man wie beim Smartphone seine personalisierten Settings draufspielt – Bücher, Filme und Musik in digitaler Form. Man geht nicht nach Hause, das Zuhause kommt zu einem. Vielleicht markiert – der im neuen iPhone inzwischen abgeschaffte – Home-Button eher die Grenze zum Zuhause als die (physische) Wohnungstür, weil dort allerlei private Gegenstände gespeichert sind.

Zumindest kriminaltechnisch dürfte das Auslesen von Handydaten effektiver als eine Wohnungsdurchsuchung sein. Die Frage ist nur, ob mit diesem Abo-Modell das digitale Mietnomadentum nicht perpetuiert wird. Wenn das Zuhause überall ist, werden die Bewohner Barcelonas wohl eher nicht begeistert sein.

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