Erlebnisbericht

Die Haare während der Quarantäne selber schneiden? Unsere Autorin hats probiert

An einem einzigen Morgen kann man die Kunst der Coiffeure nicht erlernen.

An einem einzigen Morgen kann man die Kunst der Coiffeure nicht erlernen.

Eigentlich wollte sie gar nicht zur Schere greifen – Doch am Schluss tat es unsere Lifestyle-Autorin trotzdem. Ein Erlebnisbericht.

Splitternackt bei Mondschein im Meer baden. Mit einem Cornet in der Hand Achterbahn fahren. Ein Baumhaus bauen, jemandem eine saftige Ohrfeige verpassen, den Pinguinen auf Patagonien hallo sagen. Es gibt Dinge, die man unbedingt erlebt haben möchte, bevor man stirbt. Check. Viele Menschen führen eine solche «Bucket-List». Auf meiner, das kann ich mit Bestimmtheit sagen, war nie der Eintrag «Haare selber schneiden» zu finden. Nope. Warum auch? Es gibt haufenweise gute Haarstylisten auf dieser Welt.

Dann kam Corona und die Notlage, und kurz darauf meinte mein Freund, mit dem ich Heim und Herd teile: «Du, ich sollte dringend meine Haare schneiden.» Erwartungsvolle Pause. Und dann: «Kannst nicht du das machen? Nackenhaare stutzen, seitlich abstufen. Kann ja nicht so schwierig sein.» Nicht so schwierig? Meine einzige Erfahrung damit rührt aus der Kindheit, als ich den Barbies mit Bastelschere einen Kurzhaarschnitt verpasste und mich dann darüber wunderte, warum die güldenen Locken nicht nachwuchsen.

Die Haare sollten nass geschnitten werden

Es hätte so einfach sein können. Trimmer anwerfen, stutzen, fertig. Allerdings: Das ist nur für Kurzhaarfrisuren das Richtige. Der Freund lässt sein Haar wachsen, damit er es zu einem «Man-Bun» zusammenbinden kann. Trotzdem wolle er wieder «eine kantigere Form», sagte er. Verständlich, bei dem wuscheligen Durcheinander.

Dass er mir nicht gleich die Küchenschere in die Hand drückte, erstaunte mich. Sogar er weiss: Mit einer Normalo-Schere schadet man dem Haar. Die Klingen sind gröber und führen zu Spliss. Gut, sind Coiffeurscheren nicht so teuer wie gedacht. Von Galaxus habe ich mir das Modell Herba heimschicken lassen, für 29.95 Franken. Die Freude über Herba währte aber nur kurz.

Missbilligender Blick am Morgen vor der Jungferntat, virtuelles Treffen mit meiner Coiffeuse ­Sabina:

, sagte sie im besten Branchenslang, hängte aber trotz meines Fehlgriffs ein paar Tipps dran: Die Haare unbedingt nass schneiden, so sind sie griffiger. «Aber schneide nicht zu viel ab, im Trockenen ziehen sie sich ein wenig zusammen.»

Weiter sei es ­ratsam, das Deckhaar am breitesten Punkt des Kopfes in U-Form abzuteilen, dann diagonal nach hinten möglichst feine Strähnchen zwischen die Finger zu nehmen: «So wird der Schnitt präziser und das optische Resultat weniger rund.»

Klang alles logisch. Ich dachte, ­motiviert, wie ich war, jetzt noch ein gutes Tutorial auf Youtube ansehen, und die Sache ist geritzt. Meine Wahl fiel auf Amanda Olusanya, sie ist ein Star auf der Videoplattform. Zeigt in 16 Minuten, wie man mittellanges Männerhaar lockerleicht in Form stutzt. Strähnchen für Strähnchen abtrennen, schnipp, schnapp, und weiter. Easy. «Nur Mut», feuerte mich meine Coiffeuse zum Ende unserer Videokonferenz an.

Der verliess mich bereits beim ersten Schnipp. Ich scheiterte kläglich daran, Herba und Kamm in einer Hand zu halten und die Strähnen abzuteilen. Was so einfach scheint, ist in Wahrheit eine Kunst, die man nicht an einem Morgen per Video-Tutorial lernen kann. Um dem Erscheinungsbild des Freundes nicht allzu sehr zu schaden – aus purem Egoismus also –, habe ich entschieden, mich auf die Nacken­haare zu beschränken, weil da am meisten Not am Mann war. Kreuz und quer, mit jedem Schnapp mehr die Gewissheit, dass das nicht mein Ding ist.

Resultat: runde Form, Freund: pragmatisch. «Es gibt eine Zeit nach Corona, dann richtet es meine Coiffeuse.» Klingt arroganter, als es in echt rüberkam. Sonst wäre es wohl Zeit für diese saftige Ohrfeige gewesen.

Nach dieser desaströsen Vorstellung verneige ich mich vor allen Haarstylisten. Und wende mich wieder guten Gewissens der «Bucket-List» zu.

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