Es wirkt, als wären Homosexuelle in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie sieht es rechtlich aus?

Anne-Sophie Morand: Gesellschaftlich akzeptiert sind wir mehr und mehr, aber wir sind noch nicht am Ziel. Zum Beispiel haben Transgender- Personen eine überproportional hohe Arbeitslosenquote und homosexuelle Menschen werden auch heute noch auf der Strasse angegriffen. Rechtlich geht es voran, es gibt aber noch viel zu tun. Zur parlamentarischen Initiative für die Ehe für alle läuft im Moment die Vernehmlassung. So lange die Ehe nur Heterosexuellen vorbehalten ist, erleben jene, die in einer eingetragenen Partnerschaft leben, eine Diskriminierung gegenüber Heterosexuellen, die in einer Ehe leben. Eine Witwenrente ist zum Beispiel ausgeschlossen nach dem Tod der Partnerin, zudem haben lesbische Frauen keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin.

Die Pride wird immer grösser, dieses Jahr findet sie auf dem Sechseläuten- und am Bürkliplatz statt.

Hauptgrund für den Sechseläuten-Platz ist das Jubiläum. Ob wir den Sechseläuten-Platz auch in Zukunft haben werden, ist offen. Es kommen jedenfalls immer mehr Leute. Auch Heterosexuelle. Mein ganzer Freundeskreis, alles Heteros, ist jeweils dabei. Es kommen alle zusammen, zum Beispiel Schwule, die schon vor 50 Jahren für Gleichberechtigung gekämpft haben, Drag Queens, Tennies, queere Familien, Botschafter, Politikerinnen und Politiker, Touristen. Oder man sieht einfach stolze Eltern einer lesbischen Tochter.

Pride-Besucher fragen sich, warum Luca Hänni und seine wohl vor allem heterosexuellen Groupies an die Pride kommen.

Die Pride ist für alle da. Und was Luca Hänni betrifft: Es kommen auch viele Männer, die ihn heiss finden. Mir gefällt er übrigens auch. Jeder ist willkommen an der Pride. Wenn wir als Homosexuelle oder Transgender akzeptiert werden wollen, müssen auch wir andere Menschen an unseren Festen willkommen heissen.

Die Pride ist in den letzten Jahren auch zu einer Firmen-Parade geworden. Wie finden Sie das?

Teilnehmende Firmen engagieren sich für Diversity, darauf legen wir grossen Wert im Pride-Komitee. Das Engagement einer Firma bei der Pride ist jeweils den LGBTIQ-Mitarbeitenden zu verdanken. Diese haben oft einen steinigen Weg zurückgelegt, bis eine Firma sich öffentlich zum Regenbogen bekennt. Natürlich ist die Sponsoring-thematik umstritten. In meinen Augen ist es eine Win-win-Lösung. Wir brauchen Geld für die Veranstaltung und LGBTIQ-Projekte und die Unternehmen stehen nach aussen für Vielfalt ein. Darauf kann man sie ja dann auch behaften. Dass unsere Community auch als potenzielle Kundin gesehen wird und es beispielsweise eine Pride-Kollektion bei Esprit zu kaufen gibt oder einen Pride-Kaffee bei Starbucks, finde ich persönlich toll.

Wie steht es um die Anliegen der Homosexuellen in bürgerlichen Parteien wie der FDP?

Die ältere Generation hat sich sehr stark gewandelt. Wenn wir die Parteien vergleichen, hat sich die FDP in den vergangenen Jahren am meisten bewegt. Die FDP ist liberal und das bedeutet eben nicht nur wirtschaftsliberal, sondern auch gesellschaftsliberal. Für die Zukunft bin ich zudem optimistisch. Denn die Jungfreisinnigen bekennen sich in ihrem Positionspapier klar zur Ehe für alle.