Beziehungs-Kolumne

Direkt aus der Hölle: Das Handy am Frühstückstisch

Maria Brehmer
«Sobald es die unsichtbaren Mauern unserer morgendlichen Zweisamkeit durchbricht, überschreitet es auch die Grenzen meines Verstands: Jetzt regieren Emotionen, und die sind unkontrolliert.»

«Sobald es die unsichtbaren Mauern unserer morgendlichen Zweisamkeit durchbricht, überschreitet es auch die Grenzen meines Verstands: Jetzt regieren Emotionen, und die sind unkontrolliert.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Die Sache mit dem Seelenfrieden.

Früher war es die Tageszeitung, heute ist es meistens das Handy: Das Ding, dem unverhältnismässig viel Aufmerksamkeit zuteilwird. Es macht mich derart nervös, wenn mein Freund beim Zmorge auf seinem Gerät herumwischt, dass ich es am liebsten zum Fenster hinausschmeissen würde. Es ist gar schon so weit gekommen, dass ich jetzt eine Kolumne darüber schreiben muss, denn das Handy am Frühstückstisch kommt direkt aus der Hölle. Und es will meinen Seelenfrieden.

Das Handy ist kein Familienmitglied

Die Situation: Nach dem Aufstehen mache ich in der Küche Kaffee, mein Freund setzt sich an den Tisch. Er nimmt sein Handy. Dass er jetzt E-Mails checkt, erkenne ich an der Falte über seinen Augenbrauen. Mit zwei Tassen setze ich mich zu ihm. Der erste Schluck Kaffee an diesem Tag. Ein Geschenk! Er legt das Handy weg – um es nach ein paar Minuten wieder in die Hand zu nehmen.

Aus welchen Gründen er das tut, kümmert mich nicht. Es könnte eine mittelgrosse Katastrophe sein, die uns sein Handy blinkend und piepsend mitteilen will – ich schmollte trotzdem. Denn sein Interesse (und meines) 
gilt von nun an einem Gerät, das glaubt, sich wie ein Familienmitglied aufführen zu können. Das Präsenz einfordert, als gehöre es schon immer dazu. Der Kaffee ist ausser Konkurrenz.

Dass mich eine so kleine Sache so aufwühlen kann, nervt mich. Ich bin grundsätzlich entspannt. Doch geht es um penetrante Handys, gelingt mir das nie. Zumindest, sobald jenes meines Freundes am Esstisch auftaucht. Sobald es die unsichtbaren Mauern unserer morgendlichen Zweisamkeit durchbricht, überschreitet es auch die Grenzen meines Verstands: Jetzt regieren Emotionen, und die sind unkontrolliert.

Etwas zwischen peinlicher Eifersucht und Nervosität

Ein diffuses Gefühl von Eifersucht kommt hoch, deren Berechtigung ich mir irgendwie zurechtlege. Die mir aber auch etwas peinlich ist. Wieso kann ich nicht einfach ignorieren, was mein Freund tut? Warte ich nur darauf, dass er das Handy in die Hand nimmt, damit ich mich aufregen kann? Ist es, weil ich mich in diesem Moment zurückgestellt fühle? Stört es mich, dass es mich stört?

Ich weiss es nicht. Was ich weiss: Ein Handy am Frühstückstisch, auch wenn es nicht meins ist, raubt mir die innere Ruhe. Den Seelenfrieden, den ich besonders am Morgen behüte wie ein frisch geschlüpftes Küken. Und den entmutigende News oder ein fehlgeschlagenes Softwareupdate ganz schnell durcheinanderbringen können.

Auch den Seelenfrieden meines Freundes. Ja, vermutlich ist das der Grund, warum ich Handys am Frühstückstisch so hasse: Weil ich meinem Freund wünsche, dass er den Tag gelassen starten kann. Was er oft nicht kann. Wegen der Dinge auf seinem Handy, die so früh schon an ihm zerren. Und wegen mir, die an ihm zerrt, weil sie ganz nervös wird – wegen des Handys.

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