Eine Puppe sorgte kürzlich für euphorische Reaktionen. Dem Hersteller «Tonner» flogen an der New Yorker Spielwarenmesse Dankesreden zu, sein Produkt wurde als progressives Statement bejubelt. Betrachtet man die Puppe, bleibt dieser Enthusiasmus jedoch schleierhaft. Was ist so speziell an der 45 Zentimeter grossen Figur mit dem schwarzen Haar?

Die Antwort: Sie gilt als erste transsexuelle Puppe auf dem Markt. Zwar sieht ihr Körper aus wie der einer beliebigen Puppe – kindlich, weich gezeichnet, idealisiert. Nichts daran lässt auf Transsexualität schliessen. Doch die Figur stellt die 16-jährige Jazz Jennings dar. Jazz ist eine Jugendliche aus Florida, die jeder Amerikaner kennt. Sie wurde als Junge geboren, gab aber, sobald sie sprechen konnte, allen zu verstehen, dass sie ein Mädchen war. Ihre Eltern akzeptierten ihr Selbstverständnis, liessen sie Röcke tragen und Hormone schlucken. Heute schreibt sie über den Alltag und die Herausforderungen einer Kindheit im falschen Körper und gründete mit ihren Eltern eine Stiftung, die sich für transsexuelle Kinder einsetzt.

Schwarze Puppen ein Pfund billiger

Insa Fooken ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der deutschen Universität Siegen und hat bereits mehrere Bücher zur kulturhistorischen Rolle der Puppe verfasst. Sie beobachtet, dass Puppen immer vielfältiger werden. Das sei bestimmt auch auf die wachsende gesellschaftliche Toleranz gegenüber Abweichungen von Körperidealen zurückzuführen. Bei der Jazz-Jennings-Puppe jedoch zeigt sie sich skeptisch: «Im Falle transsexueller Puppenkörper denke ich, dass da reine Marktinteressen im Spiel sind und nicht ein wirkliches Interesse an der Repräsentanz von Vielfalt.» Ihre Zweifel gründen auf der ökonomischen Motivation der Hersteller: «Der Puppen-Markt ist mittlerweile heiss umkämpft, und wenn man dann noch «gute Argumente» einer vorgeblichen Liberalität hat, umso weniger glaubt man, kritisiert werden zu können – und daher mehr zu verkaufen.»

Trotz Zweifel an der Motivation begrüsst die Professorin aber die zunehmende Diversität, da sie den genau definierten Schönheitsstandard auflockert. Denn Puppen sind nicht nur Spielzeuge, sondern auch «Entwicklungs- und Lernhelfer», wie Fooken betont. Und somit verinnerlichen Kinder auch potenziell schädliche Ideale durch Puppen: «Die Forschung zeigt, dass die Botschaft, dass man blond, blauäugig und attraktiv aussehen soll, häufig immer noch bei Kindern wirkt, die anders sind», so die Forscherin. Kinder die aufgrund ihres Aussehens dem von ihren geliebten Spielzeugen verkörperten Vorbild nicht entsprechen, geraten in Gefahr, Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln. Ihre Andersartigkeit wird ihnen durch das Spielzeug andauernd vor Augen geführt.

Das Experiment des amerikanischen Psychologenpaars Clark aus den späten Dreissigern illustriert Fookens Aussage und zeigt, wie früh Kinder rassistische Stereotype verinnerlichen: Den Drei- bis Siebenjährigen wurden zwei bis auf ihre Hautfarbe identische Puppen gezeigt und gefragt, welche der beiden böse und welche gut, welche frech und welche lieb sei. Eine klare Mehrheit aller Kinder, auch der dunkelhäutigen, wiesen der hellen Puppe die positiven Attribute, der schwarzen die negativen zu. In den Zeiten der amerikanischen Rassentrennung hatten alle den Rassismus ihrer Umgebung verinnerlicht. Und noch heute kosten trotz gleicher Produktionskosten dunkelhäutige Puppen in der englischen Supermarktkette «Tesco» ein Pfund weniger als die weissen, da deren Nachfrage tiefer ist. In der Schweiz sind dunkelhäutige Barbies zwar auch unbeliebter, der Preis bleibt aber derselbe.

Puppen reflektieren die Machtgefälle einer Gesellschaft. Sie stellen Menschen im Kleinformat dar und repräsentieren normalerweise keine spezifischen Individuen, sondern die etablierten Stereotype. Spielzeuge werden von Erwachsenen entworfen und die Rollenmuster von den mit ihnen spielenden Kindern internalisiert. An ihnen sieht man deshalb auch die Wertveränderungen und Mainstream-Ideale einer Gesellschaft: Puppen aus dem letzten Jahrhundert können heutige Betrachter vor den Kopf stossen, so zum Beispiel der fröhlich-dümmlich lächelnde «Golliwog» mit dem schwarzen Gesicht und dem roten Mund, der bis in die Achtzigerjahre seinen Erfolg feierte, heute aber als Rassismus-Klischee schlechthin erkannt wird.

Wenn Puppen diese Unterdrückungen widerspiegeln, könnte man auch den einseitigen Einfluss der Kultur auf Puppen umkehren. Man könnte durch Puppen, die Stereotype durchbrechen, Diskussionen anzetteln und Klischees hinterfragen oder wenigstens positiv überlagern. Und mit einer transsexuellen Puppe steht Tonner nicht alleine da als Unternehmen, das den unreflektierten Einheitsbrei der weissen, blonden, blauäugigen, dünnen Modepuppen durchbricht – selbst wenn die Motivation dahinter, wie Fooken vermutet, rein ökonomischen Interessen dient.

Gegen den Strom

Denn mit dem wachsenden Bewusstsein für Rassismus- und Geschlechterfragen werden auch Puppen zunehmend diverser. Das sieht man nur schon an der immer wieder kritisierten Barbie: Die Verkaufszahlen der Frauenfigur mit den unrealistischen Proportionen – der zu lange Hals, die schmale Taille und Hüfte, die winzigen Hände und Füsse, die zu langen Beine – sanken stetig, und daher sah sich die Firma Mattel gezwungen, sich der neuen Nachfrage nach realistischen und diversen Rollenmodellen anzupassen. Jedenfalls ein Stück weit: Seit einem Jahr gibt es neben der klassischen Barbie auch kleine, kurvige und grosse Modelle. Die sogenannt «kurvige» Variante ist jedoch noch immer schmaler und dünner als die durchschnittliche zwanzigjährige Britin, wie die BBC berichtete.

Barbie scheint Barbie zu bleiben. Für kritische Eltern gibt es aber immer mehr Alternativen: Die «Rooti Dolls» wurden für in Europa lebende Kinder mit afrikanischen Wurzeln designt. Sie kommen aus verschiedenen afrikanischen Ländern und geben Sätze in Sprachen wie Zulu oder Yoruba von sich. Bei der Marke «Makies» wiederum kann jeder seine eigene Puppe zusammenstellen, und es gibt auch Optionen für Behinderungen. Somit können die Puppen Hörgeräte tragen oder in einem Rollstuhl sitzen.

Auch die Lammily ist eine realistische Alternative. Der Amerikaner Nickolay Lamm entwarf die Puppe basierend auf den Durchschnittswerten 19-jähriger Amerikanerinnen, um heranwachsenden Kindern kein unerreichbares Schönheitsideal zu vermitteln. Im Gegensatz zu Barbie kann Lammily nicht nur in hohen Absätzen, sondern auf ihren eigenen Füssen stehen. Manuel Blunier, Geschäftsführer und Gründer von «SunnyToys.ch», dem einzigen Vertreiber der Lammily in der Schweiz, stellt fest, dass immer mehr Eltern diese Puppe verschenken. «Wer eine Barbie will, kauft normalerweise keine Lammily. Zu unserem Kundenstamm zählen vorwiegend kritisch denkende Eltern, die vom Mainstream abweichen wollen», beobachtet Blunier. Neben den realistischen Proportionen kann man Lammily auch Kleber aufdrücken, die Cellulite, Pickel, Narben oder Hautflecken darstellen. Ganz nach dem Motto: Es lebe unsere Unvollkommenheit!