«Ich handle immer wieder nach dem ‹Ehemann first›-Prinzip. Doch aus diesem Dilemma muss ich mich selbst befreien.»

«Ich handle immer wieder nach dem ‹Ehemann first›-Prinzip. Doch aus diesem Dilemma muss ich mich selbst befreien.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum die Liebe früher nicht besser war.

Verhütungsmittel, Kindersitze, Haushaltsgeräte: Vieles ist heute besser als früher. Auch die Liebe.

Glauben Sie nicht? Ich manchmal auch nicht.

Schliesslich blieben meine Grosseltern bis an ihr Lebensende zusammen. So wie meine Urgrosseltern. Und deren Eltern. In Kinofilmen sind zufriedene Ehepaare immer ältere Ehepaare, und die Paare von heute kämpfen mit Problemen bei der Kindererziehung, der Aufteilung von Job und Haushalt und/oder beim Sex in und/oder ausserhalb der Beziehung.

Die Elternpaare von Freundinnen und Freunden, die noch verheiratet sind, kann ich an einer Hand abzählen. Kaum ein Paar aus meinem Umfeld ist seit der Schulzeit zusammen, mich eingeschlossen. Warum sollte die Liebe also heute besser sein als früher?

Das war nicht spiessig, sondern falsch

Die 50er- und 60er-Jahre gingen als das «goldene Zeitalter der Familie» in die Geschichte ein: Es gab viele Eheschliessungen, viele Kinder, wenige Scheidungen, wenige Alleinerziehende. Man muss das nicht spiessig finden. Man sollte aber von dem Glauben loskommen, dass die Gründe für die tiefe Scheidungsrate in romantischen und erfüllten Zweierbeziehungen zu finden sind, die es damals, im Gegensatz zu heute, noch gegeben haben soll.

Es war die strenge Rollenverteilung, die Scheidungen für viele Frauen verunmöglichte, eine Scheidung wäre ein grosses Risiko gewesen, ein Leben in Armut führen zu müssen. In der Schweiz gilt seit 1988 gleiches Eherecht für beide Ehepartner. Bis dahin hiess es für die meisten Frauen: Ehemann first.

Liebe ist Freiheit – aber was ist Freiheit?

Heute ist ein Grossteil der Menschen froh darüber, dass man mit der Anpassung der Gesetze dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung getragen hat. Leider noch nicht allen, aber den meisten von uns steht zu, vielfältige Beziehungsmodelle zu leben – und auch wieder zu beenden. Gleichzeitig scheinen wir durch die Abwesenheit von Regeln, wie wir diese Beziehungsmodelle führen sollen, ziemlich überfordert.

Wie lange «hat man etwas miteinander», ab wann gilt es «ernst»? Wie sieht dieses «ernst» aus? Muss immer noch der Mann den Heiratsantrag machen? Wozu heute überhaupt noch heiraten? Gibt es keine klaren Regeln, hinterfragt man die Dinge mehr. Ich handle etwa immer wieder nach dem «Ehemann first»-Prinzip, fühle mich für den Haushalt verantwortlich, für das saubere Bad und den vollen Kühlschrank. Dann bin ich unzufrieden, wenn ich keine Zeit zum Lesen finde. Ein Dilemma!

... aus dem ich mich selbst befreien muss. Denn so ist das mit der Freiheit: Sie bedeutet, Verantwortung zu tragen. Auch für sein eigenes Handeln.

Ist mühsam, macht aber glücklich

Auf viele Fragen zur Liebe gibt es heute nicht mehr «die» Antwort. Wir müssen herausfinden, was wir wollen – und dann danach handeln. Tun wir das, macht uns das glücklich. Das ist anstrengend – mit meinem Partner auszumachen, wer was im Haushalt tut, braucht Organisation und führt zu Diskussionen.

Doch so läuft das mit der Selbstbestimmung – schliesslich habe ich nicht behauptet, die Liebe sei heute einfacher.

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