Reisen

Ehrlich, rau, ursprünglich – Biel ist die Stadt, die sich anfühlt wie ein Teller Tomatensuppe

Die Altstadt von Biel ist klein, charmant, künstlerisch. Und vor allem: menschlich.

Die Altstadt von Biel ist klein, charmant, künstlerisch. Und vor allem: menschlich.

Das Bieler Seeland ist eine bodenständige Region. Es will nicht mehr sein, als es ist. Und ist seinen Besuchenden gerade deshalb eine Perle.

Samstag, Markt, die ersten Sonnenstrahlen eines beginnenden Herbstes drücken sich an den Hausfassaden vorbei. An unserem letzten Tag auf der Reise durch das Bieler Seeland schlendern wir durch die Altstadtgassen von Biel. Hier stehen wir, in der Stadt, die vor allem wegen ihrer hohen Sozialhilfequote zu reden gibt und wegen ihrer politischen Haltung, und die so wenig bekannt ist für ihre herzerwärmende Schönheit, chaleur, die ihr innewohnt. Wärme.

Biel fühlt sich nach ein paar Minuten schon an wie ein Feuer in den Bergen im Winter, kernig, ehrlich, wohlig, menschlich eben. Nach einer halben Stunde hat Biel schon mein Herz erobert. Die Menschen, die lächelnd aus den Häusern schauen, die verwitterten Fensterläden, das Literaturcafé im Keller, der junge Mann, der mit seiner Mutter zusammen alte Möbel restauriert, das Paar, das sich Arm in Arm haltend davon erzählt, wie es nun Macarons bäckt, in dieser alten Confiserie in der Altstadt, obwohl er doch von Macarons anfangs gar nichts verstand.

Wir machen einen Abstecher zur kleinen Bäckerei Mosimann, zu Edu’s Coffee & Clothes, wir schauen den Menschen zu, wie sie schwatzend in alten Sofas versinken oder auf der Kirchtreppe sitzend vom letzten Abend erzählen, Jung und Alt, auf Französisch und Deutsch.

© Keystone

Ich stehe am Seeufer und denke an Friedrich Dürrenmatt

Es sind die letzten Stunden unserer Reise durch das Bieler Seeland, die letzte Station nach zwei Tagen, und doch verdichtet sich hier ein Gefühl, das der ganzen Gegend innewohnt: Ein Gefühl, als wäre alles stehen geblieben, aus der Zeit gefallen.

Die Nonchalance, die Bescheidenheit der Gegend, die doch reich ist an allem, was das Herz begehrt, wenn es auf der Suche ist nach ein wenig Ruhe und Einfachheit: Weinreben, die sich in die Hügel schmiegen, ein klarer See, an den sich winzige Ortschaften schmiegen wie Ligerz oder Twann, gutes, einfaches Essen, das erschwinglich ist, dazu ein Glas Wein vom Winzer, der gleich selbst am Herd steht: Robert Andrey in Schafis.

Lächelnd stellt er uns die eigenhändig frittierten Eglifilets auf den Tisch, dazu die Bratkartoffeln und den Salat, während seine Tochter den Wein einschenkt. Einen Moment lang fühlen wir uns wie bei Freunden, im Hintergrund der See, im Hintergrund die ratternden Züge, die alle paar Minuten die Idylle durchbrechen und daran erinnern, dass hier eben nicht alles perfekt ist und deshalb wohl so gut.

Kurz darauf stehen wir in Ligerz am Schiffsteg und schauen auf den See. Ich erinnere mich an den Roman «Der Richter und sein Henker» von Friedrich Dürrenmatt, Twann ist einen Katzensprung von hier, fast die gleiche Aussicht.

Ich stelle mir Friedrich Dürrenmatt vor, wie auch er wohl an diesem Seeufer auf das Schiff wartete, das ihn auf die St.Petersinsel brachte, den Wind im Haar. Vielleicht hat er sich ja an einem kleinen Sandstrandabschnitt auf der St.Petersinsel ein paar Gedanken gemacht zu seinen Werken, genau wie Jean-Jacques Rousseau, der hier vor ihm seine Ruhe suchte und fand.

Die St. Petersinsel hat schon viele mit ihrer Schönheit inspiriert. Sogar Jean-Jacques Rousseau.

Die St. Petersinsel hat schon viele mit ihrer Schönheit inspiriert. Sogar Jean-Jacques Rousseau.

Im Hotel du Cerf gibt es Schnecken in würziger Sauce

Wir spazieren auf der St.Petersinsel umher, kurz überlege ich mir, für immer hierzubleiben, gerade jetzt, wo diese Insel kaum bevölkert ist. Vielleicht liegt es an Corona, vielleicht ist der Sommer schon zu sehr vorbei. Ich stelle mir vor, wie im Herbst der Nebel über den Klostermauern hängt und wie gut es sich hier wohl schreiben liesse. Dann sehe ich, dass abends um neun das letzte Taxi-Boot fährt und was das für mein Leben bedeuten würde, auf die Dauer, und kehre aufs Festland zurück.

Wir fahren nach Sonceboz nordwestlich von Biel, setzen uns dort ins Bistro des Hotels du Cerf und bestellen Schnecken in würziger Sauce, wir bestellen Lachs und Foie Gras und fühlen uns dekadent, bis wir merken, dass auch hier einfach alles ist, als wären wir bei unseren französischen Cousins zu Besuch, auch hier ein Abend bei Freunden.

Wir scherzen mit den Kellnern, der Küchenchef sagt Hallo, der Käsewagen rollt an, wir fallen müde und satt ins Bett und treten am Morgen danach die Reise zum Bahnhof an, zu Fuss, vorbei an wilden Wiesen und verlassenen Häusern, an einer kleinen Post und einem kleinen Dorfladen, als würden wir uns von Perle zu Perle hangeln in einer Gegend, die verwittert.

Saint-Imier, das Mekka des bekannten Tête de Moine

Wir fahren nach Saint-Imier zur Käserei Spielhofer, der touristischste Moment im Berner Seeland, und schauen den Männern zu, wie sie Käsemasse in die Form drücken, wie aus Milch Tête de Moine wird, der Exportschlager aus dem Kloster Bellelay. Die Käserei Spielhofer, sagt Herr Spielhofer senior, produziere rund die Hälfte des weltweiten Absatzes. Er sagt es routiniert wie einer der Menschen, die seit Jahrzehnten Gruppen durch die Gänge führen.

Tête de Moine, soweit das Auge reicht. Und ein prüfender Blick von Spielhofer Senior.

Tête de Moine, soweit das Auge reicht. Und ein prüfender Blick von Spielhofer Senior.

Am Ende degustieren wir seine diversen Sorten Käse, es gibt gutes Brot dazu und fruchtigen Weisswein, wir nehmen alle einen Mönchskopf ins Gepäck und ein Messer, das die Rosetten formt, packen alles ein und gehen auf den Mont Soleil.

Die Kollegin meint, sie habe schon schönere Gegenden gesehen, und sie hat recht. Die Windmühlen, die hinter den Bäumen in die Höhe schiessen, das karge Land, die Erde, die Wurzeln. Irgendwo grasen verlassen ein paar Kühe.

Der Mont Soleil ist nicht der hübscheste Berg der Schweiz. Doch für einen Spaziergang gut genug.

Der Mont Soleil ist nicht der hübscheste Berg der Schweiz. Doch für einen Spaziergang gut genug.

Niemand, der Ballenberg liebt, kann diesen Hügel lieben, denke ich, und dann: doch, vielleicht gerade deshalb. Ich mag diesen Hügel. Weil er nichts will. Nicht viel kann. Er ist nicht das Matterhorn und nicht der Titlis. Vielleicht ist er mir gerade deshalb lieb. Wie ein Teller Tomatensuppe, die nach Kindheit schmeckt, nicht viel drin, nicht gross drapiert, aber so fruchtig und wärmend, dass man weiss: Hier geht’s mir gut.

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