Forscher kommen zu spät

Ein uraltes Archiv der Schweiz schmilzt weg: Tief im Walliser Gletscher ist schon Wasser

Der Grand Combin im Wallis gehört zu den höchsten Bergen der Schweiz. Einen von der Schmelze unversehrten Eisbohrkern konnte das Forschungsteam ihm jedoch nicht entnehmen.

Der Grand Combin im Wallis gehört zu den höchsten Bergen der Schweiz. Einen von der Schmelze unversehrten Eisbohrkern konnte das Forschungsteam ihm jedoch nicht entnehmen.

Das Gletschereis birgt unzählige Informationen zur Erd- und Menschheitsgeschichte. Ein internationales Projekt will sie für die Nachwelt retten. Doch in den Alpen kommen die Forscher wohl zu spät.

Eigentlich hätte Margit Schwikowski mit winzigsten, im Eis eingeschlossenen Erinnerungen zurückkehren sollen. Es wären die Erinnerungen des Walliser Gletschers Grand Combin gewesen. 70 Meter lang, zylinderförmig und in kleine Stücke geschnitten: Die Eisbohrkerne, die Schwikowski auf der ganzen Welt den Gletschern entnimmt, stecken voller Geschichten.

In ihrem Labor am Paul-Scherrer-Institut in Villigen AG entschlüsselt die Umweltchemikerin diese. Spurenstoffe wie etwa der Gehalt von Edelgasen oder Russpartikel erzählen vom Leben vor hunderten oder gar tausenden Jahren sowie von den damaligen Bedingungen für das Klima und die Umwelt.

Im Gletschereis sind nicht nur Informationen gespeichert, wie warm die Ozeane früher waren oder wann riesige Waldbrände wüteten. Es wahrt auch Hinweise über zivilisatorische Errungenschaften. So fand das Team von Schwikowski vor einigen Jahren heraus, wann die Menschen in Südamerika begannen, Kupfer zu gewinnen.

Doch das uralte Gedächtnis des Grand Combin ist getrübt. Oder vielmehr: verwässert. Das stellte Margit Schwikowski fest, nachdem sie vor knapp zwei Wochen auf dem Gletscher in 4100 Meter Höhe angekommen war. Mit ihr landeten per Helikopter ein achtköpfiges Team und zwei Tonnen Material zwischen jenen Gipfeln, die zu den höchsten der Schweiz zählen.

Die gebohrten Eiskernproben zeigten nichts Gutes.

Die gebohrten Eiskernproben zeigten nichts Gutes.

Das Eis enthält bis zu 20000 Jahre alte Hinweise

Das Projekt ist Teil einer internationalen Mission: Forschende, unter anderem aus der Schweiz, Italien und Frankreich, brechen auf, um Gletschern rund um die Welt Eisbohrkerne zu entnehmen. Sie sammeln damit einzigartige natürliche Aufzeichnungen, die bis zu 20 000 Jahre zurückreichen können.

In einer Art Eishöhle in der Antarktis werden sie danach gelagert – als ein Archiv für künftige Forschergenerationen. Denn so rasch die Gletscher schwinden, so rasant entwickeln sich neue Analysemethoden. Aktuell gibt es etwa Versuche, DNA-Spuren im Eis zu entschlüsseln. Gelingt das, können Informationen über frühere Viren, Bakterien und allenfalls über bislang unbekanntes Leben gewonnen werden. «Ice memory» heisst das Projekt, das dieses eiskalte Erbe retten will und das von der Unesco unterstützt wird.

Bereits haben Wissenschafterinnen und Wissenschafter dafür Eisbohrkerne am Mont Blanc, in Bolivien, im Kaukasus und in Sibirien gesichert. Erstmals hätte nun am Grand Combin ein Stück eines Schweizer Gletschers die Reise an den Südpol antreten sollen. Doch daraus wird nichts.

«Am Grand Combin findet eine viel stärkere Schmelze statt, als wir dies erwartet hatten. Es war schockierend zu sehen, wie das Wasser aus dem Bohrer und dem Bohrkern floss», sagt Schwikowski. Frühere Probebohrungen seien noch vielversprechend gewesen. «Wir wussten, dass der Gletscher wertvolle Informationen enthält. Deshalb wollten wir unbedingt ein Stück davon retten», sagt die Umweltchemikerin.

Als ob Tinte verwischt würde...

Statt mit 70 Meter langen Eisbohrkernen und der Möglichkeit zu einer ausgedehnten Zeitreise, kehrten die Forscher mit nur 20 Meter langen Kernen zurück. Für das Archiv in der Antarktis taugen sie nicht. Denn das Schmelzwasser verwischt die im Eis festgehaltenen Informationen.

Es löst chemische Substanzen, mit Hilfe derer Forschende wie Schwikowski die eingelagerten Geheimnisse im Eis entschlüsseln. Dabei verschieben sie sich mit dem Wasser in tiefere Lagen oder fliessen ab und sind dadurch für immer verloren. Es ist, als ob sich die Tinte eines Buchs auflösen würde. Der Befund am Grand Combin stellt die weitere Datensammlung in der Schweiz in Frage. «Für die Alpen ist es nicht mehr fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf», sagt Schwikowski.

Sie vermutet, dass es im gesamten Alpenraum nur noch eine Stelle gibt, an der ein unversehrter Kern für das Archiv in der Antarktis gebohrt werden kann: auf dem Gletschersattel Colle Gnifetti im Monte-Rosa-Massiv auf rund 4500 Meter über Meer. Damit es mit der Bohrung klappt, muss das Eis nicht nur von der Schmelze verschont bleiben. Es muss auch über eine gewisse Dicke verfügen und alte Schichten enthalten, indem es am Felsbett angefroren ist.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Nicht nur am Colle Gnifetti drängt die Zeit. Die Wissenschafter gehen davon aus, dass bis Ende dieses Jahrhunderts eisbedeckte Flächen unter 3500 Meter in den Alpen und unter 5400 Meter in den Anden verschwunden sein werden. «Unser dringendstes Projekt ist die Bohrung auf dem Kilimandscharo. Sattelitendaten zeigen, wie dramatisch schnell sich dessen Gletscher verändern», sagt Schwikowski. Administrative Hürden, politische Gründe und Corona verzögern jedoch das Bewilligungsverfahren.

Schwikowski kennt die Tücken der Expeditionen. Seit 1994 erforscht sie das Gedächtnis der Eisriesen. In den Anden, in Sibirien, in der Mongolei, in den Alpen. Rund 25 Expeditionen hat sie schon geleitet. Im Wallis bereitete ihr die Höhenkrankheit die grösste Sorge. «Da es keinen leichten Abstieg gibt, war der Grand Combin für unsere Unternehmung ein gefährlicher Berg. Es brauchte eine stabile Wetterlage, damit im Notfall ein Helikop­ter eine erkrankte Person hätte bergen können», sagt sie.

Soweit kam es nicht, obwohl die Forschenden ohne Akklimatisierung auf 4100 Meter über Meer flogen. Eine Woche lang schlugen sie ihre Zelte im Schnee auf, tauten auf einem Kocher die von den italienischen Kollegen vorgekochten Ravioli oder Risotto-Gerichte auf und krochen abends bei minus zehn Grad Celsius in ihre dicken Schlafsäcke. Gebettet auf jahrtausendealte Erinnerungen.

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