Schönheit

Eine haarige Angelegenheit: Immer mehr legen sich für die Frisur unters Messer

Die Zahl der Haartransplantationen nimmt zu. Vor allem Männer legen sich für die Frisur unters Messer. Weltweit haben Transplantationen von 2014 bis 2016 um 60 Prozent zugenommen.

Die Hände fahren durchs Haar, doch statt die Frisur zu richten, kommt ein Teil von ihr mit. Dieses Schicksal ereilt nach Prinz William nun auch dessen Bruder Harry. Aber nicht nur die englische Königsfamilie hat mit lichten Stellen, Halbglatzen und Haarausfall zu kämpfen. Unzählige Männer verlieren im Verlaufe ihres Erwachsenenlebens ihre Haare. Die Ursachen sind vielfältig. Sie reichen von krankheitsbedingtem Haarausfall, beispielsweise durch eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse, über Nährstoffmangel und Hormonumstellungen bis zu erblich bedingtem Haarausfall.

Während früher Geheimratsecken, Kränze oder Glatzen offen getragen wurden, unternehmen Männer heutzutage auffällig viel, um diese zu verhindern. So greifen sie zu Shampoos oder Pflegeölen, um der Kopfhaut Nährstoffe zuzuführen, die das Haarwachstum begünstigen sollen. Andere gehen medikamentös gegen die zutage tretende Kopfhaut vor: Einmal oder mehrmals täglich nehmen sie Hormonpräparate zu sich, die das Haarwachstum beeinflussen sollen. Vermehrt wählen betroffene Männer eine dritte Option: eine Eigenhaartransplantation.

Zahlen fehlen, wie viele sich hierzulande zu diesem Schritt entscheiden. Conradin von Albertini, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Haartransplantationen (SSHRS) sagt aber: «Haartransplantationen haben zugenommen, allein von 2014 bis 2016 um 60 Prozent weltweit.» Das zeige sich auch in seiner Praxis.

Ein Tabu wird gebrochen

Ähnlich klingt es bei Alberto Sandon, Spezialist für Haartransplantationen in der Pallas-Klinik, die den Eingriff in mehreren Deutschschweizer Städten anbietet. «Männer achten heute viel mehr auf ihr Aussehen. Sie wollen lang anhaltend jugendlich und vital wirken. Das Haar ist dabei sehr wichtig», sagt Sandon. Er erinnert sich noch an jene Zeiten, als eine Haartransplantation unter Männern ein Tabuthema war: «Vor zwanzig Jahren hiess es: Ein Mann macht keine Schönheitsoperation.» Heute ist das anders. Insbesondere Männer im Alter zwischen 30 und 45 Jahren würden seine Praxis in Olten oft aufsuchen.

Erblich bedingter Haarausfall beginnt schon in jüngeren Männerjahren. Obwohl dieser häufig schon vor 30 einsetzt, können es sich nur wenige Patienten leisten, die rund 6000 Franken aufzubringen, die pro Behandlung in der Pallas-Klinik durchschnittlich anfallen. Das müsse für den Patienten kein Nachteil sein, sagt von Albertini: «Es kann für eine Haartransplantation auch zu früh sein. Sehr junge Patienten, bei denen das Haarausfallmuster noch unklar ist, müssen unbedingt zuwarten.» Für eine Transplantation könne es aber auch zu spät sein: «Wenn die Glatze bereits stark ausgeprägt ist, gibt es schlicht zu wenig resistentes Spendenhaar für eine befriedigende Abdeckung», sagt von Albertini.

PR-Berater hält seinen Kopf hin

Raoul Stöhlker wartet an einem grauen Donnerstagmorgen im Sprechzimmer von Alberto Sandon in Olten. Auf den ersten Blick fällt nicht auf, weshalb der PR-Berater hier sitzt. Erst bei genauerer Betrachtung fallen die Geheimratsecken auf, die sich in sein Haar geschlichen haben. Vor einigen Monaten hatte er bereits die erste Behandlung. Vor der Behandlung seien die Geheimratsecken stärker ausgeprägt, sein Haaransatz weiter oben gewesen, sagt Stöhlker. Nun folgt die zweite Runde. Wie bereits beim ersten Mal wird zunächst definiert, wo die neue Haarlinie verlaufen soll. Dann wird Stöhlkers Haar gänzlich abrasiert und sein Hinterkopf betäubt. Dort entnimmt Sandon mit feinen Instrumenten die sogenannten Grafts. Das sind jene 2000 bis 2500 Haarwurzeln, die am Vorderkopf eingesetzt werden und neuen Haarwuchs liefern sollen. Pro Wurzel können bis zu drei Haare spriessen. Ein halbes Jahr dauert es, bis die maximal 6000 neuen Haare eine Länge von zwei Zentimetern erreicht haben. Ist der Patient in guter gesundheitlicher Verfassung, sei das fast hundertprozentig sicher, so der Spezialist.

Bevor Raoul Stöhlker eine Haartransplantation gewagt hatte, informierte sich der PR-Berater detailliert darüber. Auch über Behandlungsmöglichkeiten im Ausland. «Natürlich wäre der Eingriff im Ausland billiger. Falls aber etwas schiefginge, hätte ich dort keine Rechtssicherheit», sagt Stöhlker.

Er entschied sich dafür, den Eingriff in der Schweiz durchführen zu lassen. Um Geld zu sparen, reisen andere Patienten oftmals ins Ausland, stellen nach der Behandlung jedoch fest, dass sie nicht zufrieden sind. «Das grösste Risiko ist der Pfusch durch nichtqualifizierte Operateure», erklärt Conradin von Albertini. Sichtbar werde dieser durch unnatürliche Haarlinien, Haarinseln auf einem zunehmend kahlen Kopf. Auch allergische Reaktionen oder Infektionen an den Transplantationsstellen seien möglich.

Risiko: unseriöse Anbieter

Korrektureingriffe seien in diesen Fällen oft nicht mehr machbar, da das gesamte Spendenhaar verpflanzt wurde, sagt von Albertini. «Eine Haartransplantation ist kein Haarschnitt. Sie lässt sich nicht rückgängig machen und auch nicht unendlich oft durchführen.» Er empfiehlt: «Die Haartransplantation gehört, ob im In- oder im Ausland, ausschliesslich in die Hände von spezialisierten Ärzten und Ärztinnen.»

Dabei ist es gar nicht so einfach, diese zu finden. Denn für Haartransplanteure gibt es keinen Facharzttitel. Der Eingriff ist auch nicht Bestandteil der Ausbildung zum plastischen Chirurgen oder Dermatologen. Haartransplanteure haben sich deshalb zu Verbänden wie der SSHRS zusammengeschlossen. Diese bieten Lehrgänge und praktische Weiterbildungsangebote für Mediziner an.

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