Sommerferien

Erkenntnisse aus der Duftforschung: Warum erinnert uns nichts so stark an Ferien wie Gerüche?

Gerüche können uns schnell einmal in Ferienstimmung versetzen.

Gerüche können uns schnell einmal in Ferienstimmung versetzen.

Nichts versetzt uns so schnell in Ferienstimmung wie ein Duft von Sonnencreme und Meer. Wie das funktioniert, weiss keiner besser als der Duftforscher Hanns Hatt. Er sagt, in 20 Jahren würden wir Düfte wie Medizin einnehmen.

Ferien sieht man nicht. Man spürt sie. Ein Sinn ist dabei besonders wichtig: der Geruch. All die Strandpromenaden, die Fischerhäfen, Kuhweiden – tausendmal gesehen auf Plakaten, Inseraten, Instagram. Wir sehen Bilder und fühlen wenig. Dann weht eines Abends der würzige Duft von Feuer aus dem Nachbargarten herüber, und man denkt: «Mhmm! Wie in den Zeltferien.»

Es gibt keine stärkere Erinnerung an einen Ort, als dessen Geruch. Und es können viele Souvenirs von Ferien am Meer im Regal stehen – einmal tief einatmen bei der Fischtheke in der Migros löst ein intensiveres Feriengefühl aus.

Warum Erinnerungen so stark mit Gerüchen verknüpft sind, ist noch nicht lange bekannt. Im deutschsprachigen Raum kennt sich keiner so gut aus darin wie Duftforscher Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum. Seit 40 Jahren forscht er übers Riechen. Er sagt:

Hanns Hatt weiss als Duftforscher genau Bescheid über die wundersame Wirkung von Gerüchen.

Hanns Hatt weiss als Duftforscher genau Bescheid über die wundersame Wirkung von Gerüchen.

Je intensiver die Emotion, desto stabiler die Abspeicherung. Was wir erleben, hat meist einen Geruch, auch wenn wir uns nicht bewusst an ihn erinnern. Wenn er wieder da ist, fällt uns auch ans Erlebte ein. So entstehen unbemerkt Duftvorlieben. Wir können den Geruch am Fischmarkt lieben oder uns ekeln – je nach Erfahrung. «Es gibt keine genetische vererbte Basis für die Bewertung von Gerüchen», sagt der Duftforscher, «zumindest wurde noch keine entdeckt.»

Es gibt keine üblen Gerüche – höchstens zu starke

Wir kommen mit einer neutralen Geruchsbewertung auf die Welt und lernen die Gerüche erst im Laufe des Lebens zu bewerten. Zum ersten Mal riecht der Embryo ab der 26. Woche übers Fruchtwasser.

Dass wir Fäkal-, Schweiss- oder Mundgeruch nicht mögen, muss ein Kind später erst lernen. Dass Blumen gut duften, auch. Angeboren ist höchstens ein Zuviel von Geruch: Manches Neugeborene beginnt zu weinen, wenn die Tante in der Parfümwolke es in den Arm nimmt.

Genau dies hat letzte Woche eine Studie des Unispitals HUG in Genf ergeben: Jene Babys, die mehr als drei Stunden pro Tag weinen, haben nicht nur mehr Schmerzen wegen Koliken, sondern sind auch viel sensibler auf sensorische Reize durch Düfte, was einen Teil des Weinens erklärte.

Weil wir lernen können, was gut riecht, können wir uns darauf konditionieren: Hatt empfiehlt, Gerüche zu nehmen, die im Alltag nicht vorkommen, und sich Signalparfüms zu mixen: eines zum Einschlafen. Eines fürs konzentrierte Arbeiten. Einatmen – und schon weiss der Körper, was er zu tun hat. Der Mechanismus wird auch für Angst- und Verhaltenstherapien genutzt. Bekannt ist zum Beispiel, dass für viele Lavendelduft entspannend wirkt, weil er mit positiven Emotionen wie Feriengefühlen abgespeichert ist.

Lavendel wirkt auf den Menschen beruhigend.

Lavendel wirkt auf den Menschen beruhigend.

Gerüche können auch durch ein neues Gefühl überlagert werden: Wenn die ungeliebte Grossmutter immer ein bestimmtes Gericht gekocht hat, und der Geruch später noch Abscheu auslöst, kann er positiv überschrieben werden, wenn der Freund das Gericht ein paarmal gekocht und man einen schönen Abend verbracht hat.

Das ist wichtig für traumatische Erlebnisse: Es gab Veteranen des Vietnamkrieges, die nicht mehr grillieren oder ihr Auto tanken konnten, weil sie der Geruch von verbranntem Fleisch oder Benzin an die Leichen erinnerten, die angezündet worden waren.

Wir nehmen über 350 verschiedene Gerüche wahr

Heute sind über 350 Riechrezeptoren in der Nase bekannt – jeder einzelne kann einen bestimmten Duft wahrnehmen. Welche das genau sind, können die Forscher bis jetzt nur für 50 Rezeptoren sagen. Vanille beispielsweise, Moschus, Buttersäure oder Lavendel.

Hatt und sein Team entdeckten 2003, dass es Duftrezeptoren nicht nur in der Nase, sondern überall im Körper gibt. Und manche Moleküle lösen dort Wirkungen aus, die nicht durch Gefühle manipulierbar sind. Sie haben immer dieselbe biologische Wirkung.

Diese Rezeptoren sind winzig klein: Es sind Proteine. Am dichtesten liegen sie im Gebärmutterhals. Besonders viel verschiedene, nämlich 80 Arten hat ein Spermium, das sich damit den Weg zum Ei erschnüffelt. In der Niere sind es nur 15 verschiedene Rezeptoren.

Auch in kranken Körperzellen von Krebsgewebe kommen sie vor. Da diese Proteine andere sind als jene im gesunden Gewebe, kann man sie als Tumormarker verwenden, um Darm- und Blasenkrebs festzustellen. Die Forschung versucht ausserdem, die Rezeptoren zu blockieren, da damit das Wachstum in Experimenten mit Zellkulturen meistens gehemmt wird. Sandalore, ein Duft, der wie Sandelholz riecht, aber künstlich hergestellt wird, hemmt im Labor beispielsweise die Teilung von Blasenkrebszellen.

Duftessenzen könnten Wachstum von Darmkrebs hemmen

Düfte, die genau auf diese Rezeptoren passen, sind wie Schlüssel, die das Loch aufsperren. Und für alle Duftrezeptoren lässt sich einen Gegenduft finden, um das Schloss zu blockieren. Bloss müsste man die Düfte in hoher Konzentration zum Tumor bringen können, um das Wachstum zu hemmen. Via Blut oder Riechen klappt das nicht. Aber über die Verdauung. Hanns Hatt sagt:

Doch welches Molekül passt, ist erst bei zehn Prozent der Rezeptoren bekannt. Eine Art Aromatherapie wird es bei Krebs deshalb nicht so schnell geben.

Nützlich ist das Wissen auf jeden Fall, wenn es ums Essen geht: Kräuterschnaps zum Beispiel regt die Darmbewegung an und hilft so bei der Verdauung – nicht etwa wegen des Alkohols, sondern wegen der darin enthaltenen Gewürze wie Anis oder Kümmel. Sie stimulieren laut Hatt die Riechrezeptoren und bewirken die Ausschüttung des Hormons Serotonin, welches die Darmbewegungen anregt.

In den Gebärzimmern haben Düfte eine längere Tradition

Inzwischen werden nicht nur Läden, sondern auch Intensivstationen in Spitälern beduftet. In den Gebärzimmern haben Düfte eine längere Tradition – wie bei der Palliativpflege. Auf die Haut geriebene Essenzen sind die letzte Möglichkeit, Sterbende zu erreichen. Die Duftrezeptoren bilden bis zuletzt ein potentes Netzwerk.

Bekannt sind viele Wirkungen von Düften und Gewürzen schon lange, sie werden in der traditionellen Kräuterheilkunde eingesetzt.

In der traditionellen Kräuterheilkunde setzt man schon lange auf verschiedene Düfte.

In der traditionellen Kräuterheilkunde setzt man schon lange auf verschiedene Düfte.

Neu ist, dass man auch den Mechanismus dahinter versteht: Dass es die Duftstoffe dieser Pflanzen sind, welche auf Rezeptoren in menschlichen Zellen passen. Die Menschen profitieren damit auch von einem ausgeklügelten Abwehrsystem. Hatt sagt:

Es ist ein komplett neues Forschungsfeld. Hatt glaubt, dass Duftstoffe auch ein Antibiotika-Ersatz sein können. Ein solcher wird wegen der vielen Resistenzen weltweit dringend gesucht. «Eukalyptus und Thymian wirken antibakteriell, Öl isoliert aus Lorbeer bringt Viren um.»

Haarlebensdauer um 20 Prozent verlängert

In der Wundheilung, beispielsweise bei offenen Füssen von Diabetikern, wird Eukalyptusöl schon lange angewandt. Es wirkt nicht nur antibakteriell, sondern auch entzündungshemmend und durchblutungsfördernd. Auch haben die Forscher um Hatt herausgefunden, dass das Chinin im Tonic Water (anders als Magnesium) tatsächlich hilft bei Wadenkrämpfen: Es geht ins Blut über und wirkt auf den Neurotransmitter Acetylcholin, der dadurch gedämpft wird und die Befehle zur Muskelkontraktion abschwächt.

Das Chinin im Tonic Water hilt tatsächlich bei Wadenkrämpfen.

Das Chinin im Tonic Water hilt tatsächlich bei Wadenkrämpfen.

Sandalore, das die Zellteilung bei Blasenkrebs hemmt, bewirkt andererseits, das Wunden doppelt so schnell heilen. Und es wirkt bei Haaren: Hatt und Forscherkollegen vom Monasterium Laboratory in Münster bewiesen 2018, dass die Stimulation der Haarfollikel mit Sandalore die Haarlebensdauer um 20 Prozent verlängert. Das verspricht einen neuen Ansatzpunkt für die Entwicklung von Therapien gegen Haarausfall.

Der Duftforscher ist überzeugt:

Parfüm, das wirken soll wie in Süsskinds Roman

Kommerziell nutzbar ist Hanns Hatts Wissen jetzt schon: Zusammen mit dem deutschen Parfümeur Geza Schön hat er vier Parfüms entwickelt, die auf die Duftrezeptoren im Körper wirken und so positive Gefühlsreaktionen auslösen sollen. Hatt, Schön und die Initiatorin Nora Rosenblat nennen die Flakons die «erste wissenschaftlich entwickelte aktive Parfümserie». Sie sollen erfrischen, Energie geben, entschleunigen und Vertrauen wecken.

Das Versprechen ist verführerisch. Und wirkt – wenn nicht tatsächlich – dann wohl durch den Placeboeffekt. Eine der Essenzen heisst «Love me» und soll Gefühle der Innigkeit und Verbundenheit wecken. In Patrick Süsskinds berühmten Roman «Das Parfum» hat dies Jean-Baptiste Grenouille ebenfalls versucht: den Geruch der Leidenschaft zu konservieren. All die Mühe, die wir uns für unser Aussehen machen, wäre plötzlich überflüssig.

Geruchswahrnehmung nimmt zehn Jahre vor einer Demenz ab

Doch leider werden die Riechzellen in der Nase mit dem Alter weniger, und der Sinn lässt nach wie alle Sinne im Laufe des Lebens. Hatt schätzt, dass mit 70 Jahren ein Drittel der Senioren drastisch weniger riechen und schmecken kann. Mit 80 Jahren sei es bereits die Hälfte.

Wer zur anderen Hälfte gehört, ist wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch geistig fit: Wissenschafter fanden heraus, dass die Geruchswahrnehmung schon zehn Jahre vor einer Demenz überdeutlich abnimmt. Der Geruchssinn lässt sich jedoch trainieren, genau wie das Gehör und das Gedächtnis. «Wir würden zum Beispiel besser an den Lebensmitteln riechen, statt aufs Haltbarkeitsdatum zu schauen», sagt Hatt.

Meeresrauschen ab Band ist durchaus entspannend. Aber es versetzt uns lange nicht so intensiv zurück an den Strand wie der Geruch von Salzwasser, Algen und Sonnencreme.

Schwere, salzige Luft

Erholung duftet wie Meer. Und nimmer nach Wüste, Dschungel oder Bergsee.Wann wird’s Ferien, nicht nur in der Agenda, nicht nur im Kopf, sondern tief in der Seele? Wann stellt sich dieser Impuls ein, dass man ganz tief durchatmen will, die Augen fast automatisch schliesst und leise vor sich hin lächelt? Wann kommt dieser Moment, wo der ganze Körper vom Arbeits- in den Ferienmodus fällt?Die Ferien beginnen für mich dann, wenn ich auf einer Autobahnraststätte irgendwo im Süden stehe. Die Sonne brennt, auf dem Asphalt kleben Glacereste, es riecht nach Benzin, manchmal nach Urin und nach frischem Espresso aus winzigen Pappbechern. Und dann liegt noch etwas in der Luft, kaum benenn- und riech-, geschweige denn sichtbar, aber doch schon da: das Meer.Kein Duft denn man je in einem Parfüm festhalten wollen würde, geschweige denn könnte. Aber doch so dominant und allgegenwärtig, dass ich schon als Kind, lange bevor es in der Ferne silbern zu glitzern begann, auf der Autobahn den Kopf aus dem Autofenster streckte und rief: «Das Meer! Ich rieche schon das Meer!»Der Duft hat sich in meine Synapsen gebrannt. Diese schwere, salzige Luft, der leichte Fischgeruch. Und die Trägheit, die diese Luft sofort in mir auslöst. Nichts muss mehr, alles kann. Die Zeit bleibt stehen, das Meer dehnt sich in die Unendlichkeit wie die Ferientage, alles wird gleichförmiger – wie die stetige Brise, die mir um die Nase weht und diesen Duft zu mir trägt. Kein Bergsee dieser Welt, kein Dschungel im Amazonas, keine Wüste in Afrika beschert mir das Feriengefühl wie der Duft von Meer. Katja Fischer de Santi

Erholung duftet wie Meer. Und nimmer nach Wüste, Dschungel oder Bergsee.

Wann wird’s Ferien, nicht nur in der Agenda, nicht nur im Kopf, sondern tief in der Seele? Wann stellt sich dieser Impuls ein, dass man ganz tief durchatmen will, die Augen fast automatisch schliesst und leise vor sich hin lächelt? Wann kommt dieser Moment, wo der ganze Körper vom Arbeits- in den Ferienmodus fällt?

Die Ferien beginnen für mich dann, wenn ich auf einer Autobahnraststätte irgendwo im Süden stehe. Die Sonne brennt, auf dem Asphalt kleben Glacereste, es riecht nach Benzin, manchmal nach Urin und nach frischem Espresso aus winzigen Pappbechern. Und dann liegt noch etwas in der Luft, kaum benenn- und riech-, geschweige denn sichtbar, aber doch schon da: das Meer.

Kein Duft denn man je in einem Parfüm festhalten wollen würde, geschweige denn könnte. Aber doch so dominant und allgegenwärtig, dass ich schon als Kind, lange bevor es in der Ferne silbern zu glitzern begann, auf der Autobahn den Kopf aus dem Autofenster streckte und rief: «Das Meer! Ich rieche schon das Meer!»

Der Duft hat sich in meine Synapsen gebrannt. Diese schwere, salzige Luft, der leichte Fischgeruch. Und die Trägheit, die diese Luft sofort in mir auslöst. Nichts muss mehr, alles kann. Die Zeit bleibt stehen, das Meer dehnt sich in die Unendlichkeit wie die Ferientage, alles wird gleichförmiger – wie die stetige Brise, die mir um die Nase weht und diesen Duft zu mir trägt. Kein Bergsee dieser Welt, kein Dschungel im Amazonas, keine Wüste in Afrika beschert mir das Feriengefühl wie der Duft von Meer.
Katja Fischer de Santi

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