Weihnachtsgeschichte

Fast nie erwähnt: Sogar Ochs und Esel waren wichtiger als Joseph

Conrad von Soest: Altar der Stiftkirche von Bad Wildungen.

Conrad von Soest: Altar der Stiftkirche von Bad Wildungen.

Die rätselhafteste Figur der Weihnachtserzählung. Er steht immer nur dabei und weiss nicht wohin mit den Händen.

Wie hätte er so viel aufs Mal denn begreifen sollen: Die Sterne trugen Schweif, Könige reisten an, die Nacht war voller Stimmen. Und sein neugeborener Sohn war nicht von ihm? Wurde Joseph verrückt, zertrümmerte er den Stall? Er beugte sich auf den Boden und kochte für Frau und Kind einen Brei. Der erste Hausmann der Christenheit. Und die eindrücklichste Figur von ganz Bethlehem.

Noch 1969 wurde ihm ein Lied gewidmet, ein Jahr nach der sogenannten Jugendrevolte. Nicht von einem standhaften Christen. Sondern geschrieben von einem jüdisch-griechischen Linksutopisten, der Trotzkis permanente Revolution mühelos vereinte mit dem Recht auf individuelle Faulheit und erotisches Tandaradei.

Dieser sanfte New-Age-Barde widmete tatsächlich dem Heiligen Joseph eins der seltenen weltlichen Lieder und sagte darin, sozusagen von Kumpel zu Kumpel: «Das hast du nun davon, Joseph, weil du glaubtest, du müsstest die Hübscheste nehmen von allen. Du hättest Sarah wählen können oder Deborah, nichts Besonderes wäre vorgefallen. Aber nein, du hast Maria vorgezogen. Mit der du dann ins Exil gehen musstest und dich lange verstecken.»

Das ist der Text von «Mon vieux Joseph», ein Chanson von Georges Moustaki (1934–2013). Moustaki wollte endlich einmal ihn ins Bewusstsein rücken: den bärtigen Alten im Hintergrund, den Zweifler im Halbdunkel des Stalls zu Bethlehem. Ochs und Esel standen stets näher zur Krippe als er und waren jahrhundertelang auch wichtiger.

Joseph der «Nährvater»

Das lieferte Joseph dem Spott aus von Millionen einfältiger Stammtisch-Chauvinisten. Sie verlachten den vermeintlichen Hahnrei querbeet durch zwei Jahrtausende. Diesen Märtyrer aller Gehörnten, der als Gipfel des Hohns den Tag seiner Privattragödie noch als himmlisches Wunder begreifen sollte. So wurde es ihm eingeflüstert, hihi, durch einen ... hoho Engel. Wenn der Einfaltspinsel schlicht gar nichts begriff und dennoch lebenslang sorgte für Frau und Kind, das nicht sein Balg war.

Die katholische Kirche redet von ihm als «Nährvater», wohl eine Art Eunuchendrohne, und versteht das bis heute als Ehrentitel. Auf unzähligen Gemälden wird Joseph als Opa dargestellt mit Halbglatze und Silberbart, während Maria, seine Angebetete, makellos jung erscheint wie eine Lilie. Ein Teenager noch, von Priestern, die sie beschützt haben wollen, mit zwölf verheiratet, damit sie «das Heiligtum nicht beflecke» (wenigstens nach Jakobus im sogenannten Protoevangelium). Zwölf Freier legten je einen Stab am Altar nieder. Doch dann grünte und blühte nur einer, Josephs Stab, wonach der Hohepriester die beiden verlobte.

Als Joseph, der Baumeister, nach sechs Monaten auf Handwerkstour nach Hause kam, war Maria schwanger. Er konnte durchaus sechs und drei zusammenzählen. Aber er wollte die Frau vor der Öffentlichkeit nicht blossstellen und sich in aller Stille von Maria trennen.

Niemand durfte Maria beiwohnen

Da erschien eben ein Engel und sagte, das Kind, welches Maria erwarte, sei vom Heiligen Geist. Der Zimmermann fügte sich in die Prüfung, auch in die Strapaze danach, wegen der Volkszählung auf Geheiss von Kaiser Augustus mit der Hochschwangeren nach Bethlehem reisen zu müssen, um später sogar bis nach Ägypten zu fliehen.

«Warum musste es sein, mon vieux», singt Georges Moustaki, «dass dein Kind diese seltsamen Ideen hatte, die Maria zum Weinen brachten? So denke ich gelegentlich an dich, armer Freund, der du nach nichts anderem verlangt hast als einfach glücklich zu sein mit Maria.»

War er glücklich? Allem Anschein nach hatte Jesus Geschwister; die wurden später dann umgedeutet in Verwandtschaftskinder. Niemand durfte Maria beiwohnen, nicht einmal ihr Mann. Der wohl selbstloseste Beschützer der Christenheit, wenn Patriarch, dann höchstens Patriarch des modernen Genderideals vom Hausmann.

Josephs Tod wurde nie erwähnt

Lassen wir uns den gesunden Menschenverstand nicht verdrehen durch Umdeutung: Nehmen wir die Kinder unter Josephs Dach als seine leibhaftig eigenen, also als Jesu Geschwister. Dann hätte er mit Maria durchaus noch Freude gefunden und in ihren Armen den schimärischen Zauber vom Anfang vergessen. Diese Lichtschweife hinter Sternen, diese Könige von weit her, diese sphärischen Stimmen.

All das dürfte der brave Mann längst abgestreift haben wie einen Spuk, als ihm nach einem Dutzend Jahren die wohl tiefste und schmerzlichste Kränkung widerfuhr. Die Familie pilgerte zum Osterfest nach Jerusalem. Plötzlich war der Sohn verschwunden, vielleicht ausgebüxt. Drei Tage und drei Nächte fanden die Eltern keine Spur von ihm. Dann treffen sie ihn im Tempel, angeregt in Gespräche verwickelt. «Kind», sagt Maria, «wie konntest du uns das antun?» Joseph sagt wie immer nichts. Trotzdem richtet sich Jesus an ihn und erinnert ihn, klassisch pubertär, daran, dass er gar nicht sein richtiger Vater sei.

Von da an wird Joseph nie mehr erwähnt. Auch sein Tod nicht, der nach diesem Vorfall rasch erfolgt sein kann oder auch nicht. Vielleicht hat Joseph jene «bizarren Ideen» seines Sohnes gar nicht mehr miterlebt, von denen Moustaki singt, wegen derer Maria Tränen vergoss. Vielleicht starb Joseph liebevoll umsorgt von ihr, seinem Augenstern, dem einzigen Himmel für ihn, gewissermassen also durch irdische Liebe rehabilitiert.

Hoffentlich.

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