Gesellschaft

Gegacker im Garten: Immer mehr Menschen halten sich Hühner als Haustiere

Immer mehr Menschen halten sich Hühner als Haustiere. – nicht nur, weil sie sich aufs frische Frühstücksei freuen. Für den Tierschutz ist das nicht erstaunlich: «Der Mensch-Tier-Kontakt wird immer wichtiger, Hühner eignen sich dafür sehr gut.»

Die 11-jährige Laura braucht nur mit dem Maiskolben ins Hühnerhaus zu treten und schon ist sie umringt von Fiorina, Lady, Pepina und Regina.

Die vier Hühner gehören seit ein paar Monaten zur Familie. Anfangs waren sie noch in der Wohnung untergebracht, bis die Temperaturen genug warm waren, um die kleinen Kücken ins Aussen-Gehege zu geben.

An sich war es Mutter Paola Pesolillo, die sich schon lange Hühner für ihren Garten in Ennetbaden wünschte.

Nun aber sind die zwei Seiden- und die zwei Sperberhühner sozusagen Lauras Haustiere, auch wenn sie inzwischen die Wohnstube verlassen mussten.

Fiorina lässt sich von ihr problemlos in die Hand nehmen, Lady setzt sich sogar auf Lauras Schulter und blickt neugierig von ihrem Hochsitz in die Umgebung. «Sie können sogar richtige Sprünge machen und im Kreis tippeln», erzählt Laura stolz.

Eigentlich sind Hühner die perfekten Haustiere: Sie sind anhänglich, machen kaum Arbeit, benötigen wenig Platz, fressen Küchenabfälle und sind – solange kein Hahn morgens auf dem Misthaufen kräht – sogar ziemlich leise.

Vor allem aber bescheren sie fast jeden Tag ein frisches Ei. In England hat das Federvieh in den Reihenhausgärten schon fast Kultstatus.

Auch von Grossstädten Amerikas kennt man die neue Sehnsucht nach etwas Landfeeling.

Der Trend zum frisch gelegten Frühstücksei ist inzwischen auch in der Schweiz spürbar. Immer mehr Menschen halten sich hierzulande in städtischen Gebieten ihre eigenen Hühner.

Positiv für unruhige Kinder

Das bestätigt Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes, und freut sich darüber: «Gerade im urbanen Gebiet wird der Mensch-Tier-Kontakt immer wichtiger, Hühner eignen sich sehr gut dafür.» Aus Studien weiss man etwa, dass gerade unruhige Kinder sehr positiv darauf reagieren.

Doch auch wenn Hühner vergleichsweise einfach zu betreuen sind, geht manchmal leicht vergessen, dass sie eine regelmässige Fütterung und ein sauberes Gehege brauchen. Zudem benötigen sie Platz – einiges mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen 6 Hühner pro Quadratmeter, die für Massenhaltung gelten.

«Ideal wären im Stall maximal 2 Hühner pro Quadratmeter und für den Grünauslauf mindestens 30 bis 50 Quadratmeter pro Tier. Diese kann man unterteilen, um eine vom Hühnergescharre beschädigte Grasnarbe wieder nachwachsen lassen zu können», erklärt Hans-Ulrich Huber.

Und natürlich brauchen die Tiere in ihrem Gehege erhöhte Sitzstangen, eingestreute Legenester, Trink- und Futterstellen.

«Neben Körnern und Gemüseabfällen sollte man ihnen zudem regelmässig Kieselsteine verfüttern, zum Aufschliessen der Körner im Kropf sowie Kalk für die Eierschalenbildung.»

Solange kein Hahn frühmorgens kräht, geht das Zusammenleben in der Regel gut.

«Anfangs freuen sich alle über den Güggel und dann stören sie sich eben doch daran», muss Huber immer wieder feststellen.

Oft wird er gerufen, um schlichtend einzugreifen, wenn ein Hahn seine Hühner ein bisschen zu lautstark verteidigt.

«Hühner sind eines der interessantesten Nutztiere, aber leider auch die am meisten ausgenützten», betont Huber. 2012 wurden weltweit 120 Millionen Tonnen Geflügelfleisch verspeist.

War das Fleisch früher eines der teuersten, ist es heute durch die Massentierhaltung zum Billigfleisch geworden. Mit dem Image steht es also nicht gerade zum Besten. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind sie die neuen Lieblinge.

Denn ein bisschen Mitleid mit dem Hühnervieh hat auch Peter Meili aus Basel.

«Für mich war das auch ein Grund, eigene Hühner zu haben und damit einen ganz kleinen Beitrag gegen die Massentierhaltung zu leisten. Abgesehen davon sind sie auch ganz tolle Tiere. In einem Hühnergehege läuft immer etwas.»

Scharren, picken, flügelschlagendes Rennen, kleine Rangeleien um ein Körnchen und vielleicht sogar brütende Hennen.

Haus- oder Nutztier?

Das begeistert auch Paola Pesolillo. Sie packt sachte Huhn Lady und streicht ihr übers Gefieder. «Zudem sind sie auch so schön weich», schwärmt die Familienfrau und Werklehrerin.

«Und wenn ich nach einem hektischen Tag nach Hause komme und die Hühner zufrieden vor sich hin gackern, ist das absolut beruhigend.»

Um das Poulet-Gestell beim Grossverteiler macht sie hingegen mittlerweile einen grossen Bogen. «Seit wir unsere Hühner haben, schmeckt mir Pouletfleisch irgendwie nicht mehr», meint sie etwas nachdenklich.

Und auch ihre Hühner sollen dereinst nicht in der Pfanne landen. «Selbst wenn sie keine Eier mehr legen, werden wir sie auf keinen Fall schlachten.»

Da hat Paula Blöchlinger aus Aarau weniger Berührungsängste. Auch wenn das Schlachten für sie kein Vergnügen ist, «aber da bin ich pragmatisch, das gehört halt dazu, wenn man Hühner hat».

Seit rund 8 Jahren hält sie in ihrem Aarauer Garten Hühner, um täglich frische Eier zu haben. Aber es ist auch einfach nett und gemütlich, die Hühner im Garten zu haben.

Die Barthühner leben in der dritten Generation bei Paula Blöchlinger. Zwei der vorherigen Hühner sind spurlos verschwunden und eines wurde vom Marder getötet, eines war krank.

«Einige habe ich auch geschlachtet, weil sie nicht mehr legten», erzählt die Hühnerhalterin. Doch nutzlos waren sie keineswegs: «Ich habe sie noch zu einer feinen Hühnersuppe verkocht.»

Inzwischen haben ihre Appenzeller Barthühner keine Namen mehr. «So hat man etwas mehr Distanz, schliesslich sind es keine Kuscheltiere.»

Egal, ob man die Hühner mehr als Haus- oder als Nutztiere betrachtet: «Mit etwas Geduld kann man mit ihnen durchaus eine Beziehung aufbauen», betont Tierschutz-Geschäftsführer Hans-Ulrich Huber.

So wie Laura, die inzwischen ihre Hühner beim Namen ruft – und schon kommen sie wild flatternd angetippelt.

Noch vielmehr als auf ihre Dressier-Erfolge ist sie aber stolz auf ihre Fiorina: «Vor ein paar Tagen haben wir die ersten Eier entdeckt, die sie in einer Ecke versteckt hat. Sie sind köstlich.»

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