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Genforscherin Isabelle Mansuy: «Verhalten wird nicht nur durch soziale Interaktion vererbt»

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Wir erben unser Verhalten, es ist nicht anerzogen. Dieser Meinung ist die Neuroepigenetikerin Isabelle Mansuy.

Sie krempeln gerade die gesamte Psychologie und Pädagogik um: Dass Kinder in ihrem Verhalten so werden wie ihre Eltern, soll nicht länger ein Produkt von Erziehung und Vorbild sein, sondern ist schlicht ererbt?

Isabelle Mansuy: Natürlich wird bestimmtes Verhalten durch soziale Interaktion vererbt. Aber nicht ausschliesslich. Traumatisierungen etwa unterminieren nicht nur das Selbstwertgefühl, das Gehirn und den Stoffwechsel, sie beeinflussen auch die Keimzellen.

Könnte es nicht eher sein, dass sich traumatisierte oder extrem gestresste Eltern ihren Kindern gegenüber so benehmen, dass es naheliegt, dass auch die Kinder gestresst und traumatisiert werden?

Könnte, ist es aber nicht. Zumindest nicht nur. Das haben wir bewiesen.

Wie konnten Sie das belegen?

Wir haben Mäusebabys von ihren Müttern getrennt, die Mütter derweil in enge Röhren und in kaltes Wasser gesetzt. Das war für alle ein Trauma. Das führte dazu, dass die kleinen Mäuse sich gestört verhielten: depressiv wirkten, keinen freundlich-interessierten Kontakt mehr mit Artgenossen aufnahmen, keine gesunde Angst in neuer Umgebung zeigten und auch nicht um ihr Leben kämpften. Vielmehr waren sie desinteressiert, teilnahmslos und gingen unnötige Risiken ein.

So weit, so vorhersehbar.

Aber jetzt wirds brisant: Die Nachkommen dieser verhaltensgestörten Mäuse waren genauso verhaltensgestört – auch wenn sie niemals Kontakt zu ihren leiblichen traumatisierten Eltern hatten. Die Schockerfahrung hatte offensichtlich Einfluss auf die Keimzellen genommen. An männlichen Mäusen, die sich nie an der Aufzucht beteiligen, wird das besonders deutlich.

Eine traumatisierte männliche Maus hatte niemals Kontakt zu ihren Jungen, aber die Jungen waren trotzdem gestört?

Exakt. Sogar die dritte, die Enkelgeneration.

Wie ist dieses «Familienmuster» zu erklären?

Epigenetisch. Der extreme Stress verändert das Methylierungsprofil bestimmter Gene. Also nicht die Gene selbst, sondern, vereinfacht gesagt, das «Drumherum». Die Gene werden fehlerhaft abgelesen. Und das wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Dann müssten ja, wenn man das zu Ende denkt, Nachkommen etwa Kriegstraumatisierter bis ins x-te Glied auch traumatisiert und verhaltensgestört sein, ohne je einen Krieg erlebt zu haben.

Ich kenne mich mit Mäusen besser aus als mit Menschen.

Aber der Link Maus-Mensch ist doch sicher zu machen?

Vermutlich. Und: Nein, so negativ ist es nicht. Mein Team und ich haben in unendlich vielen Forschungen überprüft: Der Prozess der epigenetischen Weitervererbung von Traumata ist umkehrbar. Diese molekularen «Anlagerungen» können in entsprechend positiver Umgebung auch wieder abgebaut werden.

Das bedeutet?

Mäuse sind zufrieden, wenn sie genug zu fressen haben, Gesellschaft, Anreize zur Beschäftigung, wie etwa ein Laufrad. Das ist eine gute Mäuseumgebung, die sie normal gedeihen lässt.

Und das heilt Traumata?

Nein. Eine normal gute Umgebung ist in dem Fall nicht gut genug. Sie heilt die Familientraumata nicht. Dafür muss es ein «Mäuseparadies» sein. Eine doppelt so schöne Umgebung. Dann wird die Stressaltlast kompensiert.

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