Gastkommentar

Gestrandet: «Jetzt werde ich unter Umständen vom Virenstaub eingeholt – oder vom nackten gewalttätigen Wahnsinn»

«Keine schlechten Zeiten, künstlerisch gesehen»: Auch in Managua, wo unser Autor festsitzt, hat es weniger Verkehr.

«Keine schlechten Zeiten, künstlerisch gesehen»: Auch in Managua, wo unser Autor festsitzt, hat es weniger Verkehr.

Der Schweizer Schriftsteller Max Dohner ist in Nicaragua blockiert. Dort sieht er letzte Schimären der Fröhlichkeit.

Gestrandet sein heisst: Man lebt. Also bloss keine Panik. Draussen brennt und sinkt das Wrack – aber hier sitzt man, guten Mutes eigentlich, wäre nach vorn nicht alles offen... oder versperrt. In ebendiesem Paradox liegt das Besondere der Blockade: Alle Wege nach Hause sind zu – und daher alles offen, wie und wo es weitergehen soll.

Man bekommt zunächst ein paar Tage Musse umsonst. Kann sich fragen, welches Wrack da draussen eigentlich brennt und sinkt. Eine Epoche grossspuriger Illusionen, mit falschem Firnis, bedeutungslosem Spass? Corona kennzeichnet eine Zeitenwende wie weiland die Titanic. So wie der Bug des unsinkbaren Schiffs uns eingeprägt ist als Symbol vom Schiffbruch des beständigen Luxus und Machbarkeitswahns, so wird die Computergrafik des Virus stehen für das Ende des Gleichen in anderer Form. Und wieder findet sich das Paradox: Die Welt wurde im Tempo Teufel «globalisiert», geöffnet, mit der Folge, dass 2020 jeder und jede Einzelne gefangen in der Wabe sitzt.

Meine Reise, die hier – in Managua, Nicaragua – endete, war bisher sozusagen ein Trip gewesen mit «einstürzenden Neubauten» im Rücken. Aus dem aufwirbelnden Staub kam ich per Jet immer wieder davon, erlebte gewissermassen wiederholt eine Szene wie aus einem Katastrophenfilm – bis jetzt. Jetzt werde ich unter Umständen vom Virenstaub noch eingeholt. Oder von Schlimmerem, dem Ausbruch des nackten gewalt­tätigen Wahnsinns.

Als ich Anfang März Europa verliess, wurde dort alles geschlossen. Als ich einen Tag später Costa Rica verliess in Richtung Kolumbien, machte San José den Flughafen dicht. Drei Tage danach flog ich aus Cartagena weg, und «unten» schlossen alle Restaurants und Bars. In Panama konnte ich gerade noch umsteigen, dann sperrten sie den Flughafen selbst für Transit.

Nun bin ich hier, in Nicaragua, in einer Airbnb-Wohnung. Eigentlich eine tolle Quarantäne-Station, die ich mir freilich auf längere Sicht nicht leisten kann. Ausserdem braucht man in Zeiten von Corona einen (teuren) Mietwagen – alle Busse und Taxis sind mit Menschen vollbepackt. Und die Nachbarländer rundum sind alle dicht. Den Repatriierungsflug der Schweizer Regierung verpasste ich diese Woche, weil Costa Rica die Grenzen schloss. Meine dringlichen E-Mails an «Edelweiss», mir wenigstens den annullierten Rückflug zurückzuerstatten, blieben ohne Antwort. Beim Schweizer Konsulat habe ich mich gemeldet. Es behält die rund 30 Schweizerinnen und Schweizer, die hier blockiert sind, im Auge und berät sie rasch und telefonisch direkt.

Mit einem Freund analysiere ich die Lage laufend: mit Pascal Picot, einem Franzosen, der vor rund 30 Jahren hier geblieben ist, in Granada. Picot gründete eine Familie und eine renommierte Reiseagentur, Oro Travel, womit er natürlich vor ähnlichen Problemen steht: Wie bringt er seine Gäste zurück nach Europa? Wird eine Maschine der Air France uns alle holen? Picot sagt, entweder ich ergriffe jede sich bietende Gelegenheit sofort, oder ich müsse mich einrichten auf ein längeres «Sabbatical».

Nun schreckt mich eine «Auszeit» keineswegs. Ich habe Material mitgenommen für zwei neue literarische Werke. An Quarantäne sollte ein Schriftsteller/Einzelgänger ohnehin gewöhnt sein. Zudem ist es immer warm, alle Lokale noch offen, das koloniale Granada ein Schmuckstück... wenn, ja wenn...

Nicaragua spricht – offiziell – von zwei Coronainfizierten bisher. Das halten alle, die Kenntnis haben vom Innen­leben des Landes, für falsch. Ein 70-­jähriger Schweizer, seit Jahren in Zentralamerika, sagt, es habe Todesfälle gegeben. Sein Rezept lautet: «Durchseuchen!», alles andere ende hier ohnehin im Chaos. Die Leute glauben, die Regierung halte die Wahrheit zurück. Die Regierung, faktisch eine Diktatur von Daniel Ortega und der First Lady, geniesst kein bisschen Vertrauen mehr im Land. Seit dem April 2018, als sie in eine Protestmenge schiessen liess und sich danach wochenlang Gefechte von beispielloser Härte lieferte mit Aufständischen. Hunderte Tote kostete der Protest. Polizei und Paramilitärs sind dauerpräsent in den Strassen.

Nicaraguas Bevölkerung übt sich seit Generationen in Geduld. Aber die Nerven sind gespannt. Verlieren die Leute die Geduld, bricht eine irrationale Eruption los im vulkanreichen Land. Dann ist jeder Aufenthalt ausserhalb der vier Wände ein Vabanque mit Leben und Tod; genau das zeigte der April 2018. Der Sturm könnte am Ende die Regierung hinwegfegen, mit unbeherrschbarem Ausgang. Ein Beben solcher Art will kein Ausländer erleben in diesem seismisch ohnehin unruhigen Land, so bezaubernd es sonst auch ist. Da ist Corona-Europa – so sarkastisch das klingen mag – die heilsamere Option.

Ein (sündenteures) Ticket habe ich noch ergattert, via Atlanta USA, Amsterdam, nach Zürich. Die Amerikaner stellen tausend Fragen, damit ich in Atlanta zwei Stunden lang umsteigen darf (eine neue Erfahrung für Schweizer: Wir gelten plötzlich a priori als toxisch). Jeden Tag brechen andere Möglichkeiten weg – wie lange ist Mexiko noch offen oder Kuba?

Das Schweizer Fernsehen hat angerufen. Was soll ich sagen, wie mit dem Handy meine Lage bebildern? Übers Wochenende leisteten meine hiesigen drei Patentöchter mir Gesellschaft. In prekären Verhältnissen aufwachsend genossen sie einen sorglosen Tag am Pool. Das hatte was von Unschuld, ein Flair von Paradies. Manchmal kam mir der Tag vor wie eines der heiteren Kapitel aus «Decamerone», Bocaccios Pestroman. Schön als Erinnerung, wenn eines Tages alles vorbei ist. Gespenstisch als Bild letzter Schimären der Fröhlichkeit vor dem Untergang.

Keine schlechten Zeiten, künstlerisch gesehen.

Zuletzt erschienen: «Am Himmel kaum Gefälle», Verlag rüffer & rub

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