Analyse

Hygienemasken: Ein Schutz mit Wenn und Aber

Hygienemasken bieten nur Schutz, wenn sich zwei Menschen nahe kommen.

Hygienemasken bieten nur Schutz, wenn sich zwei Menschen nahe kommen.

Die Schweiz fährt punkto Schutzmasken eine ganz andere Strategie als Österreich. Was unsere Behörden dazu sagen, ist zwar nicht falsch, aber verwirrlich. Eine Analyse.

Österreich hat am Montag die Maskenpflicht für Supermärkte eingeführt. Nach Ostern wird sie auf alle Geschäfte und den öffentlichen Verkehr ausgeweitet. Ganz anders in der Schweiz: ­«Gesunde Personen sollen in der Öffentlichkeit keine Hygienemasken tragen», heisst es nach wie vor beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Diese schützen eine gesunde Person nicht effektiv vor einer Ansteckung mit Viren der Atemwege.» Dieselben Masken werden von den Schweizer Behörden aber wiederum Gesundheitsfachpersonen empfohlen – sie sollen sogar beim Durchführen eines Abstriches aus der Nase einen ausreichenden Schutz bieten. Ja, was nun: Schützt die Maske vor dem Coronavirus oder schützt sie nicht?

Auf den ersten Blick scheint klar: Das BAG widerspricht sich. Doch die Situation ist komplizierter. Denn wie gut eine Maske wirkt, hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Klar ist, dass Hygienemasken Tröpfchen abhalten. Deshalb sollen hustende Personen solche Masken tragen, wenn sie die Wohnung verlassen; so weit sind sich die Fachleute einig. Doch die Barrierewirkung der Maske funktioniert auch in die andere Richtung: Tröpfchen dringen nicht von aussen nach innen. Das deutlich zu sagen, hat sich das BAG bislang gehütet.

Und doch lügen die Behörden nicht, wenn sie sagen, die Maske biete keinen effektiven Schutz. Denn von einer zuverlässigen Schutzwirkung kann erst gesprochen werden, wenn erstens die Maske professionell gehandhabt wird, wenn sie also gut sitzt und sich die Trägerin oder der Träger nicht etwa an die Maske fasst und danach im Auge reibt. Zweitens bietet die Maske nur in jenen Situationen Schutz, wo sich zwei Personen so nahe kommen, dass die eine von der feuchten Aussprache oder dem Husten der anderen getroffen wird. So ergeben die Aussagen des BAG Sinn: Die Hygienemaske schützt die Ärztin und den Pfleger des Covid-19-Patienten – der Bürgerin, die sich an die Abstandsregel hält, bringt sie dagegen wenig bis nichts.

Mit seinen Empfehlungen ist es dem BAG gelungen, den Worst Case zu verhindern: eine Maskenknappheit bei denjenigen Personen, die sie wirklich brauchen. Trotzdem ist die nicht ganz offene Kommunikationsstrategie gefährlich. Sie führt zu Verwirrung, Verunsicherung und zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit. Auch wenn sich die Widersprüche bei genauem Hinsehen auflösen, sinkt damit das Vertrauen in die Behörden. Und dieses Vertrauen braucht es, damit sich die Bevölkerung an jene Massnahmen hält, die im Unterschied zur Maske ohne Wenn und Aber wirken: zu Hause bleiben, Hände waschen, Abstand halten.

Doch was ist nun mit Österreich und seiner Mundschutzpflicht? Tatsächlich kann die Maskenpflicht etwas bringen: wenn nämlich Personen, die ohne ihr Wissen infiziert sind, ausserhalb ihrer Wohnungen unterwegs sind. Das wird vermehrt der Fall sein, wenn nach Ostern in Österreich kleinere Geschäfte wieder öffnen.

Wie viel die Maskenpflicht zur Eindämmung der Epidemie beiträgt, weiss niemand – erst recht nicht, wenn nebst chirurgischen Masken auch ein Schal vor dem Mund akzeptiert wird. Eine Lockerung der Massnahmen kann deswegen nicht durch eine Maskenpflicht legitimiert werden. Sie muss über Zahlen abgestützt werden. Das ist in Österreich der Fall: Die Kurve der Neuinfektionen verläuft dort viel flacher als in der Schweiz.

Masken können die Epidemie nicht stoppen. Doch eine Pflicht kommt auch in der Schweiz als unterstützende Massnahme in Frage, wenn sichergestellt ist, dass an den entscheidenden Stellen kein Mangel entsteht. Das zu entscheiden, ist Aufgabe der Behörden. Und damit die Bevölkerung ihre Entscheide akzeptiert, müssen sie transparent kommunizieren.

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