Literatur

Hype um die Fortsetzung von «Der Report der Magd» – doch der Roman überzeugt nicht wirklich

Die stummen Gebärmägde Gileads aus Margret Atwoods Roman «Der Report der Magd» – Foto aus der TV-Verfilmung « The Handmaid’s Tale» aus dem Jahr 2017.

Die stummen Gebärmägde Gileads aus Margret Atwoods Roman «Der Report der Magd» – Foto aus der TV-Verfilmung « The Handmaid’s Tale» aus dem Jahr 2017.

Mit dem Roman «Die Zeuginnen» hat die Kanadierin Margaret Atwood die Fortsetzung ihres Welterfolgs «Der Report der Magd» vorgelegt: Ein eher zwiespältiges Lesevergnügen.

Einen medialen Hype dieser Grössenordnung im Vorfeld des Erscheinens eines Buches gab es zuletzt bei J. K. Rowlings «Harry Potter»-Bänden und Harper Lees überraschender Fortschreibung ihres Weltbestsellers «Wer die Nachtigall stört», dem Band «Gehe hin, stelle einen Wächter».

Doch der inzwischen 80-jährigen Kanadierin Margret Atwood war mit ihrem vor nunmehr 34 Jahren publizierten Roman «Der Report einer Magd» seinerzeit ein Buch gelungen, das sich nicht nur als visionäre literarische Dystopie vom Schlage George Orwells erwies. Darüber hinaus entpuppte er sich als veritabler Longseller, der längst in zahlreichen Ländern Schullektüre ist.

So waren die Erwartungen an die für den 10. September angekündigte weltweite Veröffentlichung des Fortsetzungsbandes «Die Zeuginnen» immens. Nicht zuletzt angeheizt durch die Geheimniskrämerei, die Atwoods englischsprachiger Verlag um die Veröffentlichung des Buches machte.

Denn es wurden weder vorab Druckfahnen des Romans an Journalisten verschickt, noch bestand die Möglichkeit, die Autorin im Vorfeld zu ihrem Buch zu interviewen.

Nun aber, vier Tage später, liegt «Die Zeuginnen» auch in einer deutschen Übertragung vor. Doch man reibt sich angesichts der doch sehr überschaubaren literarischen Qualität des Buches die Augen.

Denn die ewige Nobelpreiskandidatin Atwood, die sich in keiner ihrer inzwischen in grosser Zahl vorliegenden Romane und Kurzprosasammlungen als bemerkenswerte Stilistin hervortat, erweist sich darin als zwar routinierte, insgesamt aber doch eher gediegene Erzählerin, die ihren Stoff geradezu buchhalterisch abarbeitet.

Ihr Buch, so verriet sie in einem nun nachgereichten Interview, sei vor allem durch die Fragen inspiriert worden, die ihre Leser und Leserinnen ihr über die Jahrzehnte hin zum offenen Ende des ersten Bandes immer wieder gestellt hätten.

Und genau so liest es sich: wie ein braver, zu einer eher spröden Fortsetzungsgeschichte zusammengestrickter Beantwortungskatalog. Und wer den «Report einer Magd» nicht gelesen hat, sollte am besten die Finger von dem neuen Buch lassen. Denn tatsächlich erschliesst sich dessen Inhalt nur jenen, welche die vielschichtige Ausgangsgeschichte kennen.

Sie gab den unterdrückten Frauen eine Stimme

Darin entwarf die 1939 im kanadischen Ottawa als Tochter eines Insektenforschers geborene Autorin das mit Blick auf die aktuellen dortigen Verhältnisse visionäre Setting einer zur theokratischen Diktatur umgebauten US-Gesellschaft. In dieser hat die radioaktive, chemische und bakteriologische Verseuchung zu nahezu kollektiver Sterilität geführt.

Zudem hat ein Staatsstreich der sogenannten Söhne Jakobs, die christlich-fundamentalen Glaubenssätzen folgen und die Verfassung des Landes ausser Kraft gesetzt haben, dazu geführt, dass Zeitungen zensiert werden. Die Armee hat den Notstand ausgerufen, es herrscht ein Klima des Hasses und der Einschüchterung.

Vor allem aber hatte Margaret Atwood in ihrem Roman die Rolle der Frau auf prekäre Weise redefiniert. Sie gab damit all jenen weltweit unterdrückten Frauen eine Stimme, die zu Opfern restriktiver politischer Männerherrschaftssysteme wurden.

Denn ähnlich wie im nationalsozialistischen Unrechtssystem Adolf Hitlers hatten die Frauen im «System Gilead», wie sie es nannte, allein dem Mann zu dienen, indem sie sich ihm als Hausfrau und Gebärerin seiner Kinder stimmlos unterordnen.

Exemplarisch hatte sie die Auswirkungen des Lebens der Frauen unter solch repressiven Umständen an der Geschichte der jungen Magd Desfred durchgespielt. Sie zählte zu jenen wenigen noch Fruchtbaren, deren Aufgabe es war, das Kind der unfruchtbaren Frau des Kommandanten des Hauses auszutragen.

Hin- und hergerissen zwischen ihrem Auftrag und ihrer Bindung zu ihrem Mann Luke und ihrer kleinen Tochter, willigte sie schliesslich ein. Doch dann wurde sie eines Tages von der Polizei abgeholt. Man warf ihr vor, Staatsgeheimnisse ausgeplaudert zu haben. Anschliessend verlor sich ihre Spur.

Donald Trump liess ihr keine andere Wahl

Und genau hier setzt die Handlung der «Zeuginnen» fünfzehn Jahre später ein: Das christlich-fundamentalistische «System Gilead» ist am Ende. Doch war es im «Report» Desfreds Geschichte, deren Schicksal Atwood sie selbst erzählen liess, so ist es nun die sogenannte «Tante Lydia», die die Fäden aus Teil eins aufnimmt – und zu Ende spinnt.

Im «Report» trat sie als eiskalte KZ-Aufseherin auf, die jene Frauen, die auserwählt wurden, als Mägde Gileads Kinder auszutragen, mit grausamen Foltermethoden das Fürchten vor der Obrigkeit lehrte.

Doch nun, da sie vor Gericht steht und Rechenschaft ablegen soll über ihre Funktion an der Spitze des reaktionären Staatsapparats, entpuppt sie sich als Doppelagentin. An einem geschützten Ort habe sie an einem Bericht über ihre Erfahrungen als Befehlshaberin im System geschrieben – und darin nach und nach dessen innerste Mechanik freilegt.

«Wenn ich meinen Abgang mache, dann bitte mit Pauken und Trompeten», sagt sie einmal forsch. «Diese Papiere nenne ich die Geheime Geschichte von Gilead.» Was folgt, ist der Bericht einer Frau, an deren sukzessiver ideologischer Wandlung von der einstigen Familienrichterin zur systemtreuen Handlangerin Atwood gekonnt vorführt, wie Menschen sich unter fortgesetzter politischer Indoktrinierung abhandenkommen – und sich ans System verraten.

Daran anschliessend kommt Desfreds Tochter Agnes zu Wort. Sie erzählt aus ihrer Sicht die Geschichte ihrer Mutter. Zuletzt betritt die 16-jährige Daisy die Bühne. In Kanada nimmt sie an einer Grossdemonstration gegen die Verhältnisse im Nachbarstaat Gilead teil.

Als sie ihre Sicht der Dinge offenbart, schliesst sich sowohl für den Roman als auch für Desfreds Geschichte der Kreis. Denn Daisy ist niemand anderes als Dresfreds zweite Tochter.

Die Frage, weshalb sie ausgerechnet jetzt den zweiten Teil ihres Erfolgsromans vorgelegt habe, beantwortete Margaret Atwood damit, dass die Wahl Donald Trumps und deren Folgen für die amerikanische Gesellschaft ihr keine andere Wahl gelassen hätten.

Die Kanadierin erweist sich einmal mehr als gesellschaftspolitische Visionärin – und Exorzistin zugleich. Denn was sie in ihrem Buch zu Ende denkt, verheisst weiss Gott nichts Gutes.

Bleibt festzuhalten: Literarisch betrachtet, ist «Die Zeuginnen» eine leise Enttäuschung; als denkerisches Planspiel aber ist das Buch ein finsteres Versprechen, von dem zu hoffen bleibt, dass es sich niemals erfülle.

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