Nur acht Prozent gehen zur Polizei

«Ich habe meinem Vergewaltiger verziehen»: Eine junge Frau bricht das Schweigen um anderen zu helfen

Will einen Verein gründen, um Betroffene zu unterstützen: Cindy Kronenberg.

Will einen Verein gründen, um Betroffene zu unterstützen: Cindy Kronenberg.

Cindy Kronenberg wurde vor fünf Jahren in Luzern vergewaltigt. Nun bricht sie ihr Schweigen und will damit anderen helfen.

Niemand soll je durchmachen müssen, was sie durchgemacht hat, das hat sich Cindy Kronberg zur Lebensaufgabe gemacht. Etwas mehr als fünf Jahre ist es nun her, seit sie Opfer sexueller Gewalt wurde. Während des Blue Balls Festival in Luzern wurde die 28-Jährige unter falschen Vorwänden ins Vögeligärtli gelockt und dort auf einer Parkbank vergewaltigt. Ein Nein wollte der Unbekannte, den sie kurz zuvor kennen gelernt hatte, nicht akzeptieren. Nun spricht sie erstmals öffentlich über den Vorfall.

Ein offener Brief an den Vergewaltiger

«Lieber Vergewaltiger, liebe Freunde», beginnt ein Schreiben, das die Surseerin kürzlich auf dem sozialen Netzwerk Facebook veröffentlicht hat. Darin spricht sie derart offen über ihr traumatisches Erlebnis, dass man als Leser mitunter fassungslos zurückbleibt. Etwa über die Folgen der Tat, die sich bis heute in den Alltag der jungen Frau erstrecken: «Ich liebe mein Leben, doch an manchen Tagen geht es mir richtig beschissen. Ich habe mir von dir meinen sexuellen Selbstwert so klein machen lassen, dass ich an schlechten Tagen die Hoffnung aufgebe, dass es jemals wieder so wird wie zuvor.»

Mit einer Person sprechen, der das Gleiche passiert ist

Indem sie ihre eigene Geschichte mit der Öffentlichkeit teilt, will sie die Mauern des Schweigens um das Tabuthema sexuelle Gewalt durchbrechen und die Leute so für einen umsichtigeren Umgang mit Betroffenen sensibilisieren. «Anknüpfungspunkte gibt es viele», begründet die studierte Jugendarbeiterin ihr Vorhaben, «Angefangen bei gesellschaftlichen Fragen wie der Stigmatisierung von Betroffenen bis hin zur gegenwärtigen Rechtslage, die in gewissen Fällen dazu führt, dass Täter geschützt und Opfer schikaniert werden.»

Gegenwärtig arbeitet sie daran, ein niederschwelliges Angebot für Letztere einzurichten – als Ergänzung zu bestehenden Anlaufstellen. Dort sollen sich Betroffene direkt mit anderen Betroffenen austauschen können. Denn genau das habe sie damals vermisst. «Ich hätte mir damals gewünscht, mit jemandem sprechen zu können, dem das Gleiche passiert ist. Jemand, der weiss, wovon ich rede. Jemand, der mir glaubt, mir zuhört, und nicht als Allererstes fragt, ob ich schon bei der Polizei war.»

«Ich habe nicht geschrien, war nicht in der Lage, mich zu wehren»

Zwei Jahre hat es gedauert, bis die Luzernerin bereit war, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Denn die Konfrontation mit den Behörden sei alles andere als einfach. Sie habe zahlreiche Fragen beantworten müssen, auf die sie keine Antwort hatte. Ihr Bewusstsein habe während der Tat teilweise auf Blackout gestellt – um den Machtmissbrauch irgendwie auszuhalten. «Weisst du, wie dumm ich mir dabei vorgekommen bin», schreibt sie nun an die Adresse ihres Vergewaltigers. «Wie ich das Unverständnis der Polizistin gespürt habe. Wie ich selbst lange gezweifelt habe, ob das wirklich passiert ist. War es nicht bloss eine Affekthandlung? War ich nicht selbst Schuld an diesem ‹Unfall›? Bis heute kann ich die komplette Schuld nicht bloss dir geben. Denn ich habe nicht geschrien und war nicht in der Lage, mich zu wehren.»

Dieser Zustand der Schockstarre tritt gerade bei Vergewaltigungen sehr häufig auf. Das weiss sie heute. In der Fachliteratur gebe es dafür sogar einen eigenen Begriff: defensive immobility oder freezing-like behaviour. «Der Körper gerät in einen Lähmungszustand, sodass man unfähig ist, sich zu wehren, oder auch nur zu schreien.» Auch ihr Körper habe keinen Notfallplan gehabt für das, was damals im Vögeligärtli passiert ist, sagt sie. «Ich erstarrte, obwohl ich körperlich stark bin. Ich habe mir das aber inzwischen verziehen.» Vielen sei gar nicht bewusst, dass die Schockstarre eine gewöhnliche Reaktion auf derartige Situationen sei. Diese fehlende Kenntnis führe letztlich zu einem fehlenden Verständnis für Betroffene sexueller Gewalt.

Schlechte Erfahrungen mit der Polizei

Auf Unverständnis stiess sie aber nicht nur in ihrem Umfeld, sondern auch bei der Polizei. «Nachdem ich Anzeige erstattet hatte, rief ein Polizeibeamter bei mir an und fragte, warum ich so lange damit gewartet hätte. Ob mir bewusst sei, dass ich mitverantwortlich sei, wenn in dieser Zeit andere Frauen vergewaltigt wurden, oder ob ich wisse, dass meine Vergewaltigung kurz nach jener in Emmen stattgefunden hat» – für Cindy Kronenberg eine klare Grenzüberschreitung des Beamten, zumal ihr Fall mit jenem in Emmen, wo eine junge Frau im Juli 2015 vom Velo gerissen und vergewaltigt wurde und seither querschnittgelähmt ist, ihres Erachtens nicht zusammenhängt.

«Ein Polizist darf sich das vielleicht denken, aber niemals aussprechen. Ich bin doch nicht für die Taten von Vergewaltigern verantwortlich», sagt sie. Ohnehin habe sie die Anzeige nicht gemacht, um sich zu rächen oder weil sie hoffe, dass der Täter gefasst wird, sondern für sich – ein weiterer Schritt auf ihrem langen Weg, das Geschehene zu verarbeiten.

Nur acht Prozent der Betroffenen gehen zur Polizei

Dass Cindy Kronenberg die Tat überhaupt angezeigt hat, macht sie in der Schweiz zu einer Ausnahme. Laut einer Umfrage von GfS Bern im Auftrag von Amnesty International, die im letzten Jahr erstmals durchgeführt wurde, erlebt hierzulande jede zweite Frau irgendwann in ihren Leben eine Form von sexueller Gewalt; mehr als jede zehnte erleidet dabei Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen. Doch nur acht Prozent der Betroffenen gehen anschliessend zur Polizei. Die 28-Jährige kann sich vorstellen, warum. «Die meisten schämen sich für das Geschehene und suchen die Schuld bei sich. Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt. Kommt hinzu, dass die Täter nur in den wenigsten Fällen bestraft werden, weil es häufig wenig belastende Beweise gibt und Aussage gegen Aussage steht.»

Die erste Frage, wenn jemand seine Geschichte teilt, sollte daher nicht lauten, ob er oder sie schon die Polizei benachrichtigt habe, sagt Cindy Kronenberg. «Ich kann diesen Impuls verstehen, doch wie gesagt, es braucht viel Resilienz, um diese Verfahren durchzustehen. Und manche sind vielleicht noch nicht bereit dazu. Das muss man respektieren und stattdessen vielleicht eher fragen: Was kann ich für dich tun? Wie kann ich dich unterstützen?»

Hilfe aus der ganzen Schweiz

Auch sie hätte sich damals Unterstützung von jemandem gewünscht, der Ähnliches durchgemacht hat. Etwa bei der Frage, wie sie ihren Eltern von der Vergewaltigung erzählen soll. Oder wie ihre Sexualität unter der Tat leiden könnte. Oder ganz konkret wer für die psychologische Betreuung finanziell aufkommt. Letzteres läuft über die Unfallversicherung, was aber zur Folge hat, dass man den Vorfall seinem Arbeitgeber melden muss – kein einfacher Schritt. «Viele wollen das nicht, oder kennen ihre Rechte nicht», moniert Cindy. «Nach einem derartigen Trauma weiss man zunächst gar nicht, wo vorne und hinten ist. Man hat so viele Fragen, die man sich nicht zu stellen wagt. Und deshalb schweigen viele lieber.»

Einen Verein für Vergewaltigungsopfer gegründet

Gut die Hälfte aller Betroffenen scheut sich, über das Erlebte zu sprechen. Genau hier will Cindy Kronenberg mit ihrem Projekt anknüpfen. Seit sie im Februar ihren Job als Jugendarbeiterin gekündigt hat, arbeitet sie am Aufbau von vergewaltigt.ch, einem Verein, wo sich Betroffene melden können und unbürokratisch Hilfe sowie ein offenes Ohr erhalten. Im Dezember soll eine entsprechende Internetseite mit Chatfunktion online gehen. Anschliessend startet ein Crowd­funding, um den Rest des Projektes zu finanzieren.

So sollen ab Mitte 2021 monatlich Austauschcafés für Betroffene in der Region Luzern organisiert werden. Später schweben Cindy weitere Angebote vor, etwa Präventionskurse an Schulen, oder Programme, bei denen Vergewaltigungsopfer beim Gang ins Krankenhaus und zur Polizei begleitet werden. Derartige Angebote gebe es zwar bereits, doch erhalte man dort nur selten die Gelegenheit, mit jemandem zu sprechen, der diesen Weg bereits gegangen ist. Deshalb wolle sie ein ergänzendes Angebot schaffen, von Betroffenen für Betroffene. Dieses soll keine Konkurrenz darstellen, sondern dereinst mit Opferberatungsstellen, Schulen und Behörden zusammenarbeiten.

Viele Zuschriften aus der ganzen Schweiz

Ihr ganz persönlicher Weg dauert auch fünf Jahre nach der Tat an. Unterstützung erhält sie dafür neuerdings aus der ganzen Schweiz. «Es ist unglaublich, wie viele mir nach meinem Facebook-Beitrag geschrieben haben. Täglich melden sich auch Betroffene. Das ermutigt mich weiterzumachen», sagt sie. Auch bereue sie nicht, sich derart exponiert zu haben.

So schrecklich das Geschehene auch war: Sie sei heute stärker als davor, habe sich und ihre weiche Seite noch besser kennen gelernt. Ihrem Vergewaltiger habe sie übrigens schon vor Jahren verziehen. Sie hoffe aber aus tiefstem Herzen, dass es das einzige Mal war. Niemand soll je durchmachen müssen, was sie durchgemacht hat.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1