Die Credit Suisse tut’s, die Mobiliar, Roche und Nestlé auch: einen Lehrstuhl an einer Schweizer Universität stiften. Die Grossunternehmen zeigen sich spendabel, wenn es um Geld für die Forschung geht. Und die Hochschulen nehmen das offerierte Geld immer häufiger an – denn dank der Finanzspritzen aus der Wirtschaft können sie neue Professuren schaffen und ihr Prestige erhöhen.

Eine Umfrage von CH Media bei Schweizer Hochschulen zeigt: Seit 2011 ist die Zahl der Stiftungsprofessuren an den Deutschschweizer Universitäten von 79 auf 97 angestiegen. Das bedeutet eine Zunahme von 20 Prozent in nur sieben Jahren.

Wobei die Schaffung von fünf Stiftungsprofessuren, welche in den letzten zwei Wochen angekündigt wurde, hier noch nicht miteingerechnet ist. Erst gestern gab die Universität Bern bekannt, dass sie mit finanzieller Unterstützung des Diabetes Center Bern drei neue Stiftungsprofessuren für Diabetesforschung errichten will.

Eine Woche zuvor hatte die Universität angekündigt, dass sie dank einem jährlichen 115 000-Franken-Zuschuss des Touring Club Schweiz auch eine neue Assistenzprofessur für Telemedizin schaffen kann.

Das Motto lautet: Wer zahlt, befiehlt nicht

Im Gegenzug für die finanzielle Hilfe erhalten die Gönner nichts – ausser Forschung auf jenem Gebiet, das sie interessiert. Doch das Sponsoring ist umstritten. Kritiker bemängeln, dass die Universitäten mit dem Ausbau von privat finanzierten Professuren die Unabhängigkeit ihrer Forscher riskieren.

«Wenn die privaten Geldgeber im Forschungsbereich der von ihnen finanzierten Professuren eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen, ist das problematisch», so Markus Müller, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Bern.

Auf Anfrage betonen zwar alle Universitäten, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaft mit Verträgen schriftlich gewährleistet werden könne. Doch in der Realität funktioniert das nicht immer einwandfrei, wie das Beispiel einer Berner Anthroposophieprofessorin zeigt: Die Lehrstuhlinhaberin erforschte letztes Jahr die Wirksamkeit von mehreren Produkten der Weleda AG. Just jener Firma, die ihren Lehrstuhl mitfinanziert.

Ein weiteres Problem von Stiftungsprofessuren ist, dass nicht immer sofort klar wird, wer die Professur bezahlt, auch wenn fast alle Universitäten ihre Spender mittlerweile offenlegen. Häufig sind die Professoren nämlich von Stiftungen gesponsert, welche nur auf den ersten Blick nichts mit der Wirtschaft zu tun haben. In manchen Fällen verbergen sich dann aber doch Grossunternehmen hinter den Familienstiftungen.

So sorgte letztes Jahr der Fall einer Stiftungsprofessur an der Universität Zürich für Ärger: Die Larsson-Rosenquist-Stiftung finanzierte eine Professur für Muttermilchforschung und den Einfluss von Stillen. Hinter der Larsson-Rosenquist-Stiftung steht die Gründerfamilie von Medela, einem Unternehmen, das Stillzubehör produziert und von positiven Erkenntnissen zu Muttermilch profitiert.

ETH Lausanne ist die Königin der Stiftungsprofessuren

In der Schweiz beschäftigt die ETH Lausanne mit Abstand am meisten Stiftungsprofessoren. An der eidgenössischen Hochschule wird der Lohn von fast jedem zehnten Professor von der Wirtschaft oder von Stiftungen mitfinanziert. An der Universität Basel, der Hochschule St. Gallen und der ETH Zürich arbeiten im schweizweiten Vergleich ebenfalls überdurchschnittlich viele gestiftete Professoren. Das Schlusslicht in der Statistik bildet die Universität Genf, an welcher nur 1,7 Prozent von allen Professoren von Privaten gefördert werden.

Interessant sind auch die Zahlen zu den Stiftungsprofessuren, aufgeteilt nach Wissenschaftszweigen: Es zeigt sich, dass an naturwissenschaftlichen Fakultäten mehr als doppelt so viele gestiftete Professoren arbeiten wie an allen geisteswissenschaftlichen zusammen. Auffallend ist auch, dass es an den medizinischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten jeweils 50 Prozent mehr Stiftungsprofessoren gibt als an den geisteswissenschaftlichen Äquivalenten.

«Privat finanzierte Professuren sind nicht per se schlecht», sagt der Berner Rechtsprofessor Markus Müller. «Aber es müssen bestimmte Rahmenbedingungen eingehalten werden: Die Universitäten müssen insbesondere ihre Forschungsschwerpunkte, die Lehrstuhlinhaber und das Forschungsdesign selber bestimmen können.» Sonst bestehe die Gefahr, dass privat finanzierte Professoren zum verlängerten Arm von Grossunternehmen werden.