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In den Bibliotels ist Lesen ausdrücklich erwünscht

In vielen Hotels sind die Bibliotheken eine Anhäufung von liegen gebliebenen Büchern. Nicht so in den Bibliotels. Hier wird die Lesekultur gepflegt – mit einer guten Bücherauswahl.

Die Spannung ist zum Schneiden. Eben hat Philip Maloney eine Leiche im Treppenhaus des Hotelturms gefunden, als sich die Service-Angestellte kurz räuspert und verkündet: «Ich heisse Sabrina und werde Sie heute durch den Abend begleiten. Hier kommt Ihre Vorspeise, ein Rindscarpaccio mit weissem Tomatenmousse und Balsamico-Gelee.»

Ich sitze im eleganten Restaurant Flickflauder im Hotel Hof Weissbad im Appenzellerland und habe mir kurz zuvor eines der kleinen Büchlein aus dem Zimmerregal genommen, die dort aufliegen. «Lesen Sie ruhig weiter», muntert mich Sabrina mit einem süffisanten Lächeln auf. Ein Blick in die Runde zeigt, dass ich kein schlechtes Gewissen zu haben brauche. In diesem Haus heisst es ausdrücklich: Lesen ist erlaubt. Überall. Auch bei Tisch.

Lesekultur aufleben lassen

Das Hof Weissbad gehört schliesslich zu den Bibliotels, einem Konzept aus Österreich, das zum Ziel hat, die Lesekultur in den Hotels wieder aufleben zu lassen. Auch – oder gerade – im Internet-Zeitalter. Die Idee wurde 2008 vom Salzburger Sebastian Mettler lanciert, mittlerweile gibt es rund 30 Bibliotels in Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien. Sie werden nicht mit Sternen kategorisiert, sondern mit Büchern.

Darunter sind Häuser, die auf eine lange Geschichte blicken wie etwa das Schloss Leopoldskron & Meierhof in Salzburg. Geschlafen wird hier in Suiten, geschmökert in der gigantischen hauseigenen Bibliothek, die Max Reinhardt, Mitbegründer der Salzburger Festspiele, nach dem Vorbild der Klosterbibliothek in St. Gallen massfertigen liess. Zur neueren Generation gehört das Altstadthaus in Graz mit Cityappartments. In jeder Nische der Wohnungen findet man Bücher – vom Klassiker über historische Stadtbücher bis zu Bestsellern.

Eine Bibliothek mit Handschrift

Eine möglichst breite, aber ausgesuchte Bibliothek ist auch dem Hof-Weissbad-Direktor Christian Lienhard wichtig. Weil er selbst viel reist und oft feststellen muss, dass die Hotelbibliotheken schlecht oder gar nicht betreut werden, hat er eigens eine Bibliothekarin angestellt. Gegen 1000 Bücher und Hörbücher findet man in der Hotelbibliothek, aber auch draussen auf dem Hotelgelände. Bei jeder Gartenbank steht ein roter Bücherkasten, wo man sich bedienen kann. Mehrmals monatlich kontrolliert Bibliothekarin Ruth Buser den Bestand, wechselt hier ein Buch aus und ordnet dort die Bücher wieder richtig ein. «Unsere Bibliothek soll eine Handschrift haben», erklärt die Appenzellerin. Martin Suter und Donna Leon sind hier ebenso vertreten wie Klassiker von Goethe bis Schiller, aber auch Bücher mit lokalem Bezug wie etwa über den Appenzeller Künstler Roman Signer.

Fast keines hat über 600 Seiten, «schliesslich möchte man das Buch ja während des Aufenthalts fertig lesen», betont Ruth Buser. Wenn das nicht reicht, darf man es mit nach Hause nehmen und später zurücksenden. Persönliche Buch-Wünsche können vor der Anreise bestellt werden und liegen dann im Hotelzimmer bereit. Zweimal im Jahr werden auch Autorenlesungen organisiert. Und um mit der Zeit zu gehen, überlegt man sich nun im Hotel Weissbad, E-Readers anzuschaffen.

In diese Nische investieren

In der Schweiz gibt es bis heute drei den Bibliotels angeschlossene Häuser: Neben dem Hof Weissbad noch den Hotel-Landgasthof Wassberg auf der Forch und das Hotel Thessoni Classic in Regensdorf. Zu wenig, findet Lienhard und hofft, dass bald weitere folgen: «Es fehlt den Hoteliers oft der Mut, in diese Nische zu investieren, dabei ist das auch eine Visitenkarte.»

Deshalb gibt das Hof Weissbad auch eine eigene kleine Bücherreihe heraus – mit Kurzgeschichten, Sagen oder Kunstbetrachtungen, die von Schriftstellern speziell für das Hotel geschrieben wurden. Wie «Mord in Weissbad» von Philip-Maloney-Autor Roger Graf.

Beim Hauptgang ist Privatdetektiv Maloney auf eine heisse Spur gestossen. Endlich. Und zum Dessert bekomme ich den Mörder präsentiert.

www.hofweissbad.ch, www.bibliotels.com

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