Reisereportage

In diesem unbekannten Land machen Promis wie Zidane und Bruce Willis Ferien

Der Palacio Salvo (Mitte) in Montevideo war einst das höchste Gebäude Südamerikas. Er stammt aus einer Zeit, als Millionen Europäer nach Uruguay auswanderten.

Der Palacio Salvo (Mitte) in Montevideo war einst das höchste Gebäude Südamerikas. Er stammt aus einer Zeit, als Millionen Europäer nach Uruguay auswanderten.

Verglichen mit anderen südamerikanischen Ländern ist Uruguay ein Winzling. Zu entdecken gibt es aber viel. Und die Einwohner sind überzeugt: In vielem sind sie dem grossen Nachbarn Argentinien überlegen.

Eines muss man Fabian Souto lassen: An Nationalstolz fehlt es ihm nicht. «Bei uns mag zwar vieles ähnlich wie in Argentinien sein. Aber wir haben das bessere Fleisch, die bessere Dulce de leche, und im Fussball sind wir auch noch erfolgreicher», sagt unser Reiseleiter. Nun, was das Fleisch und die Crème aus Milch, Zucker und Vanille betrifft, die in Lateinamerika weit verbreitet ist: Geschmackssache. Was den Fussball anbelangt: Ansichtssache. Beide Nationalteams wurden bislang zweimal Weltmeister. Uruguay weist 15 Südamerikameister-Titel auf, einen mehr als Argentinien.

Uruguay zählt 3,5 Millionen Einwohner, weist eine Fläche von gut 176000 Quadratkilometern auf, ist damit halb so gross wie Deutschland und nach Suriname der zweitkleinste Staat Südamerikas. Im Norden grenzt das Land an Brasilien, im Westen an Argentinien. Und Fussball ist hier wichtig. Sehr wichtig. Genau wie Candombe.

Der Candombe ist ein folkloristischer Tanz der Afro-Lateinamerikaner, der ausschliesslich auf den Strassen zu sehen ist. An jedem Wochenende treffen sich die Trommler und Tänzer und üben für die beiden wichtigsten Tage im Jahr, die Llamadas. Jeweils am ersten Februarwochenende ziehen sie in bunten Umzügen mit ihren Trommeln durch die Stadt, tanzen und feiern ausgelassen.

Mick Jaggers Überraschungsbesuch

Der bekannteste von ihnen ist Fernando «Lobo» Nuñez. Der 63-Jährige spielt die Trommeln nicht nur wie kaum ein Zweiter, er baut sie auch. Jeden Tag.

Trommelbauer Lobo Nuñez wurde schon vom Sänger der Rolling Stones besucht.

Trommelbauer Lobo Nuñez wurde schon vom Sänger der Rolling Stones besucht.

Und er verkauft sie, wenn er es denn übers Herz bringt. Doch dies fällt ihm gar nicht so leicht.

, sagt er.

Wir treffen Lobo Nuñez in seiner Werkstatt in einem Hinterhof in Montevideo. Überall hängen Bilder, die ihn mit Prominenten und anderen Musikern zeigen. Auf einem Foto ist er zusammen mit Mick Jagger zu sehen. Vor vier Jahren hat ihn der Frontmann der Rolling Stones just an seinem sechzigsten Geburtstag mit einem Besuch überrascht; einen Ausschnitt davon gibt es im Film «Olé, Olé, Olé» zu sehen, der während der Lateinamerikatour der Stones im Jahre 2016 entstanden ist. Der grösste Traum von Lobo Nuñez: Er würde gerne mit den Stones auf einer Bühne stehen und «Sympathy for the Devil» spielen.

Lobo Nuñez lebt und wirkt in Montevideo, dem Zentrum des Landes. Es ist die einzige Grossstadt in Uruguay. Montevideo hat keinen Eiffelturm und kein Empire State Building. Aber es ist eine architektonische Fundgrube. Hier gibt es eine grosse Anzahl Gebäude im Art-déco-Stil. Etwa den Palacio Salvo, der von den beiden Textilindustriellen José und Lorenzo Salva in Auftrag gegeben und 1928 eingeweiht worden war. Mit seinen 105 Metern war er bis 1935 das höchste Bauwerk in Südamerika. Mit dem Palacio Diaz und dem ­Palacio Durazno zeugen zwei weitere Bauwerke von den glorreichen Jahren um 1930.

Dreimal mehr Rinder als Einwohner soll es in Uruguay geben.

Dreimal mehr Rinder als Einwohner soll es in Uruguay geben.

Es war die Zeit, als unzählige Europäer wegen des südamerikanischen Rinderbooms nach Uruguay strömten (es waren rund sechs Millionen Aussiedler). Das Land erlebte einen unglaublichen Aufschwung. Uruguay zählte bis in die Fünfzigerjahre zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Staaten der Welt. Nicht umsonst nannte man es damals «die Schweiz Südamerikas».

Ferienparadies für Fussballstars und Hollywood-Grössen

In jener Zeit wurde auch die Rambla fertiggestellt. Mit 22 Kilometern ist sie wohl eine der längsten Küstenpromenaden weltweit. Ihr entlang befinden sich zahlreiche Strände und Badebuchten.

In Punta del Este machen Zinédine Zidane und Bruce Willis Ferien.

In Punta del Este machen Zinédine Zidane und Bruce Willis Ferien.

Doch wir fahren weiter nach Punta del Este, dem Ferienparadies schlechthin, gut eine Stunde von Montevideo entfernt. Von den Einheimischen schlicht Punta («Spitze») genannt, liegt der Ort am uruguayischen Schnittpunkt von Atlantik und Rio de la Plata. Dass es dort schön und angenehm ist, wissen auch die Argentinier, Brasilianer und Chilenen. In den Sommermonaten strömen sie in Scharen hier an die Strände. Die Bevölkerungszahl springt während der Hochsaison von 20000 Menschen auf 300000 – Punta del Este gilt als Südamerikas schickste Ferienadresse.

Der Promifaktor ist gross. Der argentinische Fussballstar Diego Maradona besass hinter den Dünen ein Haus, bevor er es wegen seiner chronischen Geldprobleme verkaufen musste. Schauspieler Bruce Willis hat noch immer sein Feriendomizil hier, genauso wie Real-Madrid-Trainer Zinédine Zidane. Popstar Shakira schleppte früher jeweils ihre Liebhaber hierher. Dem kreativen Schaffen tat dies keinen Abbruch; mindestens ein Album und ein Hit sollen hier entstanden sein.

Der Sandkapitalismus von José Ignacio

Wer es sich leisten kann, lässt sein Geld jedoch nicht in Punta, sondern steckt es 20 Autominuten entfernt in José Ignacio in den Sand, sprich: leistet sich eine Villa. Protzen kommt hier nicht gut. In José Ignacio macht man auf Unterstatement oder versteckt seine architektonischen Besonderheiten hinter hohen Mauern. Wie zum Beispiel das «Play Vic José Ignacio», eine der exklusivsten Hoteladressen in Uruguay.

Wem all dies zu pompös und vor allem zu teuer ist, der tut gut daran, sich aufs Land zu begeben. Zu geniessen gibt es eine endlose Weite, immer wieder fantastische Weinanbaugebiete wie zum Beispiel in Carmelo, malerische Gässchen in der ehemaligen Kolonialstadt Colonia del Sacramento aus dem 17. Jahrhundert und viel Vieh. Nirgendwo sonst auf der Welt zählt man so viele Rinder neben so wenigen Menschen: Auf jede Einwohnerin und jeden Einwohner kommen drei Rinder.

Auf dem Land kann man auch die Gemütlichkeit der Uruguayer erleben. Man wünsche eine Besichtigung der Hotelanlage? Kein Problem.

, wird einem empfohlen. Tranquilo, tranquilo, nichts überstürzen. Die Einheimischen nehmen es entspannt, auch im Strassenverkehr. Selbst in Montevideo ist vom nervösen Gehupe anderer Grossstädte nichts zu spüren.

Dies ist vielleicht darauf zurück­zuführen, dass Einheimische oft mit der Teetasse in der einen Hand und der Thermoskanne eingeklemmt unter dem anderen Arm unterwegs sind. In der Tasse: Matetee, der so gesund sein soll und den die Einheimischen herumreichen. Jeder nimmt einen Schluck und gibt die Tasse an den nächsten ­weiter.

Das Gefäss mit dem Mate-Tee wird nach jedem Schluck weitergereicht.

Das Gefäss mit dem Mate-Tee wird nach jedem Schluck weitergereicht.

Auch unser Reiseleiter Fabian Souto ist ein grosser Matetrinker. Der sei in Argentinien ebenfalls weit verbreitet, sagen wir ihm. «Ja, ja…», meint er viel sagend, nimmt einen Schluck und holt dann aus: In Argentinien würden sie den Matetee aber nicht richtig zubereiten. Und zudem:

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