Nile Rodgers

«It's About Time» – Der Vater der Disco und seine Band Chic sind zurück

Nile Rodgers und Lady Gaga sind die Antreiber des Disco-Revival 2018.  Getty Images

Nile Rodgers und Lady Gaga sind die Antreiber des Disco-Revival 2018. Getty Images

Nile Rodgers hat mit seiner Band Chic die Disco-Ära geprägt sowie die Ur-Zelle des Hip-Hop und der Dance-Music geschaffen. Nach einer bewegten Zeit ist der 66-Jährige jetzt zurück.

Nixon war endlich weg, der Vietnam-Krieg beendet, verstaubte Strukturen wurden geschleift, Konventionen gesprengt, alles ging, alles war erlaubt. Nach den Jahren des Aufbegehrens und des Protests hatte sich die Jugend Mitte der 70er-Jahre endlich durchgesetzt.

Dieser Sieg sollte gefeiert werden. Ausgelassen, hemmungslos, schrill und bunt. Die Leute wollten tanzen und das Leben zelebrieren. Da kam er gerade recht, dieser euphorische, lebensbejahende, schweisstreibend und extrem tanzbare Sound der Disco-Musik, die sich Anfang der 70er-Jahre im afroamerikanischen Underground aus Soul und Funk gerade zu einem eigenständigen Genre entwickelte.

«Disco war viel politischer, als viele damals dachten», sagt Nile Rodgers im «Rolling Stone» rückblickend, «wir haben den Sieg der Hippies gefeiert. Die Haltung war: Wir haben den fürchterlichen Vietnam-Krieg zu einem Ende gebracht, und vieles andere. Und jetzt lasst uns feiern.»

Der Musik- und Tanzfilm «Saturday Night Fever» drückte das Lebensgefühl jener Zeit perfekt aus. Disco wurde zu einem Massenphänomen. Vor allem Nile Rodgers und seine Band Chic prägten mit ihrem Sound und Songs wie «Le Freak», «I Want Your Love», «Everybody Dance», «Dance, Dance, Dance», «My Forbidden Lover» und «Good Times» den Zeitgeist jener Jahre. Ein Sound, der gemäss Rodgers aus dem Jazz geboren ist. «Die Harmonien, die trockene Gitarre, die synkopierte Basslinie, die ungeraden, triolischen Rhythmen – alles Jazz», sagt er.

Die Ur-Zelle des Hip-Hop

Wie gross die musikhistorische Bedeutung von Chic und Nile Rodgers war, kann erst heute in seiner ganzen Dimension so richtig erfasst werden. Der Song «Good Times» war 1979 der Höhepunkt des musikalischen Schaffens von Chic, der Kulminationspunkt von Disco und gleichzeitig die Formel für vieles, was danach kam. Die trocken gespielte, funky Gitarre sowie die berühmte Basslinie von Bernard Edwards können heute mit gutem Grund als die Ur-Zelle von Hip-Hop und der gesamten Dance-Music betrachtet werden. «Alle Rapper benutzten ‹Good Times› für ihre Songs. ‹Good Times› lebt immer weiter und weiter», sagt Rodgers.

Hip-Hop bewegte sich zuvor im Underground. Erst «Rapper’s Delight» der Sugarhill Gang (1979) katapultierte die Bewegung in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Rhythmische Grundlage war «Good Times» von Rodgers und Edwards, die heute auch als Komponisten aufgeführt werden. Heerscharen von Rappern wie LL Cool J, Big Daddy Kane, Beastie Boys, Public Enemy, De La Soul und viele andere folgten dem Beispiel und «Good Times» wurde zu einem der meistgesampelten Stücke der Musikgeschichte.

«Disco sucks!»

Der Einfluss blieb aber nicht nur auf den Hip-Hop beschränkt. Auch ABBA, Rockbands wie die Rolling Stones, Kiss und Electric Light Orchestra sowie Stars wie Rod Stewart und Cher gaben ihrem Sound nun eine disco- artige Note. Queen verwendeten auf «Another One Bites the Dust» die berühmte Basslinie von Chic. The Clash und Blondie ebenfalls. Alle rissen sich um Nile Rodgers. Noch im selben Jahr schuf Rodgers für Sister Sledge den Disco-Klassiker «We Are Family» und verpasste danach als Produzent und Komponist der Reihe nach den Superstars Diana Ross, David Bowie und Madonna einen neuen Schliff.

Nile Rodgers hatte es geschafft. Der Gitarrist, Produzent und Komponist war ganz oben. Umso tiefer war der Fall. Denn «Good Times» markierte für Chic nicht nur Höhepunkt, sondern auch den Anfang vom Ende. Knapp drei Jahre regierte Disco, knapp drei dauerte die Party. Danach folgte der grosse Absturz. Bis 1983 veröffentlichten Chic noch drei Alben, die alle floppten. Und nicht nur Chic. Keiner der Disco-Stars der 70er-Jahre schaffte es, eine lang anhaltende Karriere aufzubauen.

«Disco Sucks» (Disco ist Scheisse!) hiess die Bewegung, die Disco den Todesstoss versetzte. Ausgelöst hatte sie der Rock-DJ Steve Dahl. Aus Rache, weil sein Radio von Rock auf Disco umstellte und ihn entliess, gründete er die Anti-Disco-Bewegung «Disco Sucks». In der «Disco Demolition Night» im Juli 1979 in Chicago kam es zur grössten Anti-Disco-Veranstaltung, an der 60 000 Disco-Hasser ihre Disco-Platten zerstörten. Rodgers verglich die Aktion mit der Bücherverbrennung der Nazis, trotzdem wuchs «Disco Sucks» zu einer weltweiten Bewegung.

Der Tod der Disco-Musik

Disco wurde zum Synonym für Oberflächlichkeit, Schein und Kommerz. Der Imageschaden war riesig. Getroffen wurden alle, die irgendwo mit der Disco-Musik in Verbindung gebracht wurden. Also nicht nur der industriell hergestellte, formelhafte Discoschrott, sondern auch Chic. Disco war nicht mehr zu retten, die Party vorbei. Chic waren tot, die Band löste sich auf.

Rodgers verlegte sich auf die Arbeit als Produzent bei Duran Duran (1984), The B-52’s (1985), Mick Jagger (1985), Robert Plants Honeydrippers (1985), Grace Jones (1986) und Al Jarreau (1986). Doch die Ur-Zelle lebte weiter und ging im amerikanischen R ’n’ B auf. Mit dem einfach gestrickten Euro Dance oder Euro Disco hatte diese Ur-Zelle dagegen nur wenig zu tun. Umso mehr mit House Music, dieser erfolgreichsten Form der elektronischen Tanzmusik, die in den 80er-Jahren im Underground entstand und sich direkt auf Disco der 70er-Jahre berief. Chic begegnen wir wieder im Jahr 2000 in der House-Hymne «Lady» des französischen Duos Modjo, das auf dem Sample von «Soup For One» (1982) von Chic beruht.

Die Rehabilitation

Die grosse Rehabilitation von Nile Rodgers und Disco folgte mit dem Song «Get Lucky», den das französische House-Duo Daft Punk mit Nile Rodgers und Pharrell Williams komponierte und 2014 mit zwei Grammys als beste Single des Jahres ausgezeichnet wurde. Es war eine Hommage an die Disco-Musik von Nile Rodgers. Dieser Erfolg und die Zusammenarbeit mit Sam Smith und dem in diesem Jahr verstorbenen DJ Avicii ermutigte ihn, seine Band Chic zu reaktivieren und ein Comeback-Album zu produzieren.

Das Lebensgefühl jener Zeit kommt nicht wieder. Und wirklich zu feiern gibt es heute nicht viel. Zu gross sind die Umwälzungen, zu gross ist die Verunsicherung in sich rasant verändernden Zeiten. Aber vielleicht gelingt es Nile Rodgers ja mit der Hilfe von Lady Gaga, Elton John, Emeli Sandé und Craig David, wenigstens einen Teil der Euphorie und Lebensfreude von damals neu zu entfachen. Die Ur-Zelle lebt.

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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