Zweifelnden Eltern steht eine Fülle von Ratgeber-Literatur zur Verfügung. Sei es zu Fragen der Erziehung, der Ernährung oder der Förderung ihrer Knirpse – der Büchermarkt hält ziemlich sicher die passende Lektüre parat.

Anders bei Kinderärzten. Ihnen fehlt oft die Basis für ihre alltägliche Arbeit: die richtige Behandlung für ihre kleinen Patienten zu finden. Medikamente sind rar, die speziell für Kinder entwickelt oder angepasst wurden. Im Alltag verabreichen Kinderärzte daher häufig Arzneimittel, die nur für Erwachsene zugelassen sind. Doch das birgt Risiken.

Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit hat der Verein «Swisspeddose» Anfang April nun eine Datenbank mit Dosierungsempfehlungen lanciert. Kinderarzt Christoph Berger ist Präsident des Vereins und arbeitet als Infektiologe am Universitäts-Kinderspital Zürich.

Herr Berger, rund die Hälfte der Medikamente, die Kindern oder Jugendlichen verabreicht werden, ist nicht für sie zugelassen. Weshalb?

Christoph Berger: Es fehlen die notwendigen Studien. Für die Industrie ist es finanziell nicht interessant, diese durchzuführen. Denn die Studien sind aufwendig. Für die Tests braucht es Gruppen von Kindern aus unterschiedlichen Entwicklungsstufen: von Neugeborenen über Kleinkinder bis zu älteren Kindern. Alle von ihnen müssen das zu testende Medikament auch benötigen. Bei den Erwachsenen reicht hingegen eine einzige Gruppe.

Weshalb lassen sich die Dosierungen nicht einfach auf das Körpergewicht runterrechnen?

Das funktioniert nicht. Die Medikamente müssen altersspezifisch dosiert werden. Der Kinderkörper ist nicht nur klein, er entwickelt sich auch noch. Deshalb müssen andere Faktoren berücksichtigt werden. Der Körper eines Kindes hat zum Beispiel eine andere Flüssigkeitszusammensetzung als jener eines Erwachsenen. Er hat einen anderen Stoffwechsel und baut Medikamente langsamer oder unter Umständen auch schneller ab.

Wie entscheiden Ärzte, wenn es keine Vorgaben gibt?

Sie dosieren analog zu ähnlichen Medikamenten, bei denen mehr über die Verträglichkeit bei Kindern bekannt ist. Und sie tauschen ihre Erfahrungen aus. Durch das wiederholte Anwenden kommen Kinderärzte immer näher an die perfekte Dosierung heran. Eine andere Wahl haben sie nicht.

Wie gut funktioniert das?

Es kommt vor, dass Medikamente zu tief dosiert sind. Das vermindert die Wirkung und damit die Heilungschancen. Stellt man fest, dass das Kind eine höhere Dosierung braucht, kommt ein anderes Problem hinzu: Wann ist es zu viel? Die Angst vor einer Überdosierung schwingt bei den Ärzten mit. Dazu kommt: Je kränker das Kind ist, desto mehr verschiedene Medikamente braucht es. Die behandelnden Ärzte wissen häufig nicht, welche Wirkstoffe sie tiefer dosieren müssen, um bestimmte Nebenwirkungen zu lindern.

Ärzte haften, wenn sie Kindern Off-Label-Medikamente, also solche, die nur für Erwachsene zugelassen sind, falsch verabreichen. Wie gehen sie damit um?

Es gibt immer wieder Unsicherheiten: Soll ich ein bestimmtes Medikament bei Kindern einsetzen, wenn ich genau weiss, dass es bei Erwachsenen wirkt? Oder verzichte ich als behandelnder Arzt besser? Je kritischer der Gesundheitszustand des Kindes ist, desto eher entscheidet sich ein Arzt für eine Medikation. Denn: Was will man sonst machen? Lieber nichts geben? Das kann lebensgefährlich sein. Als Ärzte wollen und müssen wir Kinder behandeln. Deshalb machen wir es im sogenannten Off-Label-Use.

Die Krankenkassen müssen die Off-Label-Medikamente nicht vergüten. Müssen Eltern die selber zahlen?

Ja, für diese Medikamente müssen Eltern grundsätzlich selber aufkommen. Je nach Kosten sind die Krankenkassen aber auch mal grosszügig.

Bei welchen Krankheiten sind die Ärzte besonders verunsichert, wie sie dosieren sollen?

Das kommt vor allem bei Kindern vor, die seit Geburt an einer schweren Krankheit leiden und viele verschiedene Medikamente benötigen. Zum Beispiel ein Kind mit einem angeborenen Herzfehler. Dazu gibt es keine Studien. Anders ist die Situation bei typischen Kinderkrankheitsbildern wie etwa bei einer Mittelohr- oder einer Lungenentzündung. Sie sind gut untersucht.

Neu gibt es eine Datenbank zur Dosierung von Arzneimitteln bei Kindern. Schafft die mehr Sicherheit?

Der Bund hat den Bedarf erkannt. Der Verein «Swisspeddose» bestehend aus den acht grossen Kinderkliniken, den Kinderärzten und Spitalapotheken, hat den Zuschlag erhalten, die Datenbank zu führen. Deren Experten setzen sich zusammen, um eine nationale Dosierung zu definieren. Wir sammeln die verschiedenen Erfahrungswerte, vergleichen sie mit der Literatur und den Empfehlungen anderer Ländern. Darauf lassen sich breiter abgestützte Richtwerte ausarbeiten. Wir haben erst mit der Arbeit begonnen. Der Fokus liegt momentan auf drei Bereichen: Antibiotika, Arzneimittel für Neugeborene und häufig verabreichte Medikamente wie fiebersenkende Mittel.

Sind damit die Probleme gelöst?

Nein, es braucht mehr Studien bei Kindern. Dabei sind auch mathematische Modellen denkbar. Damit können bei wenigen Studienteilnehmern Hochrechnungen gemacht werden, die wiederum Prognosen ermöglichen. Das passiert aber noch nicht, weil es aufwendig ist und Geld kostet.