Feierlaune

Lasst uns doch einmal richtig unvernünftig sein!

Wir sind heute alle so wahnsinnig vernünftig. Wir trinken stilles Wasser und alkoholfreies Bier, gehen ins Pilates, früh schlafen – und benehmen uns überhaupt nie daneben. Ein Plädoyer für mehr Masslosigkeit

Wann haben Sie zum letzten Mal so richtig gefeiert? So sehr, dass Sie die Party noch lange in Ihren Knochen spürten? Wenn Sie jetzt ins Grübeln kommen, sollte Sie das ein bisschen nachdenklich stimmen. Nein, der 50. Geburtstag des Bruders neulich an einem Sonntagnachmittag war wirklich nicht der Hammer. Auch nicht die Wohnungseinweihung, an der sich der letzte Gast schon um 22 Uhr verabschiedete.

Es ist alarmierend: Die Vernunft wuchert ungehindert durch alle Ritzen, gewinnt je länger, je mehr die Oberhand, macht sich breit in Beziehungen und verwandelt jedes Curriculum Vitae zu einer vorhersehbaren Abfolge von gut geplanten Lebensstationen. Wir trinken alkoholfreies Bier und greifen zu stillem Wasser. Wir essen Fisch nur noch gedünstet und Pommes frites ohne Fett. Wir greifen zu Zartbitter-Schokolade, um das Gewissen zu besänftigen. Und danach gehts ab ins Pilates oder Power Yoga, damit die Grämmchen gleich wieder davonschwitzen. Wir spenden Blut und Geld und Organe, wir engagieren uns für den Umweltschutz. Wir haben Cyber-Sex erfunden, wo man sich nicht mal mehr anzufassen braucht, und feiern Partys via Facebook.

Wo bleibt die Stimmung?

Und weil wir uns nicht vor existenziellen Problemen fürchten müssen, beschränken sich unsere Schreckensbilder auf Cholesterin, elektronische Schwingungen und tierische Eiweisse. Gut, wir leben dafür länger und komfortabler. Aber wo bleibt die Stimmung? Wo all die wunderbaren Möglichkeiten, gut drauf zu sein? Und wo all die Masslosen, Unvernünftigen, und Wilden? Wir würden heute ein Leben der verschenkten Chancen leben, schrieb Gerhard Schulze in seinem Buch «Die Sünde» (Verlag Fischer, 2008). Denn es gelinge uns nicht, das zu geniessen, was wir uns geschaffen haben. Wie recht er doch hat.

Doch die Normalität lässt sich nur ertragen, wenn man sie dazwischen mal durchbricht. Statt Vernunft würde uns deshalb hin und wieder eine Portion Übermass ganz guttun. Durchzechte und durchtanzte Nächte statt Stehpartys mit Schorle-Trinkern oder orchestrierte Oktoberfeste, wo die Besucher ab 23 Uhr nach Hause geschickt werden, weil am nächsten Morgen bestimmt eine wichtige Sitzung ansteht. Über die Stränge zu hauen muss mitnichten ein Privileg der Jugend sein, die im Übrigen vermehrt zur Anpassung tendiert. Besonders die heute 30-Jährigen oder Jüngeren sind laut dem Jugendbarometer der Credit Suisse sehr genügsam, sie treffen rein rationale Job-Entscheidungen, planen schon früh ihre Finanzen und gehen selbst in Sachen Beziehungen lieber auf Nummer sicher.

Einen Moment ausklinken

Aber feiert es sich nicht ohnehin besser, je selbstsicherer, erfahrener, ja auch eloquenter man ist? Und das kann man wohl eher, wenn man ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Das Problem dabei ist nur, dass unsere Wohlstandsgesellschaft so furchtbar party-müde ist. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller attestiert unserer Zeit gar eine Unfähigkeit zum Genuss. Wir haben zwar Comedy auf allen Kanälen, Pornografie, wohin man schaut, und grenzenlose Konsumfreude. Darin sieht Pfaller indes nur die Kehrseite einer vorherrschenden Abstinenz. Es ist fürwahr aus der Mode gekommen, sich für einen Moment glücklich aus allem auszuklinken, die Gedanken an das Morgen auszuschalten und nur das Jetzt zu geniessen. Unser Alltag ist so verplant, dass es für kleine Ausfluchten kaum mehr Platz hat.

Früher haben uns immerhin Schauspieler, Sportler und Schriftsteller vorgeführt, wie man das Leben auch noch angehen könnte. James Hunt, Björn Borg oder Truman Capote belebten die Partys und verbreiteten alleine schon mit ihrer Anwesenheit eine Atmosphäre des Exzessiven. Heute erzählt Roger Federer, dass er elf Stunden Schlaf brauche, um seine volle Leistung erbringen zu können. Und auch Formel-1-Fahrer Nico Rosberg ist dafür bekannt, früh ins Bett zu gehen und einen Bio-Smoothie einer Flasche Laurent Perrier vorzuziehen. Das mag einerseits Bewunderung hervorrufen, ist ja schliesslich auch gesünder als Party feiern – und andererseits Mitleid. Wo bleibt da das Leben?

Es scheint beinahe, als würden wir uns in eine Phase der Puritanisierung begeben, zumindest der Exzessverdrängung und -verweigerung. Wer heute etwas auf sich hält, wacht mit eiserner Disziplin über sich selbst, kontrolliert seine Gelüste, legt akribische Rechenschaft über seine Befindlichkeit ab und erscheint vor allem morgens um 8 Uhr ausgeruht bei der Arbeit. Letztlich wollen wir einfach nicht aus der Rolle fallen. Gerade weil wir doch so viel Mühe darauf verwenden, eine perfekte Selfie-Persönlichkeit zu präsentieren. Unsere Eitelkeit macht uns glatt und langweilig.

Gegen Kater gibt es Alka-Seltzer

Dabei gibt es kein besseres Mittel, die Gegenwart mit jedem Atemzug zu geniessen als eine ausschweifende Feier. Das Gestern mit all seinen Vorsätzen und Prinzipien wird für einen Moment ausgeblendet und das Morgen ohnehin – schliesslich gibt es gegen den Kater Alka-Seltzer. Und das alles im Bewusstsein, dass ein beschwipster Mensch etwas seltsam aussieht, Rauchen ungesund und ein Flirt für Nicht-Singles nicht unbedingt beziehungsfördernd ist. Schliesslich heisst das noch lange nicht, dass dieser Aufruf zu mehr Masslosigkeit, ja Hedonismus, gleich im Spital oder vor dem Scheidungsanwalt enden soll.

Das Wort Hedonismus hat heutzutage ein Imageproblem und wird zu schnell auf die negative Schiene geschoben, mit Dekadenz und egoistischer Lebenseinstellung in Verbindung gebracht. Dabei gibt es auch eine kultivierte Ebene des genussvollen Lebens und Feierns: das der Kunst des Flirts, der Lust an der Extravaganz und des Geniessens. Kurz: Das Feiern ist wohl die schönste und edelste Form von Luxus. Das Gute daran: Feiern kann man immer nur mit anderen. Wer also eine Party organisiert, handelt nicht etwa egoistisch, sondern vielmehr altruistisch.

Kleine Verrücktheiten

Falls Sie das noch immer nicht überzeugt, dann vielleicht die Aussage von Philosoph Robert Pfaller, der in seinem Buch «Wofür es sich zu leben lohnt» (Verlag Fischer, 2012) schreibt: «Wenn man ein Leben haben will, das seinen Namen verdient, dann darf man nicht unentwegt vernünftig oder erwachsen sein. Man muss imstande sein, sich auch kleine Verrücktheiten oder kindische Dummheiten zu gönnen.»

Na dann, nichts wie ab zur nächsten Party. Vielleicht schon heute Nacht. Schauen Sie aber bitte nicht schon um fünf nach zwölf auf die Uhr! Es ist schliesslich nie zu spät, ein bisschen unvernünftig zu sein. Am besten nicht nur an Silvester, sondern auch ganz spontan unter dem Jahr. Damit es Ihnen nicht so geht wie Ingrid Bergman, die über ihr Leben sagte: «Ich bedaure nicht, was ich getan habe. Ich bedaure, was ich nicht getan habe.»

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