Wissenschaft

Mehh ageeh! Warum Schaukeln nicht nur Kinder glücklich macht

Das Schaukeln erfreut sich unter Kindern grosser Beliebtheit. Doch auch Erwachsenen täte es gut.

Das Schaukeln erfreut sich unter Kindern grosser Beliebtheit. Doch auch Erwachsenen täte es gut.

Kinder schaukeln aus Spass und weil es ihnen gut tut. Auch Erwachsene sollten das Schaukeln nicht lassen, weiss die Wissenschaft.

Am Anfang ist es anstrengend, die Schwerkraft zieht nach unten, die Beine zappeln in der Luft, der Oberkörper wippt hin und her. Doch dann plötzlich bekommt die Sache Schwung, mit jedem Mal Hin und Her geht es höher und leichter. Die Haare beginnen zu flattern, die Zehenspitzen fliegen und dann ist er da, dieser kurze Moment der Schwerelosigkeit. Die Schaukel bleibt an ihrem höchsten Punkt einen kurzen Moment stehen, im Bauch kribbelt es, die Glückshormone fluten den ganzen Körper... und Klick, das perfekte Foto ist im Kasten, die nächste Dame wartet schon im luftig-bunten Kleidchen auf ihren Einsatz.

Schaukeln fürs Foto: Im Schaukelpark  «Swing Bali» warten 13 Schaukeln darauf für 35 Dollar perfekt inszeniert zu werden.

Schaukeln fürs Foto: Im Schaukelpark «Swing Bali» warten 13 Schaukeln darauf für 35 Dollar perfekt inszeniert zu werden.

Was für Daheimgebliebene aussieht wie ein Traum aus Exotik, Entspannung und Kindheitserinnerungen kostet 36 Dollar Eintritt und nennt sich «Bali Swing». Der Park auf der indonesischen Insel bietet 13 Schaukeln, die bis zu 78 Meter über dem Dschungel schwingen. Doch es geht weniger ums Schaukeln als darum, das perfekte Foto zu schiessen. Das Resultat kann man dann tausendfach auf Bilderplattformen wie Instagram anschauen.

Schaukeln für Erwachsene ist dort gerade das nächste grosse Ding. Frauen schwingen im Bikini über das karibische Meer, Männer fliegen an Seilen tarzangleich über Flüsse, ganze Familie wippen in Estland auf Dorfplätzen.

© CH Media

Schaukeltrophy und Schaukelspots in der Schweiz

Auch hiesige Touristiker haben das ästethische Marketingpotenzial der Schaukeln entdeckt. Thurgau Tourismus hat letztes Jahr zu einer Schaukeltrophy geladen, in Adelboden suchte man die schönste Schaukel der Region und im Tessin stehen seit diesem Sommer Riesenschaukeln.

Der Mensch schaukelt gerne, dafür sind allein die vielen schönen Dialektwörter für diese Bewegung Zeuge: Ritseile, seilirite, plampe, giigereize, gireizlä, schwinge oder schwengge. Und Müslüm hat vor einigen Jahren völlig zu Recht mit «La bambele» einen grossen Hit gelandet. «Am Anfang waren ja die Menschen am Bambele, drum lass alles la bambele», singt er darin.

Daran liegt viel Wahres. Wer je in einem Affenhaus war und dort die Schimpansen an ihren Seilen und Autoreifen schwingen sieht, versteht, dass Schaukeln etwas Archaisches ist. Wir Menschen müssen schaukeln, weil es uns entspannt, glücklich und sogar besser macht. Denn Schaukelbewegungen regen das Gleichgewichtsorgan an und damit die motorische Entwicklung.

Der Grund dafür ist das sogenannte Vestibularsystem. Dieses sitzt im Innenohr und enthält Rezeptoren, die Bewegung, Beschleunigung und Verlangsamung, Drehung und Vibrationen empfinden.

Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass dieses System nicht nur unser Gleichgewicht steuert, sondern bei der Koordination anderer Sinnesreize, etwa dem Sehen, eine grosse Rolle spielt. Die mit dem Vestibularorgan verbundenen Nervenbahnen sind bereits beim etwa 20 Wochen alten Ungeborenen im Mutterleib funktionstüchtig. Offenbar braucht das System von diesem Augenblick an ständige Reize, um sich entwickeln zu können.

Wir wissen das alle instinktiv. Darum wiegen wir weinende Babys, darum klingt jeder Mutter, jedem Vater noch Jahrzehnte später das «Mehh agehh» ihrer schaukelnden Kinder im Ohr. Das hat alles seinen Sinn: Denn das Auf und Ab, das Beschleunigen und Bremsen bringen das Gleichgewichtssystem in Aufruhr und trainieren es für seine lebenswichtigen Aufgaben, uns zu koordinieren. Es braucht dafür keine Achterbahnen, keinen Bungee Jump, es braucht dafür nur einen Baum, zwei Seile und ein Brett. Fertig ist das Beste aller Spielzeuge, die Relaxing Zone, das Gedankenkarrussell.

Möbelhersteller springen auf den Bambele-Trend auf

Als der Designer Philippe Starck vor einigen Jahren gefragt wurde, warum er eine Schaukel für Erwachsene entworfen habe, antwortete er:

Dass Schaukeln nicht nur aufregend sein kann, sondern auch entspannend, nutzen Hersteller von Outdoormöbeln für ihre Kollektionen. Es reicht nicht in einer Lounge mehr zu liegen als zu sitzen. Um richtig zu entspannen, müssen heute auch ausgewachsene Menschen geschaukelt werden wie Kinder. Schön kontrolliert den Boden unter den Füssen verlieren, einfach la bambele. Hängematten, schwebende Körbe, hängende Lesehöhlen sind Objekte dieser Sehnsucht.

© CH Media

Der gute alte Schaukelstuhl wird auch gerade wiederentdeckt. Denn seine sanften Wiegebewegungen haben nicht nur eine beruhigende Wirkung, sondern machen sogar Schmerzmedikamente überflüssig. Das ergab eine amerikanische Studie bei Bewohnern eines Altenpflegeheims.

Und so schliesst sich der schaukelnde Kreis – von der Wiege bis ins Altersheim.
Dazwischen sollten wir es mehr wie die Esten machen. Denn in Estland ist Schaukeln eine Art Volksbrauch. Beim Kiiking, wie es auf Estnisch genannt wird, kommen grosse Schaukeln aus schweren Holzbalken zum Einsatz, auf denen bis zu zehn Personen im Stehen miteinander schwingen. Höher und höher, gegen die Schwerkraft und den Alltag anschaukeln, bis man beinahe den Himmel berührt und es im Bauch kribbelt wie beim Start eines Flugzeugs.

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Autor

Katja Fischer De Santi

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