Verkehr

Nach Corona steht das Auto als Gewinner da – doch was bedeutet das für die Mobilität der Zukunft?

Gleichzeitig drinnen und draussen: Dank dem Auto kann man auch in pandemischen Zeiten Kultur geniessen wie hier in einem Autokino im Bundesstaat New York.

Gleichzeitig drinnen und draussen: Dank dem Auto kann man auch in pandemischen Zeiten Kultur geniessen wie hier in einem Autokino im Bundesstaat New York.

Das Auto gab den Menschen in der Pandemie ein Stück Freiheit zurück. Plötzlich ist das alte Verkehrsmittel wieder beliebt. Was das für die Mobilität der Zukunft bedeutet.

Wenn Verkehrsplaner oder Zukunftsforscher über die Mobilität von morgen sprechen, dann präsentieren sie visionäre Bilder. Darauf zu sehen sind viele zufriedene Velofahrer und Fussgänger. Es dominiert die Farbe Grün. Meistens kurvt eine Magnetschwebebahn durch die Stadt. Vielleicht schwebt eine Drohne über den Dächern, und vereinzelte Robotaxis rollen in den Strassen. Nie aber Staus. Keine Blechlawinen. Der motorisierte Individualverkehr – passé.

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Die Coronapandemie passt schlecht in dieses Bild. In der Krise haben manche Autoverächter, insbesondere in den hart getroffenen Städten, ihr Fahrzeug schätzen gelernt. Es gab ihnen einen Rest Freiheit zurück ohne Ansteckungsgefahr. «Die Pandemie hat dem Auto eine neue Rolle zugewiesen», schreibt die linksliberale «New York Times».

Auch in der Schweiz wurden wieder Autokinos durchgeführt, in Frankreich Autogottesdienste veranstaltet und in den USA wohnten Menschen in ihren Autos an Theateraufführungen und sogar an Trauungen bei – statt Applaus gab es Gehupe.

Tiefgreifende Krisen können nachhaltige Veränderungen auslösen – auch beim Mobilitätsverhalten. In den 70er-Jahren führte der Ölschock zu einem Schub für den öffentlichen Verkehr. Weil die Ölförderung gedrosselt wurde, stieg der Benzinpreis, autofreie Sonntage wurden eingeführt und die Menschen zum Umsteigen auf Busse, Züge und Trams bewogen.

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Kommt es nach der Coronapandemie zu einer gegensätzlichen Bewegung? Wird das Auto gestärkt aus dieser Krise hervorgehen?

Kurzfristig: Aus Angst vor Viren drängen sich mehr Autos auf die Strassen

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«In einer ersten Phase gehört das Auto neben Velo und E-Bike sicher zu den Gewinnern der Coronakrise», sagt die Trendforscherin Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut. Ähnlich sieht das der Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften:

Das zeigt ein Blick nach China, das die Pandemie zuerst durchgestanden hat. Der Verkehr in den Metropolen Peking, Schanghai und Guangzhou ist laut Erhebungen von Bloomberg schon jetzt höher als im Durchschnitt des letzten Jahres.

Wer ein Auto hat, der greift nun vermehrt darauf zu und meidet öffentliche Verkehrsmittel. Und wer kein Auto hat, der überlegt sich nun eher, eines zu kaufen. Das zeigt eine Studie des Instituts für Verkehrsforschung in Deutschland: Jeder dritte, der keinen PKW besitzt, gab an, ein Auto zu vermissen. Und sechs Prozent sagten, sie denken darüber nach, eins zu kaufen.

Eine Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte kam in der Schweiz zu ähnlichen Ergebnissen: Die Befragten gaben zwar an, dass sie künftig mehr zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs sein werden. Insbesondere die unter 30-Jährigen bestätigen jedoch auch, den Trend zum motorisierten Individualverkehr. 26 Prozent von ihnen gehen davon aus, dass sie in Zukunft öfter Auto fahren werden.

Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research in Duisburg, sagt zwar der Autoindustrie eine schwere Zeit voraus. Es werde fünf bis sieben Jahre dauern, bis die Krise wirtschaftlich überstanden sei. Die Menschen würden sich nun zwei Mal überlegen, einen neuen Wagen zu kaufen. Es werde aber nicht dazu führen, dass die Autodichte abnehmen werde, da ältere Modelle einfach länger gefahren würden. Der Autopapst ist sicher:

Vor 30 Jahren kamen auf 1000 Einwohnern in der Schweiz 439 Autos; mittlerweile sind es 541. In Deutschland sind es 567. Doch in anderen Ländern sind sie bedeutend höher: In Malta beispielsweise trifft es 643 Autos auf 1000 Einwohner, in Luxemburg 690 und in den USA sogar 835. «Es mag kurios klingen, aber in Deutschland und der Schweiz ist die Autodichte noch nicht ausgereizt», folgert Dudenhöffer.

Und wenn in wenigen Wochen die Sommerferien losgehen, so dürften besonders viele Menschen das Auto als Transportmittel wählen, um ans Mittelmeer oder sonst wohin in Europa zu reisen. «Es findet eine Verschiebung vom Flugzeug auf das Auto statt», sagt Frick. Denn noch immer herrsche Unsicherheit, welche Destinationen überhaupt angeflogen werden können.

Ausserdem drohen Hygienemassnahmen den Checking-Prozess zu erschweren. Und was ist, wenn im Ferienland eine zweite Welle ausbricht? Wer mit dem eigenen Auto reist, kann schneller umbuchen. Es gewährleistet Schutz und Individualität. Kurzfristig gehört es zu den Gewinnern der Krise.

Mittelfristig: Es kommt auf den Impfstoff an, wie lange das Auto attraktiv bleibt

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Die Probleme des motorisierten Individualverkehrs werden aber nicht einfach verschwinden. Je mehr Autos auf die Strassen drängen, desto verstopfter werden sie und desto schwieriger wird es, in der Stadt einen der überteuerten Parkplätze zu ergattern. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Politik in den grünen Städten wieder umdenkt und den Autos mehr Platz einräumen wird», sagt Trendforscherin Karin Frick.

Sobald sich die Menschen im öffentlichen Verkehr wieder sicher fühlen, werden sie den Wagen wieder vermehrt in der Garage lassen und in Züge und Trams einsteigen. Einige tun das schon jetzt. Andere dürften erst bei konstant tiefen Fallzahlen die Angst verlieren. Solange es aber kein Impfstoff gibt, ist die Gefahr nicht gebannt. Verkehrsforscher Sauter-Servaes führt aus:

Ihn gilt es zu vermeiden. Der Experte rät zu drei Massnahmen.

1. Pendler besser verteilen: Wenn zu Stosszeiten weniger Passagiere unterwegs sind, verringert sich die Gefahr. Das Homeoffice bietet eine Chance dazu. Wer erst um elf Uhr auf eine Besprechung ins Büro kommt, kann am Morgen zu Hause arbeiten. Rabatte sollen auch Reisende mit Abos verführen, die Spitzenzeiten zu meiden.

2. Sharing-Dienste von E-Trotti und Velos sollen in die App der SBB integriert werden. So entsteht eine gesamtheitliche Verkehrsdienstleistung. Die Reisenden verteilen sich besser auf verschiedene Verkehrsmittel.

3. Auf längeren Strecken soll eine Reservierungspflicht eingeführt werden, um Überfüllung im Zug entgegenzuwirken und um zu vermeiden, dass Menschen auf der Suche nach einem freien Platz durch die Waggons gehen. So kann sich ein Virus weniger gut ausbreiten. Ausserdem lässt sich bei einer allfälligen Infizierung die Ansteckungskette nachvollziehen.

Dadurch wird nicht nur die Virengefahr minimiert, der öffentliche Verkehr wird so auch attraktiver: «Die Coronapandemie ist auch eine Chance, den öffentlichen Verkehr neu zu konzeptionieren», sagt Sauter-Servaes. Die eingangs erwähnte Zukunftsvision der grünen Stadt ist nicht verloren. Auch Carsharing-Modelle dürften wieder Auftrieb erhalten. Neue Reinigungskonzepte – etwa mittels UV-Strahlen – könnten die Ansteckungsgefahr vor künftigen Viren reduzieren.

Autos werden in Zukunft vermehrt geteilt und das E-Bike, dem die Vorfahrt gewährt wird, könnte zum liebsten motorisierten Individualverkehrsmittel werden. Der moderne Mensch navigiert sich dann mit einer einzigen App durch Stadt und Land, hat Zugriff auf alle Zugverbindungen und alle Sharing-Anbieter. Je nach Situation passt er seine Verkehrsmittel an. Mittelfristig dürfe der öffentliche Verkehr also wieder an Zuspruch gewinnen.

Langfristig: Das Homeoffice könnte zur Stadtflucht und zur neuen Lust am eigenen Auto führen

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Corona hat nicht ein neues Hygienebewusstsein und ein stärkeres Schutzbedürfnis geschaffen, sondern auch gezeigt, dass Arbeiten im Homeoffice funktioniert, und der Digitalisierung zu einem Schub verholfen. Dieser Trend wird nach der Pandemie anhalten. Google und Apple lassen es ihren Mitarbeitern bis Ende Jahr frei, ob sie wieder ins Büro zurückkehren wollen. Bei Twitter müssen sie das gar nie mehr.

Das Homeoffice wird einen Einfluss haben auf die Art und Weise, wie wir leben, und auf unsere Mobilität. Mehr Datenverkehr statt Strassen- und Schienenverkehr ist das eine. Zentraler allerdings: Wer nicht jeden Tag ins Büro muss, sondern nur noch ein- oder zweimal die Woche für ein paar Stunden, der nimmt eher einen längeren Arbeitsweg in Kauf.

Wichtiger wird stattdessen das Bedürfnis nach einem grösseren Wohnraum, schliesslich ist man mehr zu Hause und Wohnen und Arbeiten unter einem Dach braucht Platz. Im Zentrum ist dieser teuer. Trendforscherin Karin Frick schlussfolgert:

Das wiederum könnte dem Auto Auftrieb verleihen. Wer auf dem Land lebt, ist eher auf einen eigenen Wagen angewiesen – oder glaubt es zumindest. Ausserdem sind dort die Strassen weniger verstopft.

Zudem wird das schlechte Image des Autos dank alternativer Antriebe aufpoliert. «Der Absatz von E-Autos wird in den nächsten Jahren markant zunehmen», ist Experte Ferdinand Dudenhöffer überzeugt. Allerdings werde auch der Trend zu Geländewagen und mehr PS anhalten – wer die neusten Entwicklungen auf dem Elektroautomarkt kennt, weiss, dass das kein Widerspruch ist. Ausserdem werde das teilautonomen Fahren weitere Fortschritte machen.

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Das wiederum lässt die Zukunftsvision der grünen Stadt näher rücken. Wer immer ein Robotaxi zur Verfügung hat, wenn er eins braucht, der will vielleicht kein eigenes Auto mehr besitzen und dafür mühsam einen Parkplatz suchen. Bevor die Autos aber selbstständig durch die Stadt kurven, werden sie autonom auf den Autobahnen fahren. Damit wird der Wunsch nach einem eigenen Auto nicht vergehen. Das eigene Gefährt wird dadurch nämlich nur noch praktischer und zum erweiterten Homeoffice.

Einsteigen und arbeiten, heisst es dann. Dass der Weg länger ist, spielt keine Rolle. Stau ebenso wenig. Langfristig könnte also das Bedürfnis nach einem eigenen Auto durchaus bestehen bleiben.

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