Erster Schneefall

Nebulöse Wetterprognosen oder warum die Wahrheit in der Stratosphäre liegt

Winterboten in Meiringen im Berner Oberland. Ein Nebelloch gibt die Sicht auf die beschneiten Berge frei.

Winterboten in Meiringen im Berner Oberland. Ein Nebelloch gibt die Sicht auf die beschneiten Berge frei.

Es schneit schon. Bitterkalt soll der Winter werden, heisst es. Dabei sind Langzeitvorhersagen für Europa unseriös. Ob aus kalten Oktoberwochen ein kalter Winter wird? Klassischer Wetterbericht kann nicht weiterhelfen. Atmosphärenforscher schon eher

Eine düstere Prognose geht um in diesen klammen Oktobertagen. Einmal in der Welt, spricht sie sich schnell herum. Kalt soll er werden, der bevorstehende Winter. Bitterkalt. Passend dazu hat es gestern schon bis auf 1000 Meter geschneit. Mancher Winterprophet spricht bereits jetzt von einem möglichen Jahrhundertwinter, der Mitteleuropa bevorstehen soll. Man horcht kurz auf, schüttelt sich und fragt: Haben die das nicht schon vergangenes Jahr vorausgesagt?

Ja, das haben sie. Kaum weht im Herbst der erste frische Wind, überbieten sich Wetterpropheten mit spektakulären Ansagen. Doch die vermeintlichen Experten gründen ihre Prognosen nicht etwa auf Berechnungen von Supercomputern oder statistische Analysen vergangener Kälteperioden. Basis der Prophezeiungen sind Beobachtungen an Getier und Gewächs. Dabei könnten Meteorologen durchaus bald imstande sein, im Spätherbst seriöse Vorhersagen über die erste Dezemberhälfte zu machen. Noch geht das aber nicht.

Winter werden wärmer

Bisher lesen Hobbymeteorologen und Wätterschmöcker an Ameisenhaufen, abgedichteten Fluglöchern von Bienen, krumm gewachsenen Runkelrüben oder dem Blütenstand von Königskerzen ab, welches Wetter in ein paar Monaten herrschen wird. Wetterdienste reagieren auf solche Prognosen genervt. Nein, heisst es dort immer wieder, man könne weder an Ameisenhaufen noch an Eichhörnchen ablesen, wie der Winter werden wird. 

Eine Jahreszeiten-Prognose kann mit heutigen Methoden nicht klappen, weil die Atmosphäre ein chaotisches System ist. Minimal veränderte Ausgangsbedingungen in der Atmosphäre können zu völlig unterschiedlichen Prognoseergebnissen führen.

Heute können Meteorologen das Wetter zehn Tage im Voraus seriös vorhersagen. Was darüber hinausgeht, ist in europäischen Breiten normalerweise ein Fall für die Glaskugel.

Dennoch geht von Jahreszeiten-Prognosen eine grosse Faszination aus. Wer soziale Netzwerke nutzt, kann sich den Warnungen vor dem bevorstehenden Winter kaum entziehen. Der Ethnologe Werner Krauss vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht erklärt die Faszination für strenge Winter mit ihrer Rolle in Kunst und Literatur. Dort werden Schnee und Eis oft als etwas Episches dargestellt. Sei es in den Winterlandschaftsgemälden des Renaissance-Malers Pieter Bruegel, der im 16. Jahrhundert die kleine Eiszeit festhielt, oder im Katastrophenfilm «The Day After Tomorrow». Menschen nehmen einen kalten Winter noch immer als potenziell existenzbedrohend wahr.

Vielleicht warnt deshalb niemand davor, dass der Winter sehr mild werden könnte. Dabei gebe es dazu durchaus Anlass. Der Winter 2006/07 brachte Rekordwärme. Verglichen mit der Klimanormalperiode von 1961 bis 1990 waren die dunklen Monate drei Grad zu warm. Das passt zum Trend. Im aktuellen Jahrhundert hat sich der Winter um fast ein Grad erwärmt.

Strenge Winter, das macht die Aussagen der Wetterpropheten noch ein Stück kühner, sind in den vergangenen Jahrzehnten generell unwahrscheinlicher geworden. Wegen des Klimawandels liegt der letzte wirklich strenge Winter mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Von Dezember 1962 bis Februar 1963 war es mehr als fünf Grad kälter als im Durchschnitt. Bodensee, Zürichsee und weitere Alpenseen froren zu.

Jetzt hat es früh geschneit, seit Tagen weht ein kalter Ostwind, die Temperaturen sind erstmals seit Monaten unterdurchschnittlich. Ob aus solch einer kalten Oktoberwoche ein kalter Winter wird? Der klassische Wetterbericht kann hier nicht weiterhelfen. Allerdings gehen Atmosphärenforscher mittlerweile neue Wege, um seriös weiter in die Zukunft schauen zu können.

Auf den Jetstream kommts an

In den Tropen sind sie damit bereits erfolgreich. Dort lassen sich allein durch die Beobachtung der Ozeane langfristige Prognosen erstellen, die oft zuverlässig sind. Da das Geschehen in den Tropen stark vom Pazifik geprägt wird, wissen die Forscher, welches Wettermuster sich einstellt, wenn einige Meeresregionen deutlich wärmer sind als normal.

In unseren Breiten gelingen solche Prognosen seltener. Die Schweiz liegt genau zwischen den Tropen und dem Nordpol. Hier entscheidet die Position des Höhenwindes darüber, ob es warm oder kalt wird. Dieser sogenannte Jetstream entsteht in mehr als zehn Kilometern Höhe, am Rand der Troposphäre. Die Winde kreisen um die Nordhalbkugel. Aus dem All sieht es so aus, als wäre die Arktis von einem gewaltigen Polarwirbel umgeben. Forscher wissen, dass schon kleine Verlagerungen des Höhenwindes grosse Wirkung auf die Temperatur in Europa haben können.

Um diese Veränderungen des Jetstreams zu verstehen, schauen die Meteorologen seit einigen Jahren in das nächsthöhere Stockwerk der Atmosphäre. Dort, in der Stratosphäre, wird es mit der Höhe nicht einfach kälter, wie man es aus den Bergen kennt. In der Stratosphäre schwanken die Temperaturen, mitunter springen sie plötzlich auf einige Grad über Null. Das wirkt sich mit einiger Verzögerung auch auf den Polarwirbel aus. Er beginnt zu schlingern, teilt sich, und die Kaltluft vom Pol flutet die Kontinente auf der Nordhalbkugel. Die Folge sind oft sehr kalte Winterabschnitte, wie etwa im Februar und März des Jahres 2013.

Die Idee der Meteorologen lautet daher: Erkennt man solche Veränderungen in der Stratosphäre frühzeitig, sind in unseren Breiten Vorhersagen möglich, die einen Monat in die Zukunft reichen. Eine aktuelle Studie in den Environmental Research Letters bestätigt, dass solche Prognosen funktionieren können. Zwei Meteorologen am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) in Reading bei London haben dazu die Winter von 1980 bis 2012 nachträglich untersucht und konnten die Luftdruckverhältnisse auf der Nordhalbkugel mithilfe von Stratosphärendaten für bis zu vier Wochen erstaunlich gut vorhersagen – vor allem, wenn der Polarwirbel entweder sehr schwach oder sehr stark ausgebildet war. Das Potenzial solcher Methoden erscheint gross: «Wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie die Bedingungen in der Stratosphäre unser Wetter beeinflussen», sagt Andrew Charlton-Perez, Mitautor der Studie.

Der Klimaforscher Wernli Heini von der ETH Zürich findet die neuen Ergebnisse spannend und wichtig, ist allerdings skeptisch, ob «die bessere Berücksichtigung der Prozesse in der Stratosphäre direkt die Vorhersagen verbessern könnte». «Das ist kein Durchbruch», sagt er. Aber ein möglicher Weg, die Zukunft des Wetters noch besser zu machen. Ganz ohne Runkelrüben.

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