Der Ausflug auf den Mond war in der Menschheitsgeschichte nur ein Wimpernschlag. Kaum waren die Amerikaner da, waren sie auch schon wieder weg. Am 21. Juli 1969 betrat Neil Armstrong die Oberfläche unseres Erdtrabanten und sprach die berühmten Worte vom grossen Schritt für die Menschheit. Am 14. Dezember 1972, verliess Gene Cernan den Mond und äusserte die Hoffnung, dass die Menschheit bald zurückkehren wird. Seither sind bald 50 Jahre vergangen – ohne dass ein Mensch wieder Mondboden betrat. Lange sah es so aus, als dass das Abenteuer Mond bloss eine real gewordene Vision der 60er-Jahre bleiben würde, wie die knallbunten Flipperkästen in den Bars.

Der Mond reizt wieder, auch private Unternehmen wollen dorthin.

Der Mond reizt wieder, auch private Unternehmen wollen dorthin.

Jüngst hat sich das geändert. Der Mond steht wieder im Fokus der Raumfahrer. Von einem neuen «Wettlauf zum Mond» oder gar von einem «Neuen goldenen Weltraum-Zeitalter» ist die Rede. Das hat viel mit der Privatisierung der Raumfahrt in den USA zu tun und mit dem Regime Xi Jinping in China, für dieses eine bemannte Mission zum Mond eine Machtdemonstration wäre.

Die Landung der Chinesen ist der erste Schritt zum neuen Wettlauf

Anfang Jahr ist China ein Husarenstück geglückt: die erste Landung auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Technisch diffizil ist das deshalb, weil keine direkte Funkverbindung zur Erde aufgebaut werden kann. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit einer bemannten Mondmission. Dennoch ist es auch eine Ansage an die Amerikaner, welche dieses Manöver nie gewagt haben. «China ist kurz davor, eine Weltraum-Supermacht zu werden», kommentierte Willy Benz, Professor für Astrophysik an der Universität Bern, Anfang Jahr die chinesischen Ambitionen in dieser Zeitung.

Weitere Mondmissionen hat China bereits geplant. 2025 will das Reich der Mitte eine permanente Basis auf dem Mond errichten – und nicht nur Menschen auf unseren Erdtrabanten senden, sondern diesen dauernd bewohnen. Ambitionierte Pläne haben auch die USA. Bis 2024 soll wieder ein Amerikaner den Mondboden betreten, verkündete Vizepräsident Mike Pence. Dazu will die Nasa einen Gateway zum Mond errichten, eine Raumstation in der Umlaufbahn des Erdtrabanten. Dieser soll auch als Zwischenstation für Marsmissionen dienen.

Private drängen vor

Doch längst ist in den USA nicht mehr nur die Nasa tonangebend, sondern auch private Raumfahrtfirmen. Allen voran SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk und Blue Origin von Amazon-Chef Jeff Bezos. Ihre Visionen klingen zwar mitunter grössenwahnsinnig, so will Musk die Menschheit zu einer «multiplanetaren Spezies machen» und Bezos dafür sorgen, dass «Millionen von Menschen im Weltraum wohnen und arbeiten». Doch sie haben entscheidende Erfolge vorzuweisen und den Zugang zum Weltraum in den letzten Jahren vereinfacht. Als die USA 2011 ihr Space-Shuttle Programm aufgab, kostete eine Reise in das Weltall 1,5 Milliarden Dollar. Ein Start der Rakete Falcon 9 von SpaceX kostet noch 62 Millionen Dollar.

Der Grund liegt darin, dass die Falcon-Rakete wiederverwertbar ist. Der Hauptteil der Rakete landet auf einer Plattform im Ozean, nachdem der darin gespeicherte Treibstoff verbrannt ist.

, sagt Garrett Reisman, Berater von SpaceX und Professor für Raumfahrt in einem Interview mit dieser Zeitung.

Der nächste grosse Schritt für SpaceX wird ein bemannter Flug sein. Die dafür entwickelte Raumkapsel heisst Dragon 2 und bietet Platz für sieben Astronauten. Eigentlich hätte der erste Flug bereits stattfinden sollen – im Sommer, quasi zum Jubiläum der Mondlandung. Doch bei einem Test auf dem Boden erlitt die Raumfähre einen Schaden. Rückschläge gehören nun mal zur Raumfahrt – das mussten auch die Russen und die Amerikaner erfahren, die sich vor 50 Jahren im Rennen um die Mondlandung duellierten.

Demokratie gegen Kommunismus

Damals war es ein Zweikampf: Auf der einen Seite die liberalen USA, auf der anderen Seite die kommunistische UdSSR. Nun ist es unübersichtlicher geworden: Immer mehr Player mischen mit im Wettlauf um den Mond. SpaceX hat Pläne für eine Mondbasis vorgestellt, Blue Origin ein Landemodul entwickelt. Die Nasa will zurück auf den Mond, China am liebsten vorher da sein. Und selbst die europäische Raumfahrtagentur hat Pläne für ein Mond-Dorf vorgestellt, das ähnlich der ISS eine internationale Kooperation werden soll.

Diese Woche hätte eigentlich die erste indische Sonde auf dem Mond landen sollen – wegen technischen Problemen wurde der Start aber kurzfristig verschoben. Im Frühling startete eine israelische Mission zum Mond, allerdings misslang die Landung und die Sonde zerschmetterte auf dem Mondboden. Dennoch ist für den Raumfahrtexperten John Tornton die israelische Mission ein gutes Beispiel dafür, «dass man keine Supermacht mehr sein muss, um auf dem Mond zu landen», wie er gegenüber dem Fachmagazin «New Scientist» sagt. Schliesslich hat Israel kaum mehr Einwohner als die Schweiz.

Der Mond könnte ein Rohstoff-Abbaugebiet werden

Die neue Dynamik rund um den Mond rührt auch daher, dass es – anders als vor 50 Jahren – nicht mehr nur um Prestige geht, sondern um extraterrestrische Machtansprüche. Über die letzten 20 Jahre hat sich immer deutlicher gezeigt, dass der Mond reich an wertvollen Rohstoffen ist. Es gibt nicht nur Gold und Platin, sondern auch das auf der Erde äusserst seltene Gas Helium-3, das wegen seiner Reaktionsträgheit als Energiequelle der Zukunft gilt. Ausserdem gibt es an den Polen Eis. Wasser ist ein ungemein wichtiger Rohstoff für Astronauten, die künftig vom Mond aus zu einer Mars-Mission aufbrechen könnten. Da auf dem Mond eine viel geringere Anziehungskraft herrscht als auf der Erde, wäre ein Start von dort viel leichter zu bewerkstelligen. Vor allem aber gilt: Je knapper die Rohstoffe auf der Erde werden, desto wichtiger werden unser Erdtrabant und Asteroiden.

1969 wurde Amerika nicht nur Ruhm zu teil, sondern auch die Gewissheit, dass das liberale System besser ist als das kommunistische. Heute geht es um kapitalistische Interessen, darum den Mond ins eigene wirtschaftliche Ökosystem integrieren zu können. Denn in Zukunft sollen im Weltall nicht mehr Milliarden von Dollar verbrannt, sondern gewonnen werden. Der Mond soll kolonialisiert werden.