Automobil

Nichts mit Elektrifizierung: Der Nachfolger des Audi Quattro setzt voll auf das Ralley-Feeling

Unter Extrembedingungen, wie hier auf einem zugefrorenen See in Schweden, zeigt der RSQ3, was in ihm steckt.

Unter Extrembedingungen, wie hier auf einem zugefrorenen See in Schweden, zeigt der RSQ3, was in ihm steckt.

Einst setzte der Audi quattro Massstäbe. Seine Nachkommen sind der RSQ3 und der RSQ3 Sportback. Ein Zeitreise.

Ein Auto, das weder Downsizing noch Hybridtechnologie noch Elektrifizierung bietet. In Zeiten, in denen fast alle Hersteller darauf setzen, das ist ungewohnt. Und beabsichtigt. Audi präsentiert RSQ3 und RSQ3 Sportback. Unter der Haube arbeitet der 2,5-Liter-Fünfzylindermotor in seiner neusten Generation.

Für den Antrieb sorgt – natürlich – ­Audis ebenso berühmtes Allradsystem, Quattro, das dieses Jahr sein 40-jähriges ­Bestehen feiert. Höchste Zeit für einen Rückblick auf die Geschichte der Marke, in deren Tradition der RSQ3 steht.

Sie beginnt mit der Vorstellung des Audi quattro auf dem Automobilsalon 1980 in Genf. Als erstes Fahrzeug seiner Klasse war das Coupé mit permanentem Allradantrieb ausgestattet. Schon damals war ein Fünfzylinder­motor verbaut, der es mithilfe von ­Turboaufladung auf 200 PS brachte.

Was ­anfangs auf Skepsis stiess, verwandelte sich schnell in Bewunderung, als Audi mit ebendiesem Auto im Rallye­sport reihenweise Erfolge erzielte. Schon ein Jahr nach Einführung ­fuhren die Allrad-Audi erste Siege ein – trotz starker Konkurrenten wie dem Lancia 037.

Der Name steht für Erfolg

Es folgten Unzählige Titel und Erfolge folgten und verhalfen dem «Ur-Quattro» schnell zu grosser Berühmtheit. Zu den bekanntesten Rekordfahrten des Quattro gehören wohl die auf dem berüchtigten Bergrennen Pikes Peak. Dreimal in Folge gewann Audi das anspruchsvolle Hillclimb-Rennen in Colorado (USA). 1987 schaffte es Walter Röhrl als erster Fahrer, den Berg in weniger als elf Minuten zu bezwingen. Er sass am Steuer eines Quattro S1.

Insgesamt gewann Audi in sechs Jahren 23 Rallye-WM-Läufe und vier Weltmeisterschaften. Später führte Audi den Allradantrieb auch auf der Rundstrecke ein. Auch das führte zum erhofften Ergebnis: Meistertitel – nicht nur in der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM), sondern in insgesamt sieben Ländern – führten zu internationaler Bekanntheit.

Hinter ihm bleibt eine Staubwolke zurück: der Audi RSQ3 ist so stark wie 400 Pferde.

Hinter ihm bleibt eine Staubwolke zurück: der Audi RSQ3 ist so stark wie 400 Pferde.

Ein schwieriges Erbe also, das der RSQ3 antritt. Denn auch der sportliche Crossover möchte Rallye-Esprit versprühen, er ist mit Allrad­antrieb und Fünfzylinder-Motor ähnlich ausge­stattet wie sein Urahn. An der Technik hat sich allerdings im Vergleich zum Ur-Quattro einiges ver­ändert. Der Motor, der mittlerweile neunmal in Folge mit dem Preis «International Engine of the Year» ausgezeichnet ­wurde, hat natürlich nichts mehr mit dem Fünfzylinder von damals zu tun.

Er erreicht mit 400 PS mittlerweile das Doppelte der ursprünglichen ­Leistung und 17 Prozent mehr als das direkte Vorgängermodell. Damit das möglich ist, gab es eine Vielzahl an Änderungen und Verbesserungen. Um die innere Reibung zu reduzieren, wurden beispielsweise die Zylinderlaufbahnen plasmabeschichtet; die Kurbelwelle ist hohlgebohrt und spart so 1 Kilogramm Gewicht. Ein geregelter Kühlkreislauf sorgt für schnelleres Erreichen der Betriebstemperatur und das System Audi-Valvelift ermöglicht eine variable Steuerung der Ventil­öffnungen.

Angesichts dieser vielfältigen technischen Änderungen stellt sich die ­Frage: Schafft es der RSQ3, an das ­Rallye-Gefühl von damals zu erinnern? Der ideale Ort, um das herauszufinden, sind die vereisten Seen und schnee­bedeckten Ebenen Lapplands.

Dort, in der Gegend rund um das schwedische Städtchen Arvidsjaur, testen viele namhafte Hersteller ihre Autos unter Ex­trembedingungen: Durchschnittstemperaturen von Minus 20 Grad ­Celsius sind hier keine Seltenheit. Auf den zahlreich vorhandenen, ver­eisten Seen werden Parcours in den Schnee gefräst, auf denen die Autos an ihre Grenzen gebracht ­werden.

Im Inneren des RSQ3 ist es wohlig warm – auch wenn es draussen bitterkalt und windig ist.

Im Inneren des RSQ3 ist es wohlig warm – auch wenn es draussen bitterkalt und windig ist.

So auch der RSQ3 und der RSQ3 Sportback. Beide zeigen hier eindrucksvoll, was in ihnen steckt. Untermalt vom charakteristischen Fünfzylinder-Sound geht es mit teils dreistelligen Geschwindigkeiten über die vereiste Fläche. Unterschiedlich enge, technisch teils sehr anspruchsvolle Kurven verlangen dem Quattro-Antrieb dabei einiges ab.

Mit Hilfe der mit Spikes besetz­ten Reifen bringt er die Kraft aber souverän aufs Eis. Trotz ­hoher Leistung fühlt sich das Auto in keiner Situation unkontrollierbar an, sodass man Kurvengeschwindigkeiten und Driftwinkel mit jeder Runde steigern kann. Das Fahrwerk mit optionaler Dämpferregelung und die sehr gut abgestimmte Progressivlenkung ver­mitteln ein direktes Gefühl für die ­vereiste Fläche, die mit jeder Runde rutschiger wird.

Der letzte Fünfzylinder?

Mit dem Strassenalltag hat die Rutschpartie auf dem vereisten See freilich wenig zu tun. Wer aber tatsächlich einmal Rallye-Feeling erleben möchte, der kann das mit dem SUV auf jeden Fall – passendes Terrain vorausgesetzt.

Wie lange diese Reminiszenz an die Motorsporttradition noch auf der Strasse anzutreffen sein wird, ist allerdings ungewiss: Nicht nur die immer strengeren Abgasrichtlinien werden dem Fünfzylinder in Zukunft zu schaffen machen, auch der Motor selbst ist ein Problemkind: Durch die unge­rade Anzahl an Zylindern läuft er un­ruhiger als herkömmliche Vier- oder Sechszylinder.

Dadurch entsteht eine stärkere ­Vibration, die eine allgemein höhere Belastung und damit stärkere Abnutzung der Teile mit sich bringt. Es erfordert einen hohen technologischen Aufwand, um einen solchen ­Motor heutzutage noch salonfähig zu machen.

Der Blick unter die Haube zeigt moderne, aufgeräumte Technologie.

Der Blick unter die Haube zeigt moderne, aufgeräumte Technologie.

In Zeiten, in denen selbst kleine Vierzylinder auf ähnliche PS-Zahlen kommen, erscheint ein derart komplexer Motor überflüssig – zumal er auch beim Verbrauch immer mehr in Bedrängnis kommt. Mindestens 8,8 l/ 100 km gönnt sich der Fünfzylinder laut WLTP-Messung. Das entspricht 202 g CO2/km; deutlich mehr als die 95 Gramm Flottendurchschnitt, die es 2020 zu erreichen gilt.

Letztlich sind es die emotionalen Werte, die den Fünfzylinder nach wie vor rechtfertigen und beim sportlichen SUV dafür sorgen, dass man sich zumindest manchmal in die glorreiche Zeit des Rallyesports zurückversetzt fühlt. Die emotionale Zeitreise kostet mit dem Audi RS Q3 allerdings mindestens 76 500 Franken.

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