Spitzbergen

Niederländer in Zelt tödlich verletzt – weil das Eis schmilzt, kommen Eisbären den Menschen zu nahe

Der Eisbär ist eines der grössten Raubtiere und sieht im Menschen eine potenzielle Beute.

Der Eisbär ist eines der grössten Raubtiere und sieht im Menschen eine potenzielle Beute.

Der Klimawandel treibt die Eisbären zu den Siedlungen. Ihnen fehlt das Packeis für die Robbenjagd, deshalb suchen sie stattdessen bei den Menschen nach Nahrung.

Wer auf Spitzbergen campieren geht, muss sich vorsehen. Denn diese Inselgruppe 800 Kilometer nördlich des norwegischen Festlands ist Eisbärenland. Und so herzig junge Eisbären in Zoos sind, so gefährlich sind ausgewachsene Tiere in der freien Wildbahn. Zwischenfälle mit Menschen sind zwar selten, aber sie können tödlich enden.

Vergangene Woche ist nach neun Jahren auf Spitzbergen wieder ein Mensch durch einen Eisbären ums Leben gekommen. Der 38-jährige Niederländer war in seinem Zelt um vier Uhr morgens angegriffen worden und an den Verletzungen gestorben. Er hatte gewusst, dass ein Eisbär in der Gegend herumstreifte und war als Angestellter des Campings im Umgang damit geschult gewesen.

Der 38-Jährige war morgens um 4 Uhr in diesem Zelt attackiert worden.

Der 38-Jährige war morgens um 4 Uhr in diesem Zelt attackiert worden.

Ohne Eis erwischt der Eisbär keine Robben

Der Vorfall beweist, dass es für den Menschen bei Begegnungen mit Eisbären keine absolute Sicherheit gibt. Dag Vongraven vom Norwegischen Polarinstitut sagt: «Solche Vorfälle werden häufiger werden.» Denn auf der einen Seite breiten wir Menschen uns aus, graben in der Arktis nach Öl und Gas, erkunden abgelegene Gegenden touristisch oder für die Wissenschaft. Auf der anderen Seite schmilzt den Eisbären das Eis unter den Füssen weg. Um satt zu werden, müssen sie deshalb in stärker besiedelte Gebiete ausweichen.

Eisbären ernähren sich hauptsächlich von Robben, die sie auf dem Packeis jagen. Meist warten sie geduldig an einem Atemloch oder am Rand einer Eisscholle, ohne sich zu bewegen, bis die Beute auftaucht. Sie können aber auch mehrere Wochen ohne Nahrung überleben. Wegen des Klimawandels ist nun jedoch die eisfreie Periode in manchen Regionen so lange geworden, dass die Bären sich nach anderen Nahrungsquellen umsehen, etwa Müllhalden, die sie in der Nähe von menschlichen Siedlungen finden. Dag Vongraven sagt:

Mit Eisbärenangriffen sei vor allem im Frühjahr zu rechnen, pflegten Inuits im vorigen Jahrhundert noch den Polarforschern zu erklären. Doch das hat sich geändert. Seit der Jahrtausendwende kam es fast nur von Juli bis Dezember zu Vorfällen – in jener Jahreszeit also, wo im Meer am wenigsten Eis zu finden ist. Das hat die Analyse sämtlicher bekannten Angriffe von 1970 bis 2014 ergeben, die ein internationales Forschungsteam vor drei Jahren publiziert hat.

Dieser Eisbär ist auf der norwegischen Insel Sjuoyane vor zwei Jahren erschossen worden, nachdem er einen Touristenführer angefallen hatte.

Dieser Eisbär ist auf der norwegischen Insel Sjuoyane vor zwei Jahren erschossen worden, nachdem er einen Touristenführer angefallen hatte.

Zwei Eisbären waren betäubt und abtransportiert worden

Meist sind es hungrige Männchen, die angreifen. Für sie ist der Mensch eine potenzielle Beute. Der Eisbär ist immerhin eines der grössten Landraubtiere, er kann über drei Meter lang und eine halbe Tonne schwer werden.

«Der Bär auf Spitzbergen ging zum Camping, weil er Hunger hatte», sagt Vongraven. Es handelte sich um ein dreijähriges Männchen. In diesem Alter ist der Bär zwar noch nicht geschlechtsreif, aber alt genug, um zu sich selber zu schauen. Die Mutter und ein kleines Geschwister des Bären waren gemäss BBC am Montag der vergangenen Woche von einem Team des Norwegischen Polarinstituts betäubt und mit einem Helikopter vom Dorf weggebracht worden. Auch der Bär, der später auf dem Zeltplatz auftauchte, sei dem Eisbärenteam bekannt gewesen. Er sei bereits früher in Hütten in Nähe des Dorfes eingebrochen. Am Mittwoch vergangener Woche hatte ihn das Team mit dem Helikopter verscheucht.

Nach seinem Angriff auf dem Zeltplatz wurde der Bär von einer anderen dort anwesenden Person angeschossen. Später wurde er tot auf dem Parkplatz des nahen Flugplatzes gefunden.

Seit 1973 dürfen Eisbären in Norwegen nur noch in Notwehr erschossen werden. Rund 3000 Eisbären leben aktuell in der Region um die Inselgruppe. Der Bestand ist stabil. In der globalen Roten Liste der gefährdeten Arten wird die Art aber als «verletzlich» eingestuft. Fachleute rechnen damit, dass die Bestände bis in die 2050er um mehr als dreissig Prozent schrumpfen könnten.

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