Nachwuchs

«Papa & Papi»-Kolumne: Kinder in der Elternrolle – nicht immer eine gute Idee

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In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über die speziellen Probleme, die auf eine Familie zukommen, wenn der Nachwuchs erstmals mit Puppen spielt.

«Ufstah! Ufstah!» Emphatisch klingt es am Samstagmorgen manchmal aus dem Kinderzimmer. Töchterchen war ausnahmsweise zuerst wach und will nun auch ihren Bruder aus dem tiefen Schlummer wecken. Söhnchen quittiert das jeweils mit einem fröhlichen Gluckser, als ob er schon längst darauf gewartet hätte, dass sich nebenan etwas tut. Tatsächlich ist meist Söhnchen zuerst wach, versucht sein Glück und nimmt Kontakt auf.

Frühaufsteher waren sie bisher nicht. Das war am Wochenende ganz schön für uns Eltern. So durften auch wir ein wenig länger die warmen Federn geniessen. An den zwei Tagen, an denen sie in die Krippe gehen, sah es anders aus. Es war keine schöne Aufgabe, sie wecken zu müssen.

Aber nun sind unsere zwei Kleinen unverhofft selber in die Elternrolle geschlüpft. Pünktlich zum zweiten Geburtstag hat sich unser Nachwuchs sozusagen verdoppelt. Genauer gesagt: Unsere Kinder haben selber Kinder. Die Grosseltern haben ihnen je ein Bäbi geschenkt. Seither sind unsere Siebenschläfer Frühaufsteher: «Ufstah! Bébé!», befiehlt Töchterchen nun bisweilen schon in aller Herrgottsfrühe. Und natürlich zu Recht. Denn Kleinkinder wollen gewickelt, angezogen und gefüttert werden.

Und wehe den jungen Eltern, wenn sie den Bedürfnissen des Plastiknachwuchses nicht nachkommen. Dann schreien die Bäbi und hören nicht auf, bis der Schnuller wieder im Mund steckt. (Unser erster Impuls war natürlich, zu prüfen, ob es auch eine Power-Taste gibt, um dem Quengeln auf anderem Weg ein Ende zu setzen. Dem ist zu unserem Leidwesen nicht so).

Nun kümmern sich Töchterchen und Söhnchen schon frühmorgens rührend um ihren Nachwuchs. Wobei rührend nicht mit zärtlich zu verwechseln ist. Zackig nimmt Töchterchen sich jeweils eines der Bäbi, legt es auf den harten Parkettboden unserer Wohnung und rammt ihm das Fläschchen in den Mund. Ziel erfüllt, Baby gestillt.

Nicht viel anders verhält sich Brüderchen: Als ob er eine Schraube eindrehen müsste, murkst er mit ordentlicher Gewalt seinem Schutzbefohlenen jeweils die Flasche in den Mund. Verantwortung übernehmen – das lernen sie nun. Zu anderen Sozialkompetenzen ist es offensichtlich ein weiterer Weg.

So wie neulich: Eine Freundin kam zu Besuch. Die Kinder hatten sie noch nie gesehen. Sie klingelte. Im Flur stand Söhnchen und wartete, wer da zur Tür hineinkommen würde. Die Freundin öffnete die Tür und trat ein. Es verging keine Sekunde, und Söhnchen zeigte auf ihren Bauch. Mit ernstem Blick konstatierte er: «Bébé.»

Offensichtlich hat Söhnchen hier bereits weitere Zusammenhänge gesehen: Er rannte davon und kam sogleich wieder um die Ecke gebogen. «Bébé trinke!» In letzter Sekunde erkannten wir den Ernst der Lage und konnten ihn gerade noch davon abhalten, ihr das Fläschchen in den Bauch zu rammen.

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