Kolumne

«Papa & Papi»: Willst du den Kartoffelstock mit Löffel oder Gabel essen?

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

«Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Michael Braunschweig (Bild: CH Media)

In seiner Kolumne «Papa & Papi» schreibt Ethiker Michael Braunschweig über das Elternsein mit seinem Mann und seinen Kindern. Diese Woche über einen Erziehungsmethode, die viel Zeit spart.

Meine Mutter hat mir viel mit auf meinen Lebensweg gegeben, ganz besonders eine Weisheit, an die ich mich derzeit oft erinnere:

Seit wir Eltern sind, eröffnen sich neue Tiefen des klugen Ratschlags. Dass Erkenntnisse sich nicht immer ohne Bitterkeit einstellen, muss mein Mann gerade erfahren: «Kommst du mit mir Zähneputzen?», «Darf ich dir die Schuhe anziehen?», «Gehen wir zusammen auf den Spielplatz?». Immer lautet die Antwort: «Nein, nicht du, Papi. Papa!»

Ich finde mich dabei in einer beklemmenden Lage: Einerseits nehme ich mit Befriedigung zur Kenntnis, dass meine Person gefragt ist, andererseits sehe ich mich in die unangenehme Situation gedrängt, dem Wunsch nur entsprechen zu können, indem ich meinem Mann den Platz streitig mache. Vor allem tut es weh, zuzusehen, wie er zurückgewiesen wird.

Ja, Kinder können direkt sein, und das ist manchmal hart – besonders, wenn man nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommt, sich vielleicht extra beeilt und den früheren Zug genommen hat, um noch mehr von den Kindern zu haben, und dann einen Abend lang Zurückweisung erfährt. Ich fände das frustrierend.

Mein Mann nimmt es gelassen. Er sagt, das könne er nicht persönlich nehmen, die Kinder würden das ja nicht so meinen. Das stimmt wahrscheinlich. Diese Gelassenheit, ja stoische Ruhe aufbringen zu können – dafür bewundere ich ihn. «Sei sicher, dass du die Antwort hören willst, bevor du fragst ...»

Aber das ist wohl das Risiko, das in jeder aufrechten, liebevollen Beziehung steckt: In der Liebe gibt es nun einmal keinen Zwang und auch keinen Anspruch auf Erwiderung – umso grösser ist das Geschenk, wenn sie tatsächlich erwidert wird, umso schmerzhafter auf der anderen Seite, wenn sie unerwidert bleibt.

Der Ratschlag hat aber auch eine nützliche Seite, die wir uns derzeit zu Nutze machen. Denn mit der paradoxen Intervention, von der ich früher berichtet habe, klappt es nun nicht mehr jedes Mal: Söhnchen hat das Spiel durchschaut, dass wir das Gegenteil vorschlagen, von dem, was wir erreichen wollen – und Töchterchen hat sich gar nie darauf eingelassen. Es kommt aber nach wie vor oft vor, dass unsere Pläne nicht mit den Plänen unserer Kinder übereinstimmen.

Einfach zu sagen: «Du darfst nicht», um eine Zustimmung zu erhalten, klappt nicht mehr. Stattdessen grenzen wir nun unsere Fragen ein: Wir fragen nicht mehr: «Magst du Kartoffelstock?», worauf die zu erwartende Antwort «Nein» wäre – ohnehin eine doofe Frage, wenn es gar keine Alternative gibt. Stattdessen fragen wir nun: «Willst du den Kartoffelstock mit dem Löffel oder mit der Gabel essen?» – völlig überfordert vor der Entscheidungsfrage, wählen sie dann einfach eine Alternative, und schon ist der Stock auf dem Teller, das Kind im Bad, die Zähne sind geputzt und das Licht gelöscht. Danke, Mama

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