Leben

Schritt für Schritt zum Gratis-ÖV?

Der ÖV soll für Jugendliche billiger werden, findet das Mitte-links-Lager.

Der ÖV soll für Jugendliche billiger werden, findet das Mitte-links-Lager.

Die Idee des 1000-Franken-GA stösst selbst bei Bürgerlichen auf gutes Echo – SP-Nationalrat Wermuth will sogar einen Systemwechsel.

Er selber gehöre zu den Privilegierten, gesteht Nationalrat Lorenz Hess (BDP). Als Parlamentarier hat er ein Generalabonnement. Davon profitieren auch seine beiden Töchter. «Sie kommen in den Genuss eines verbilligten GA», sagt er. Statt für 2650 Franken (16 bis 25 Jahre) können sie das GA zum Vorzugspreis von 925 Franken beziehen. Weil sie im gleichen Haushalt wie eine erwachsene Person mit Basis-GA leben.

Dieses System habe «soziale Ungerechtigkeiten» zur Folge, sagt selbst Hess. Er vertritt die Motion von Ex-Nationalrat Hans Grunder: Jugendliche bis 16 Jahre sollen den ÖV gratis nutzen können. Der Vorschlag sei radikaler als das 1000-Franken-GA, sagt Hess. «Die Jugendlichen werden damit für den ÖV sensibilisiert. Gleichzeitig wäre das eine Entlastung für die Eltern.»

Cédric Wermuth arbeitet auf Systemwechsel hin

Die Pläne, den ÖV für Junge billiger zu machen, scheinen im Mitte-Links-Lager mehrheitsfähig. «Die Pläne von Rytz gehen in die richtige Richtung», sagt Nationalrat Cédric Wermuth, wohl bald Co-Präsident der SP.

Als Co-Präsident der SP Aargau hatte Wermuth 2016 die Forderung aufgestellt, Kanton und Gemeinden sollten den ÖV im Aargau gratis zur Verfügung stellen. Eine Vision, die er noch heute vertritt. «Fernziel ist der Systemwechsel», sagt er. Sein Parteikollege Fabian Molina hatte im Frühling 2019 die Forderung aufgestellt, der Bund solle allen Jungen unter 25 Jahren ein Gratis-GA schenken.

Für Wermuth ist klar, dass pragmatische Schritte einen Systemwechsel vorbereiten müssen. «Erstens geht es darum zu verhindern, dass die Ticketpreise verteuert werden», sagt er. Das komme sozial- und klimapolitisch nicht in Frage. «In einem zweiten Schritt muss die ÖV-Infrastruktur auf dem Land ausgebaut werden und die Ticketpreise sollen sinken.» So will Wermuth den Weg frei machen für seine Vision: «Der ÖV soll gebührenfrei sein und von den Steuern finanziert werden.»

Es war Grünen-Nationalrat Michael Töngi, der die Idee eines 1000-Franken-GA für Jugendliche ursprünglich ins Spiel brachte. «Ich bin nicht für Gratis-ÖV», sagt er. «Aber wir brauchen günstige GAs für junge Menschen. Es kann nicht sein, dass jene in die Röhre schauen, die keine Eltern mit GA haben.»

Die Idee eines Jugend-GA fällt sogar bei SVP-Nationalrat Thomas Hurter auf fruchtbaren Boden, auch Präsident des Automobil Clubs der Schweiz (ACS). «Grundsätzlich finde ich das eine gute Sache», sagt er. «Es ist in Ordnung, wenn es für Jugendliche in Ausbildung günstiger ist.» Gratis dürfe es aber nicht sein. «Wir müssen am Kostendeckungsgrad des ÖV arbeiten.»

Wenig Freude an den Ideen von Rytz hat SVP-Nationalrat Benjamin Giezendanner. «Das ist Bauernfängerei», sagt er. «Die Grünen wollen den ÖV à gogo fördern, den Individualverkehr aber verhindern.» Der Vorschlag finde «auf dem Buckel der Randregionen» statt.

Augenzwinkernd fügt er hinzu, er fordere nun im Gegenzug, dass der Betriebsstoff bei Autos und Töffs für Jugendliche bis 25 Jahre um 30 Rappen verbilligt werde. «Damit könnte man etwas für die Randregionen tun.»

Was sagt man beim Verband öffentlicher Verkehr (VöV)? «Auch uns ist es ein Anliegen, dass möglichst viele Jugendliche den ÖV benützen», hält Direktor Ueli Stückelberger fest. Sei die Politik bereit, für die Mindererträge aufzukommen, stehe die ÖV-Branche der Diskussion «offen gegenüber». Eines will er nicht: Gratis-ÖV für Junge. «Was nichts kostet, ist nichts wert», sagt er. «Wir wollen aber einen qualitativ guten ÖV anbieten.»

Autor

Othmar von Matt

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